Teodoro Cocca

© JKU

Interview
10/07/2019

„Standort wird stärkeres Thema“

Teodoro D. Cocca, Professor für Asset Management an der Linzer Johannes Kepler Universität, gibt einen Kapitalmarktausblick

Der Schweizer Teodoro D. Cocca ist Professor für Asset Management an der Johannes Kepler Universität in Linz. Der Kapitalmarktexperte spricht im Interview über die aktuellen Lage an den Börsen und die Auswirkungen auf die heimische Industrie.

Nach einem fulminanten Aufstieg der Kapitalmärkte zwischen 2008 bis fast zum Ende 2018 ist nun eine deutliche Verlangsamung an vielen Märkten zu verzeichnen. Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen dafür?

Teodoro Cocca: Die Wirksamkeit der Notenbankinstrumente kommt an ihre Grenzen. Selbst negative Zinsen lösen keinen Investitionsboom aus. Dies hat wiederum damit zu tun, dass die Stimmung bei den Unternehmen gedrückt ist, da der Handelskonflikt zwischen den USA und China, generelle weltweite Tendenzen zu Protektionismus, die Unsicherheit rund um den Brexit, aber auch der weltweite steigende Schuldenberg zurzeit für zunehmende Verunsicherung sorgen.

In Deutschland droht bereits die Rezession. Ist das für Österreich schon bald ein Szenario?

In der Tat ist die Lage in Teilen der deutschen Wirtschaft ziemlich besorgniserregend. Deutschland ist mit einem Anteil von rund 30 Prozent an allen Exporten Österreichs wichtigster Handelspartner. Unausweichlich wird auch Österreich das mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung zu spüren bekommen. Eine Rezession erscheint aber momentan nicht sehr wahrscheinlich, da Österreich seine Abhängigkeit von Deutschland in den letzten Jahren reduziert hat und andere wichtige Märkte wie etwa Osteuropa und Asien sich weiterhin gut entwickeln.

Die Zinssenkungen der US-Notenbank und der Zinsentscheid der EZB wird die Märkte weiter befeuern. Ist eine Blasenbildung zu befürchten?

Eine Blasenbildung am Aktienmarkt ist nicht erkennbar, da die Bewertungen im historischen Vergleich moderat sind. Bei Anleihen ist die Lage differenzierter. Die Preise sind im Zuge der sinkenden Zinsen stark gestiegen – das alleine wäre aber kein Hinweis auf eine Blase. Die sehr stark gestiegene Verschuldung von Staaten und Unternehmen bietet eher Anlass zur Sorge. Es gibt auch viele Anzeichen dafür, dass die Risikoaufschläge für Anleihen mit schlechter Bonität das Ausfallsrisiko nicht mehr gebührend abdecken.

Welche Erwartungen haben Sie für die Kapitalmärkte in den nächsten 12 Monaten?

Die Notenbankpolitik wird weiterhin dominante Kraft an den Märkten sein und stabilisierend wirken. Die Konjunktur wird sich abkühlen, aber eine Rezession wird es keine geben. Handelskonflikt und Brexit können die Märkte sowohl positiv wie negativ überraschen. In Summe gehe ich davon aus, dass wir nun in eine Stagnation auf bescheidenem Niveau kommen werden, die uns noch lange begleiten wird.

Welche Auswirkungen wird das auf die österreichische und europäische Industrie haben?

Der Margendruck wird zunehmen und Unternehmen zu noch mehr Innovation zwingen. Das ist aber gleichzeitig auch eine Domäne der österreichischen Industrie, was Anlass für Zuversicht sein kann. Die Standortattraktivität wird ein noch stärkeres Thema werden. Schon jetzt ist zu beobachten, wie andere Standorte in die eigene Attraktivierung investieren.

Die Refinanzierung über die Börsen ist ein wichtiges Finanzierungsinstrument, aber Kredite sind eigentlich günstig wie nie – wozu dann Geld über die Börse holen?

Es ist zu beobachten, dass die Finanzierungen über die Börse mit dem tiefen Zinsniveau abnehmen. Dennoch bleibt die Börse insbesondere im Bereich der breiten Finanzierung von Innovationen mit sehr unsicherem Ausblick ein sehr wichtiger Markt. Zudem sollten Fremdkapital (Anleihen) und Eigenkapital (Aktien) in einem gesunden Verhältnis zueinander liegen. Nur mit Fremdkapital lässt sich ein nachhaltiges Wachstum nicht finanzieren.

Österreichische Unternehmen sind selten an der Börse. Was ist die Ursache für diese Zurückhaltung bezüglich Kapitalmarktfinanzierung?

Österreich hat leider keine ausgeprägte Aktienkultur und stellt damit einen sehr kleinen Börsenplatz dar. Das gilt sowohl für Privatanleger wie auch für größere Investoren. Der Österreicher verbindet mit der Aktie vorwiegend das spekulative und anrüchige Element. Dabei könnte man sich mit Aktien an der unternehmerischen Wertschöpfung und an der Schaffung von Arbeitsplätzen beteiligen.

Autor: Stephan Scoppetta