Chronik | Oberösterreich
15.07.2018

Windtner: „Unsere Wahrheit beginnt im Spiel gegen Bosnien“

Der ÖFB-Chef über die Folgen der WM für Österreichs Team. Der 67-jährige Florianer tippt auf Frankreich als neuen Weltmeister.

Leo Windtner ist seit 2009 Präsident des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB). Der 67-Jährige war von 1985 bis 1995 Bürgermeister von St. Florian bei Linz und von 1994 bis 2017 Generaldirektor der Energie AG. Er ist auch Obmann der Florianer Sängerknaben.

KURIER: Was ist Ihr Gesamteindruck von der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland?

Leo Windtner: Es ist eine tolle Weltmeisterschaft, eine der besten, die wir bisher gesehen haben. Das Niveau der Nationalteams ist stark zusammengerückt.

Es gibt keine wirklich schwachen Teams mehr.

Die Underdogs sind ausgestorben, weil jede Nation Spieler in den Topligen Europas hat, die ein entsprechendes Niveau mitbringen. Der Großteil der Trainer macht einen exzellenten Job, was Gegneranalyse und Taktik betrifft. Ab dem Viertelfinale sind die Mannschaften fast alle auf einer Höhe. Das sieht man an der Vielzahl der Verlängerungen und der Elfmeterschießen. So glänzende Torhüterleistungen hat man selten gesehen. Eine Vielzahl von Torhütern hatte Top-Klasse.

Wie beurteilen Sie Deutschland?

Es hat den Supergau gegeben, den niemand für möglich gehalten hat. Wenn alle negativen Faktoren zusammenwirken, kann so etwas rauskommen.

Das hat sich in den Vorbereitungsspielen bereits abgezeichnet, zum Beispiel gegen Österreich.

Man hat erkennen können, dass es nicht so rund läuft, so wie bei uns Österreichern bei der Europameisterschaft 2016. Sie haben ebenso wie wir damals gehofft, den Reset-Knopf im entscheidenden Augenblick zu finden, aber es ist nicht gelungen.

Welche Schlüsse kann der ÖFB aus der WM ziehen?

Wir wollen den Weg der Talenteförderung auf höchstem Weg weitergehen. Wir wollen die Bundesligaklubs anhalten, diesen Weg mit zu beschreiten und die Talente zum Einsatz zu bringen. Die Kroaten lassen ihre Talente in den Klubs sehr früh mitspielen und geben sie nicht sofort an das Ausland ab. Die Nationalteams können nur mit Top-Trainern bestehen. Sie müssen in den Spielsystemen flexibel sein. Das haben wir in der Ära von Franco Foda geschafft. Die Homogenität des Nationalteams ist zu 100 Prozent hergestellt.

Die beiden Freundschaftsspiele gegen Russland und Deutschland waren gut, gegen Brasilien hatten wir keine Chance.

Gegen Brasilien haben zwei Dinge mitgespielt. Wir mussten den Spielern zwischen den Matches gegen Deutschland und Brasilien Urlaub geben. Es ist dann nicht mehr gelungen, diesen Fokus wieder zu erreichen. Bei Brasilien ist jeder um sein Leiberl gelaufen. Speziell in der zweiten Halbzeit hat man gesehen, wie stark sie waren. Ich bin darüber nicht unglücklich, weil die Erwartungshaltung reduziert wurde.

Die Wahrheit beginnt am 11. September, wenn wir gegen Bosnien in der Nations League auswärts antreten. Wir wollen die Gruppe gewinnen. Am 6. September haben wir ein nettes Freundschaftsspiel gegen Schweden.

Bei der Weltmeisterschaft 2026 sollen 48 Nationen antreten. Wie kann man das bewältigen?

Man hat das bereits für Katar 2022 überlegt, aber dann davon Abstand genommen. Die Welt rückt zusammen, auch die Qualität der Nationalteams. Bei der Erweiterung denkt man an Afrika, Asien und Ozeanien.

Hat es vermarktungstechnische Gründe, dass man den Fußball in jenen Regionen noch bekannter machen will, wo er noch nicht so verbreitet ist?

Dieses Momentum spielt mit, das ist klar. Wenn ein Land an einem WM-Turnier teilnimmt, ist das ein Highlight für die ganze Nation. Speziell die kleineren Länder werden von einer Euphorie erfasst.

