© Robert Parigger

Chronik Österreich
02/02/2019

Après-Ski: Ab geht die Party, die Party geht ab

Alpenglühen und Hüttenzauber als „ein tiefes Bedürfnis des modernen Menschen nach Vergemeinschaftung“.

von Gabriele Kuhn

Geh mal Bier hol’n

Du wirst schon

wieder hässlich

1, 2 Bier

und du bist wieder schön. (Mickie Krause)

An der Schirmbar, nachmittags um halb fünf. Minus drei Grad, die Stimmung ist aufgeheizt. Leicht bekleidete Go-go-Girls tanzen zu einem der bekanntesten Hüttenhits auf dem Tisch oder rekeln sich an Pole-Stangen. Wenigstens Fell-Moonboots haben sie an. Männer in Daunenjacken grölen: „Auszieh’n, auszieh’n!“

„Gesellige Runde mit Pistensau und Skihaserl“, heißt das im Eventmarketing-Deutsch. Aufschrei? Nicht doch. Lieber ordern auch junge Frauen fernab von Sexismusdebatten eine weitere Runde „Flying Hirsch“ und johlen den nächsten Hit: „Dicke Titten, Kartoffelsalat! Olé! Olé! Olé!“ Willkommen in den „Hütten zum Schütten“. Im Fest-Jahreslauf halten wir bei der Station „Après-Ski“ – nach Mallorca und Oktoberfest. Gestern Strand und Wies’n, heute Schnee und Schmäh.

Hauptsache, Druck auf den Ohren – und losgelöst. Die Hits sind die gleichen, das Partyvolk ist berauscht – von Flügerln, Feigerln, Zirberln, vor allem aber von sich selbst und jenem besonderen Zustand, den viele als „Freisein, endlich“ beschreiben. Modernes Alpenglühen – von Wolfgang Ambros in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts vergleichsweise lieblich als „Schifoan, foan, foan!“ besungen. Aber gut, da tuckerte man noch im Einser-Sessellift herum und ahnte nichts vom modernen Zauber „alpiner Erlebniswelten“. Heute schieben 8er-Sesselbahnen mit Popowärmern die Freunde der Brettlsause en masse Richtung Berg. Dort sind alle gleich, heißt es. Städter, die sonst nach der Arbeit an Gin oder Chardonnay nippen, fischen beschwipstes Obst aus schlechtem Brand, als gäb’s kein Morgen. „Irgendwann besteht der Körper nicht aus 70 Prozent Wasser, sondern aus 70 Prozent Jägermeister“, johlen fünf junge Frauen, die sich zum „Mädels-Urlaub“ im Salzburgischen eingefunden haben. Ferien mit nur mäßigem Erholungswert.

Was daran lustig ist? „Die laute Mucke, das Abtanzen“, sagt die Brünette im schwarzen Designeranorak. „Das verschwitzte Gefühl von Einheitlichkeit. Man verschmilzt zur Masse, alle stinken vom Skifahren, doch das ist egal. Weil jede Noblesse verschwindet“, wissen die fünf. Hoch die Gläser, rauf auf den Tisch, das Leben feiern, kollektives carpe delirium.

Tiefes Bedürfnis

Profan? Keineswegs, meint der deutsche Soziologe Sacha Szabo. Es geht – ähnlich wie beim Ballermann im Sommer – nicht nur um banale Sehnsüchte. Vielmehr zeige sich in dem Phänomen „ein tiefes Bedürfnis des modernen Menschen nach Vergemeinschaftung“, schreibt der Experte für „Unterhaltungswissenschaft“. In seiner Betrachtung „Ballermann. Das Buch“ (Verlag Tectum) hat er sich vor allem mit dem Partygetriebe auf der spanischen Urlaubsinsel Mallorca auseinandergesetzt. Für ihn ist das einer jener Orte, an dem sich „unsere Gesellschaft als Erlebnisgesellschaft ihrer selbst versichert“. Dabei wollen sich die Menschen von der Last der Endlichkeit des Daseins und der Verletzlichkeit des Lebens befreien, um Momente der Ekstase und Berauschung zu erleben. In den Alpen halt 1000 Meter über Meeresniveau, wo Hüttenpartys im Ballermann-Stil als „eine Welt der Außeralltäglichkeit“ erlebt werden. Man geht auf Distanz zum Alltag.

Die Formel dafür könnte kaum schlichter sein: Skifahren, Saufen & Sex. Dazu werden Hütten-Hits gereicht, die die erschöpften Sportler nach einem harten Tag auf der Piste mental nicht allzu überfordern. „Dafür muss ich mich nicht schämen, das Leben ist sonst eh anstrengend genug“, verteidigt sich die brünette Salzburg-Urlauberin. Und startet die Après-Ski-Party mit einem leichten, weißen Spritzer. Mal sehen, was der Spätnachmittag noch so bringt.

PS: Zu Wirkungen und Nebenwirkungen erhöhten Alkoholkonsums auf der Piste fragen Sie bitte Ihren Unfallchirurgen.