Primar Clodi: „Bewegungsmangel und Übergewicht lösen Diabetes aus“
Clodi ist Diabetes-Spezialist und leitet die Interne Abteilung am Konventspital der Barmherzigen Brüder in Linz
Martin Clodi ist Universitätsprofessor und Primar der Internen Abteilung am Konventspital der Barmherzigen Brüder in Linz. Er ist Spezialist für Diabetes.
KURIER: Es wird heuer in Linz ein Diabeteszentrum eingerichtet, das Sie leiten werden. Wie wird das aussehen?
Martin Clodi: Die österreichische Diabetesgesellschaft versucht schon seit Jahren, eine Zwischenstufe für die Behandlung von Diabetes einzuführen. Die niedergelassenen Ärzte sind die Stufe eins, die Krankenhausambulanzen die Stufe drei und das Diabeteszentrum wird die Stufe zwei sein. Wenn niedergelassene Ärzte das Gefühl haben, sie wollen einmal eine Kontrolle in einem spezialisierten Zentrum haben, dann können sie die Patienten in dieses Zentrum zuweisen. Da gibt es auch andere Möglichkeiten wie psychologische Betreuung, Diätberatung, Wundmanagement etc. Es ist nicht vorgesehen, dass Patienten oft und dauernd in dieses Zentrum kommen.
Als Patient kann man nicht von sich aus hinkommen.
Es ist nur auf Zuweisung von der praktischen Ärztin oder Arzt oder von der Internistin oder Internisten möglich. Im Vollausbau sind zweieinhalb Stellen für Ärztinnen und Ärzte vorgesehen, weiters spezialisierte Diabetespflege, Administrationspersonal, diätologische Beratung, Wundmanagement und einige mehr. Insgesamt rund 15 Vollzeitäquivalente.
Das Zentrum ist auch für Typ 1 Diabetespatienten vorgesehen. Diese Patienten brauchen eine spezielle Betreuung. Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, da greift der Körper die Bauchspeicheldrüse an, die insulinproduzierende Zelle geht kaputt, sie brauchen eine Insulintherapie. Die größte Gruppe der Diabetes Patienten sind allerdings Typ 2. Diese machen rund 90 Prozent aus.
Eine Zivilisationserkrankung?
Ja, man kann es darunter einordnen. In Wirklichkeit ist es eine genetisch weitergegebene Erkrankung. Man hat die Diabetesgene von Geburt an. Früher hieß sie Altersdiabetes, weil alle schlank und in Bewegung geblieben sind und die Symptomatik daher erst im höheren Alter zum Ausbruch kam.
Der Chef sind Sie?
Ich soll es grundsätzlich konzipieren und es ist meiner Abteilung als externe Ambulanz angeschlossen. Es ist explizit gewünscht, dass die Mitarbeiter der Diabetesambulanzen von Spezialabteilungen kommen. Die Zentren selbst sollen aber nicht im Krankenhaus selbst sein.
Wo wird das Linzer Zentrum örtlich situiert sein?
Das wissen wir noch nicht genau, wir sind in Verhandlung. Es muss natürlich ein Gebäude sein, das Krankenanstaltenvorgaben erfüllt. Das ist nicht so einfach.
Wann geht es los?
Mit dem Land OÖ und der Österreichischen Gesundheitskasse ist der Start für Herbst geplant. Wir beginnen mit einer Drittelvariante, ab 2028 soll es den Vollausbau geben.
Wie entwickelt sich Diabetes?
Es entwickelt sich wie in der gesamten Welt dramatisch nach oben. Während in den 1980er-Jahren deutlich weniger als 100 Millionen Menschen weltweit betroffen waren, leben heute über 500 Millionen Menschen mit Diabetes. Parallel dazu nimmt auch die Prävalenz (Anzahl der Fälle) von Prädiabetes (Vorstufe von Diabetes) kontinuierlich zu, getrieben von der Bevölkerungsalterung, Adipositas, Bewegungsmangel und veränderte Ernährungsgewohnheiten.
Wie sehen die Zahlen für Österreich aus?
Hier hat die Typ-2-Diabetes in den vergangenen 20 Jahren um etwa 20 Prozent zugenommen. Insgesamt leiden derzeit etwa zehn Prozent der Bevölkerung an Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes. Mit zunehmendem Alter steigt die Prävalenz jedoch deutlich an. Bei den über 50-Jährigen sind es bereits rund 20 Prozent, bei den über 60-Jährigen etwa 25 bis 30 Prozent von Diabetes und Prädiabetes betroffen. Besonders relevant ist der Prädiabetes, der ein ähnlich hohes kardiovaskuläres Risiko wie manifester Diabetes aufweist, jedoch in den vergangenen Jahren nicht systematisch beziehungsweise unzureichend diagnostiziert wurde, sodass von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen ist.