Wir haben die WM beim FIFA-Kongress in Moskau ganz bewusst an Kanada, die USA und Mexiko vergeben, denn die drei Länder können das stemmen.

Der saudische Kronprinz hat der FIFA 25 Milliarden Dollar für eine Weltmeisterschaft der besten Klubmannschaften der Welt angeboten. Das Projekt wurde vorerst zurückgestellt.

Bei allen Erfordernissen, die die Globalisierung des Fußballs mit sich bringt, muss man aufpassen, dass man nicht in die Spirale der totalen Gigantonomie gerät und vom Turbokapitalismus erfasst wird. Gewisse Signale in diese Richtung sind bereits da, wenn man sich die Transfersummen und die Gehälter ansieht, die bezahlt werden. Das finanzielle Fairplay, das die UEFA eingeführt hat, erweist sich heute schon als zahnlos, wenn man sich ansieht, wie der Transfer von Neymar abgelaufen ist. Die Einführung von Limitregelungen wird notwendig sein.

Wie soll das funktionieren, wenn jemand extrem viel Geld für einen Spieler anbietet?

China hat jetzt eine Deckelung eingeführt. Ein gewisser Anteil der Transfersumme muss an die Nachwuchsförderung gehen. Es ist wichtig, dass die kleinen Nationen nicht einfach nur abkassiert werden, was die Talente betrifft. Das ist auch ein Auftrag an die UEFA. Es ist gerade zu bestürzend, wie sich die Großen und Kleinen auseinanderentwickeln, wenn man sich die Champions League und die Europa League ansieht. Man muss aufpassen, dass Fußball-Europa hier nicht noch mehr aufeinanderdriftet.

Kleine Länder wie Belgien, Uruguay, Schweden und Kroatien haben sich besser entwickelt als Österreich. Was machen Sie anders?

Kroatien ist ein Sonderfall, weil die gesamte Nation dem Ballsport alles unterordnet. Ähnlich ist die Situation in Uruguay, das der erste Fußballweltmeister war. Wir haben Schweden vor drei Jahren auswärts mit 4:1 geschlagen. Der schwedische Präsident, mit dem ich befreundet bin, hat mir gesagt, das war das schlimmste Spiel, das er zu Hause erlebt hat. Schweden hat sich aber konsolidiert.Das wäre auch bei uns möglich gewesen, wenn wir die WM-Qualifikation nicht so verspielt hätten. Es wurden aus der verlorenen Europameisterschaft die notwendigen Schlüsse sofort im Anschluss nicht konsequent umgesetzt.

Es spielen eine Reihe österreichischer Fußballer im Ausland, aber bis auf Alaba wenige bei wirklichen Top-Klubs.

Wenn man in der englischen Premier League spielt, ist man bereits angekommen. Leverkusen und Leipzig sind auch gute Klubs. Manche Spieler sind jung und erfolgreich, da kann es sicher noch aufwärtsgehen.

War es politisch richtig, die WM nach Russland zu vergeben? Immerhin hat man dem isolierten Präsidenten Putin eine Bühne geboten.

Erinnern wir uns an die Zeiten, als Atlanta oder Moskau boykottiert wurden.

Es hat letzten Endes nichts gebracht. Die WM ist top organisiert, die elf Städte sind her ausgeputzt. Die Stadien sind auf Top-Niveau. Spürbar sind die Kontrollen. Aber diese Kontrollen hat es nach den Terroranschlägen auch in Europa gegeben.

Windtner: LASK braucht ein Stadion mit 18.000 Plätzen für Länderspiele

Können derartige sportliche Großereignisse nur mehr von autoritären Staaten durchgeführt werden, weil sie in demokratischen Staaten nicht mehr durchsetzbar sind?

Diese Problematik ist in den vergangenen Jahren akuter geworden. Es wurden Anlagen mit einem riesengroßen Aufwand gebaut, die dann verfallen. Siehe Südafrika oder Brasilien. Das war auch der Grund, warum Marokko nicht WM-Austragungsort geworden ist. Es hat einen Masterplan vorgelegt, wo zehn neue Stadien aus dem Boden gestampft worden wären. In Kanada, USA und Mexiko hingegen ist die Stadieninfrastruktur gegeben.

