Hubert Gaisbauer, 80

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Chronik Oberösterreich
02/03/2019

„Zärtlichkeit bedeutet, angesehen zu werden“

Hubert Gaisbauer. Das für den Menschen so wichtige Wort Zärtlichkeit ist aus der öffentlichen Sprache verschwunden.

von Josef Ertl

Schonungslos zärtlich“ nennt sich das neue Buch von Hubert Gaisbauer, der viele Jahre lang die Jugend- und Gesellschaftsabteilung und die Abteilung Religion im ORF-Radio geleitet hat. Er war 1967 Mitbegründer des Radioprogramme Ö1 und Ö 3. Gaisbauer, der am 22. Jänner seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, stammt aus Hagenberg bei Linz und hat das Petrinum besucht.

KURIER: Ihr neues Buch ist ungewöhnlich. Was hat Sie dazu motiviert?

Hubert Gaisbauer: Es haben sich zwei Ströme vereint. Die Lektorin, die meine anderen Bücher im Tyrolia-Verlag herausgebracht hat, hat vorgeschlagen, dass wir eine Art Summary meiner Texte und Bücher machen. Ich wollte zum 80. Geburtstag nicht gefeiert werden, aber das war, ehrlich gesagt, auch ein stiller Wunsch von mir. Aus dieser Idee ist das Buch entstanden. Bei der Durchsicht der Texte gab es viele Schnittmengen, was ich wollte und was ihr gefallen hat.

Allein der Titel „Schonungslos zärtlich“ ist außergewöhnlich. Von Zärtlichkeit wird in der Öffentlichkeit kaum gesprochen.

Das Buch sollte ursprünglich einen anderen Titel haben, das berühmte Wort Erklär mir, Liebe von Ingeborg Bachmann in „Böhmen liegt am Meer“. Wir haben uns dann entschieden, den Titel aus einer Geschichte des Buches zu nehmen. Die Geschichte der Wiener Malerin Marie-Louise von Motesiczky, die nach London emigriert ist und die den Alterungsprozess ihrer Mutter in Bildern festgehalten hat. Sie hat einen ganzen Zyklus gemalt. Das hat mich zum Titel geführt. Schonungslos, was die Wahrheit des Alterns betrifft. Und gleichzeitig zärtlich in einer liebevollen Zuwendung, die die Tochter ihrer Mutter gegeben hat. Dieses Zusammenkommen von Wahrheit und Liebe ist für mich am schönsten im Begriff schonungslos zärtlich. Ich bin sehr, sehr glücklich über den Titel. Mit zwei, drei Ausnahmen trifft der Titel auf jede der 28 Geschichten zu.

Am 19. März 2013 hat mich ein Mann erstaunen lassen, bei ihm ist mir der Begriff Zärtlichkeit überhaupt erst aufgegangen. Das war Papst Franziskus bei seiner Antrittsrede. Er rief die Menschen auf, habt Mut zur Zärtlichkeit, habt keine Angst vor der Zärtlichkeit. Dem bin ich nachgegangen.

Was heißt Zärtlichkeit?

Einem Bettler nicht nur Geld in den Becher zu werfen, sondern ihm ins Gesicht zu schauen. Ihm die Würde als Mensch zu spiegeln, dass er sich als Mensch erkennt.

Dazu kommt noch ein anderer Mensch, der hier wesentlich ist. Der Schweizer evangelische Pfarrer und Dichter Kurt Marti, der das Büchlein „Theologie der Zärtlichkeit“ geschrieben hat. Er hat alle Sonntagsgottesdienste bei den Gefangenen gefeiert. Er hat die Basler Bürger nicht ausgehalten. Für ihn ist Zärtlichkeit der Exorzismus von Herrschaft. Das geht nicht zusammen.

Die Kapitel sind völlig verschieden. Sie handeln von völlig verschiedenen Menschen aus völlig verschiedenen Zeiten. Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl vorgenommen?

