Bei Lkw-Flotten aus Ostländern sollen manipulativ installierte elektronische Bauteile, die die Nutzung des Schadstoffreinigers AdBlue vortäuschen, sehr gebräuchlich sein

© Atzenhofer Wolfgang

Chronik | Österreich
06/27/2019

Abgas-Betrüger mit 40 Tonnen sind im Visier

Manipulierte Schadstoffwerte bei jedem fünften Ost-Lkw befürchtet. Länder fordern Maßnahmen.

Kostensparende Tricksereien an Abgasanlagen ausländischer Lkw sollen im Transitland Österreich bald härter bekämpft werden. Untersuchungen lassen die Vermutung zu, dass zumindest bei jedem fünften Lastwagen aus Osteuropa die Emissionen weit höher sind, als sie laut Zulassungspapieren sein dürften. Einige Schätzungen gehen sogar davon aus, dass jeder dritte Ost-Lkw manipuliert ist.

Grund dafür sind eingebaute Zusatzgeräte, die der Fahrzeugelektronik eine funktionierende Abgasnachbehandlung durch die AdBlue-Anlage vortäuschen.

Mit dem Harnstoff-Zusatz „AdBlue“ wird der Stickoxid-Ausstoß bei den moderneren Lkw-Typen der Klassen Euro 5 und Euro 6 um bis zu 90 Prozent reduziert. Adblue muss ständig nachgefüllt werden und kostet die Lkw-Betreiber rund 85 Cent pro 100 Kilometer. Bei einer Jahresleistung von mehreren hunderttausend Kilometern pro Brummi im Fernverkehr lassen sich durch Verzicht auf den Zusatz gleich einmal 2500 Euro einsparen, rechnet Oberösterreichs Umweltlandesrat Rudi Anschober, Grüne, vor. Schon um 50 Euro sollen in Osteuropa weit verbreitete elektronische „AdBlue-Killer“ im Internet erhältlich sein.

Untersuchungen

„Gutachten der Universität Heidelberg haben ergeben, dass in Deutschland ein Fünftel der Euro 6-Lkw manipuliert und damit der Stickoxid-Ausstoß um ein Vielfaches höher war“, schildert Anschober. Ein ebenso dramatisches Bild haben Kontrollen der Heidelberger Experten im Vorjahr auf Tiroler Transitrouten ergeben. „Es ist davon auszugehen, dass 30 Prozent der Euro-6-Lkw auf diese Weise manipuliert sind. Juristisch ist das Mautbetrug, weil für diese Fahrzeuge ja wegen der angeblich geringeren Emissionen weniger Gebühr gezahlt wird“, beklagt Tirols Umwelt- und Verkehrsreferentin Ingrid Felipe, Grüne.

Beim morgen, Freitag, in Graz stattfindenden Treffen der Umweltreferenten der Bundesländer will man die Problematik in einem Tagesordnungspunkt auf’s Tapet bringen. Unter dem Arbeitstitel „Schaffung von technisch effektiven und effizienten Möglichkeiten zur Überwachung der Einhaltung der Abgasvorschriften“ soll ein entsprechender Antrag an die Verkehrs- und Umweltminister gestellt werden. Derzeit seien die Manipulationen nämlich schwer zu beweisen: „Eine Feststellung durch die Polizei ist gar nicht möglich. Es bedarf dafür bester geschulter und ausgerüsteter Amtssachverständiger “, erklärt Anschober.

Für Felipe ist es wichtig, die nötigen Abgasmessungen gesetzlich zu abzusichern, damit die Betrüger ausgehoben werden können. „Aber auch der Tatbestand des Mautbetrugs ist mir viel zu wenig, da geht es ja auch um eine massive bewusste Luftverschmutzung“, erklärt sie.

Anschober hat zudem ein besonderes Eigeninteresse, die Abgassünder zu stoppen: OÖ steht ein Vertragsverletzungsverfahren der EU ins Haus, weil NO₂-Grenzwerte bei Messstellen an der A1 bei Enns und beim Römerbergtunnel in Linz überschritten werden. Der Kampf gegen manipulierte Ost-Lkw ist Teil des geplanten oö. Maßnahmenpakets.

AdBlue

Bei vielen Dieselfahrzeugen der „saubersten“ Generation wird bei der Abgasreinigung eine Harnstofflösung eingespritzt, am geläufigsten  ist die Marke AdBlue. Damit  kann  der Ausstoß von Stickoxiden um bis zu 90 Prozent reduziert werden.  Der typische  Verbrauch des Zusatzes  liegt bei  modernen Lkw  bei  1,5 Liter für 100 Kilometer.  Ein Liter  kostet derzeit    rund knapp über einem Euro.  
Untersuchungen in Tirol im Sommer 2018 zeigten, dass vermeintlich „saubere“ Euro-6-Lkw  das Fünf- bis Zehnfache  – in  manchen Fällen gar das Zwanzigfache –  des Stickoxid-Grenzwerts   ausstoßen. Überprüfungen in OÖ zeigten, dass  viele schwere Nutzfahrzeuge als „extrem verdächtig“  auffielen. In Deutschland gibt es Studien, die den Maut-Ausfall durch den Betrug  in den vergangenen fünf Jahren mit einer Milliarde Euro beziffern