Chronik | Oberösterreich
10.06.2018

„Wer hätte gedacht, dass wir hier Spielfilme zeigen“

Vor 80 Jahren wurde das Konzentrationslager Mauthausen in Betrieb genommen. 250.000 kommen jährlich zur Gedenkstätte.

Barbara Glück leitet die Gedenkstätte Mauthausen samt mehreren anderen Erinnerungsorten. Mit ihrem Team versucht sie den jährlich rund 250.000 Besuchern die Tragödie des Ortes und die Systematik der Massenvernichtung zu erklären. Die Gedenkstätte ist im Innenministerium integriert. Bei den heurigen 80-Jahr-Gedenkveranstaltungen in Wien kam es auch zu kritischen Statements in Richtung der Regierungspartei FPÖ.

KURIER:Sind die Befreiungsfeiern im heurigen Gedenkjahr in Mauthausen intensiver begangen worden?

Barbara Glück:Nein, eigentlich nicht. Wir sind da nur Mitveranstalter, das Mauthausen-Komitee Österreich veranstaltet die Befreiungsfeiern. Es ist Tradition, dass seit Kriegsende die Überlebenden und nun schon die nachfolgenden Generationen die Feiern organisieren. Das Mauthausen-Komitee Österreich feiert an vielen Orten. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Was ist hier für den August geplant. Vor 80 Jahren wurde das KZ Mauthausen ja bezogen?

Wir veranstalten jedes Jahr zum Gedenken an die Ankunft der ersten Häftlinge am 8. August 1938 eine ungewöhnliche Gedenkfeier mit einer Open-Air-Filmretrospektive. Es werden mit dem Institut für Zeitgeschichte in Wien Spielfilme zu Themen ausgesucht. Das findet bei Schönwetter draußen am Vorplatz statt.

Welches Thema steht heuer an?

Das Thema heißt ,Ankunft‘. Es geht eben um das Ankommen der Gefangenen am Bahnhof in Mauthausen. Die Sonderausstellung der ÖBB, deren zweiter Teil bei uns zu sehen ist, beschäftigt sich ebenfalls damit. Unsere Idee war, eine Verbindung mit der Marktgemeinde Mauthausen herzustellen. Das KZ hier war kein isolierter Ort. Wir wollen eine Verbindung herstellen. Einerseits zwischen dem Ankommen der Häftlinge im Ort und dem Lager hier.

Wie stark ist das Bewusstsein im Ort Mauthausen und bei seinen Repräsentanten? Da gibt es ein sehr starkes Bewusstsein. Der Bürgermeister selbst ist sehr engagiert und begleitet selbst auch Besuchergruppen.

Was hat sich da zu früher geändert?

Ich würde einmal sagen, das ist auch dem Generationenwechsel geschuldet. Unsere Generation hat einen anderen und oft auch unbelasteteren Zugang zu diesem Thema. Wer hätte jemals gedacht, dass wir hier im ehemaligen Konzentrationslager Spielfilme zeigen können. Aber der Film ist für viele Menschen ein sehr hilfreicher Zugang zu diesem Thema.

In der Region wurde ja eine Bewusstseinsregion eingerichtet. Gemeinden verknüpfen die Gedenkstätte auch mit touristischen Aspekten. Wie heikel war das Zustandekommen?

Wir sind Mitglied in der Bewusstseinsregion und unterstützen das. Initiatoren waren die Gemeinden. Das sind vorerst Mauthausen, St. Georgen an der Gusen und Langenstein. Es ist möglich, dass bald mehr Gemeinden dabei sind.

Es gibt ja über das Jahr eine Reihe von Sonderaktionen. Etwa auch Märsche vom Bahnhof herauf zur Gedenkstätte.

Ja genau. Das sind eben unsere Angebote, um den Umgang mit dem Thema und zu diesem Ort zu ermöglichen. Die Interessen und Zugänge sind verschieden. Wir wollen natürlich, dass immer mehr Menschen hierher kommen und sich mit dem Thema auseinandersetzen. Dabei hilft uns natürlich ein Gedenkjahr.

Ist das in den heurigen Besucherzahlen bemerkbar?

Das werden wir erst sehen. Aber meine pädagogische Leiterin hat mir mitgeteilt, dass der heurige Februar außergewöhnlich gut frequentiert war. Dieser Monat ist normalerweise nicht sehr intensiv. Wir gehen davon aus, dass Gedenkjahre für viele die Gelegenheit bieten, die sonst nicht herkommen.

Wie groß ist die jährliche Besucherzahl jetzt?

Im letzten Jahr waren es 250.000.

Wie viele Mitarbeiter sind beschäftigt?

Alle zusammen sind es 130. Wir haben mehrere Standorte zu betreuen. Die Gedenkstätte in Gusen, dort sind wir auch Nutzer des Bergkristallstollens. Dann die Gedenkstätten in Ebensee, in Melk und am Loiblpass in Kärnten. Dazu kommen die Forschungsstelle und die Bibliothek in Wien.

Gibt es anstehende Projekte mit Gemeinden?

Ja immer wieder stehen kleinere Projekte an. Etwa gerade in Aflenz in der Steiermark. Viel passiert ist in Steyr, wo jetzt eine Ausstellung im Luftschutzstollen läuft. Das bewegt wahnsinnig viele.

Wann ist die neue Art der Präsentation hier eröffnet worden?

Das Besucherzentrum wurde 2003 errichtet, die neuen Ausstellungen 2013.

Welche Nationalitäten fallen unter den Besuchern auf?

Wir haben viele spanische, italienische, französische Besucher, viele auch aus den Niederlanden, weil von dort viele Juden hierher deportiert worden sind.

Gibt es Besucher, die auffällig oft kommen?

Ja natürlich. Lehrerinnen und Lehrer. Das sind unsere wichtigsten Partner würde ich sagen. Weil die natürlich jedes Jahr eine andere Klasse haben.

Gibt es Neues für Schulen?

Wir bieten den Gedenkworkshop an. Wir fragen die Jungen, was für sie Gedenken bedeutet. Wir sagen, sucht euch einen Ort am Areal aus, mit dem ihr einen persönlichen Bezug herstellen könnt?

Haben Sie ein Beispiel? Eine Gruppe hat sich den Appellplatz ausgesucht. Das war im KZ eine Art Hauptplatz, wo sich alle getroffen haben, weil sie mussten. Dort wurden Leute ermordet. Der persönliche Link der Schüler war, dass sie daheim auch Hauptplätze haben. Dort können sie frei hingehen, dort stehen oder auch demonstrieren. Ihr Fazit war, jedes Mal wenn sie sich dort befinden daran zu denken, dass das nicht selbstverständlich ist.