Die allererste Prüfstation ist meine Frau Renate. Bevor irgendetwas außer Haus geht, sieht sie es und es wird mit ihr besprochen. Wenn etwas schnell gehen muss und ich ihren Rat nicht mehr einholen kann, denke ich mir, hoffentlich geht es gut.

Ursprünglich gab es die Idee, so eine Art neuen Heiligenkalender zu gestalten. Aber es sind nicht nur Geschichten von Menschen enthalten, sondern auch Themen. Es ist die Leistung des Lesers festzustellen, was die Geschichten miteinander zu tun haben.

Das Buch enthält wunderbare Sätze wie „Angeschaut und angesehen werden ist ein Urbedürfnis des Menschen, das zum Überlebensprinzip Urvertrauen führt“.

Dieser Satz ist von Erik Erikson, einem berühmten Psychoanalytiker, der Schüler von Sigmund Freud war. Erikson hat das Urvertrauen in der Psychologie entdeckt. Ein Kleinkind kann nur überleben, wenn es dieses Urvertrauen entwickeln kann, indem es angesehen wird. Babys, die nicht angesehen werden, werden nicht lebensfähig. Dieses angesehen werden ist Zärtlichkeit, es ist ein Lebenselixier. Es lässt den Menschen leben, unabhängig vom Alter, beginnend vom Baby bis ins hohe Alter. Das angesehen sein hat ja auch eine mehrfache Bedeutung in der Sprache. Das geht bis ins Religiöse und Spirituelle. Das wird bei den Ikonen sehr deutlicher. Sie schauen dich an.

Ein sehr bemerkenswerter Satz im Buch lautet „die Zärtlichkeit des Körpers ist das Erbarmen und nicht die Stillung der Gier“.

Dieser Satz ist abgeleitet von Kurt Marti. Er sagt, die Gier ist es nicht.

Bei unserem ersten Gespräch vor rund 25 Jahren haben Sie über das Radio gesagt, letzten Endes sind wir eine moralische Anstalt.

Ich bin nach wie vor dieser Meinung.

Im Vorwort des Buches bezeichnen Sie sich selbst als überzeugten Moralisten. Der Begriff Moralist ist nicht unbedingt positiv besetzt. Moralisten gelten als Menschen mit erhobenem Zeigefinger, das sind Menschen, die den anderen erklären, was sie zu tun haben und ihnen Verhaltensweisen aufdrücken, die diese nicht wollen. Als welche Art von Moralist verstehen Sie sich?

Ich bin ein Moralist im Sinne des altphilosophischen Wörterbuchs von 1920. Dieser Moralist zeichnet sich durch eine leidenschaftliche Stellung zu Mensch und Gesellschaft aus. Und ich füge hinzu, auch zu Religion.

Je älter ich geworden bin, umso leidenschaftlicher bin ich in den Dingen geworden, die die Gesellschaft betreffen. Der Erste, der mir hier aufgefallen ist, war der Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief, der gesagt hat, ja, ich bin Moralist, das ist meine Arbeit, ich mache den Menschen ihre Wunden bewusst.

Oder auch der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, der viel Geld verdient hat und es in Afrika investiert hat. Es gibt noch viel mehr Menschen, die zum Begriff Moralist stehen, obwohl er so moralinsauer geworden ist.

Was fällt dem Moralisten Gaisbauer auf, wenn er auf die Gesellschaft blickt?

Die Rückkehr zu unseren Nationalismen und zu unseren Suppentellern, in die uns niemand hineinspucken soll, regt mich auf. Vor allem dieser Zynismus einer Regierungspartei, dass die Fremden an allem schuld sind. Ich bin mit dieser Regierung nicht einverstanden. Weder mit der sehr glatt polierten Message des Herrn Bundeskanzlers noch mit den Aktionen des Herrn Innenministers. Da kann ich mich wirklich erregen. Da wird von den Flüchtlingen verlangt, dass sie Deutsch können müssen, damit sie am Futternapf mitessen dürfen. Aber gleichzeitig werden die Deutschkurse gestrichen. Es wird alles getan, damit es diesen Menschen nicht gut geht.

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