Aufgrund dieser Entwicklung ist die Sehnsucht erkennbar, dass man zu normalen Spielen zurückkehrt, die überschaubar sind und wo die Sportler im Mittelpunkt stehen und nicht die Gigantomanie, mit der sich ein Land profilieren will. Dadurch wäre die Bewerbung von Innsbruck fast ein Idealfall für das IOC geworden. Wenn nicht das Ergebnis der Volksabstimmung so gekommen wäre.

Die WM hat gezeigt, dass der Ballbesitzfußball an seine Grenzen gelangt ist. Es gab Mannschaften, die bis zu 75 Prozent im Ballbesitz waren und trotzdem verloren haben.

Er hat sich überlebt. Das hängt auch damit zusammen, dass im Offensivbereich Topleute unterwegs sind. Es kommt darauf an, die entscheidenden Situationen zu nutzen.

Ohne ein schnelles Umschaltspiel haben die Spieler die Räume nicht.

Das ist das Wichtigste. Der belgische Konter zum 3:2 gegen die Japaner war einer der schönsten der vergangenen Jahre. Ein Lehrbeispiel.

Es wird neue Konzepte brauchen, damit Kreativität über die Defensive siegen kann.

Das ist richtig. Damit wird die Rolle eines Teamtrainers aufgewertet.

Der LASK spielt in Pasching, was kein Renommee für die Sportstadt Linz ist. Wie ist aus Ihrer Sicht der aktuelle Stand beim Stadionneubau?

Mit Harry Gartler wurde ein Mann geholt, der wirklich Erfahrung vom Rapid-Stadionbau einbringen kann. Entscheidend ist, dass die LASK-Führung heute sehr solide wirtschaftet. Der LASK ist erfreulicherweise, aber doch überraschend im internationalen Wettbewerb. Er braucht dafür eine Spielstätte, die internationalen Standards entspricht. Jetzt muss er auf die Gugl ausweichen, was nur eine Notlösung ist.

Was soll man mit der Gugl machen? Abreißen und neu bauen?

Man wird sie aus politischen Gründen nicht abreißen können. Für Blau Weiß Linz wäre ein Stadion mit 3000 Zuschauern an der Donau die adäquatere Lösung. Der LASK braucht ein Stadion von internationalem Standard mit einer Zuschauerkapazität von mindestens 18.000 Plätzen. Das habe ich dem LASK-Präsidenten in meinem letzten Gespräch auch ans Herz gelegt. Dadurch wäre es auch wesentlich einfacher, wieder Länderspiele nach Linz zu vergeben.

Hat man es versäumt, im Zuge der Europameisterschaft 2008 für eine entsprechende Stadionstruktur zu sorgen?

Das betrifft Linz, das Priorität beim Stadionbau 2008 gehabt hätte und so wurde die Arena in Klagenfurt gebaut. Und es betrifft das Ernst-Happel-Stadion in Wien, wo wir heute immer noch den Versäumnissen nachlaufen.

Andere Länder haben solche Ereignisse für Neubauen genutzt.

Polen hat beispielsweise ein Nationalstadion gebaut. Budapest baut das neue Puskas-Stadion mit 68.000 Plätzen fertig. Belgrad baut ein 50.000-er Stadion.

Wie viele Zuschauer sollte der Neubau in Wien umfassen?

60.000 Plätze wären eine ideale Sache.

Der nächste Weltmeisterschaft ist zur Adventszeit 2022 in Katar. Public Viewing wird dann am Punschstandl stattfinden. Das ist doch ein Symbol für die Fehlentwicklung.

Man hat daraus gelernt, indem die jetzige Vergabe nicht mehr durch das FIFA-Exekutivkomitee, sondern durch den FIFA-Kongress, sprich durch alle 209 stimmberechtigen Nationen erfolgt ist.

Wer wird das heute stattfindende Weltmeisterschaftsfinale gewinnen? Krönt sich Frankreich oder doch Kroatien?

Ich glaube, dass es Frankreich schaffen wird. Sie haben durchgehend Topqualität. Dass die Kroaten die letzten drei Spiele über 120 Minuten gegangen sind, war bewundernswert. Aber die Gefahr, dass sie dem nun Tribut zollen müssen, ist da.