Ist Diabetes nicht eine Folge des Lebenswandels?
Die westliche Bevölkerung bewegt sich um 30 bis 40 Prozent weniger, die Menschen liegen gern am Sofa, schauen fern etc. Das Zweite, was dramatisch ist, ist das zusätzliche Gewicht. Bewegungsmangel und Übergewicht hemmen die Insulinwirkung und das führt zum frühzeitigen Ausbruch der Erkrankung.
Unter Zivilisationserkrankung kann man es einstufen, weil wir uns zu wenig bewegen. Es freut uns nicht, wir haben auch zu wenig Zeit. Wir haben ein Nahrungsangebot 24/7, also rund um die Uhr. Übergewicht und Adipositas werden in dem Sinn nicht als Krankheit betrachtet, obwohl sie schwere Erkrankungen sind. In Österreich rechnen wir mit 800.000 bis einer Million Menschen, wenn nicht mehr, die an Diabetes oder Prädiabetes leiden.
Viele davon wissen das gar nicht.
Ein Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung weiß das gar nicht. Wichtig wäre es, regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen. Wesentlich wäre, dass die Bestimmung des Langzeitzuckers enthalten ist. Die Sozialversicherungen sagen, dass sie in die nächste Vorsorgeuntersuchung kommt. Unabhängig davon kann jeder Allgemeinmediziner das im Laborbefund zu einer Routinekontrolle aufschreiben, wenn eine Begründung besteht. Eine Begründung allein sind schon Alter, das Übergewicht oder die genetische Belastung durch die Eltern. Prädiabetes ist bei einem Langzeitwert von 5,7 bis 6,4 HbA1c gegeben. Je höher der Langzeitwert des Blutzuckers ist, umso schwerwiegender sind die Komplikationen.
In Großbritannien sind 2018 Süßgetränke besteuert worden. Die Zuckerwerte bei Kindern haben sich dadurch halbiert. Halten Sie eine derartige Steuer für sinnvoll?
Wenn man es gesellschaftspolitisch betrachtet, könnte man eine Zuckersteuer für sinnvoll erachten. Wenn man die Sache objektiv-normal betrachtet, ist eine Steuer falsch. Wenn wir etwas richtig machen wollen, sollten wir die Lebensmittel mit hoher Kalorienmenge kennzeichnen. Hier könnte man eine Ampelwertung mit Rot, Gelb und Grün vornehmen. Viele Menschen wissen nicht, was sie zu sich nehmen. Gewicht kommt davon, dass man zu viel Kalorien zuführt und zu wenig verbraucht. Der Grundumsatz beträgt durchschnittlich 2.000 Kalorien. Wenn man täglich 300 Kalorien mehr zuführt, als man verbraucht, bedeutet das in einem Monat ein Kilogramm und im Jahr zwölf Kilogramm mehr Gewicht.
Gehen ist gesund. Es sollten mindestens 7000 Schrittte täglich sein.
Der Zucker wird als das Gesamtböse dargestellt. Das ist er sicher nicht, das Gehirn verstoffwechselt ausschließlich Zucker. Alle Ernährungsempfehlungen sagen, die Hälfte der Nahrung sollte aus Kohlenhydraten bestehen. Zucker ist in der Pizza, in den Nudeln, im Reis, in den Kartoffeln. Im Apfel ist so viel Zucker enthalten, wie in sechs bis acht Stück Würfelzucker sind. Es wird etwas verteufelt, was nicht grundsätzlich zu verteufeln ist. Es geht darum, dass die Menschen weniger Kalorien zu sich nehmen.
Das bedeutet schlicht und einfach, die Leute sollen weniger essen und sich mehr bewegen.
So einfach ist es. Wir sagen in allen unseren Vorträgen, Standardtherapie ist Gewichtsabnahme und Bewegung, eine Änderung des Lebensstils. Die Basis jeden gesunden Lebens, ob Bluthochdruck, Herzerkrankungen, bis hin zum Krebs sind Bewegung und Normalgewicht. Die Menschen, die normalgewichtig sind und sich bewegen, leben gesünder und länger. Ich sage des Öfteren, salopp formuliert, wer steht und sich nicht bewegt, der geht.
Wie viele Schritte soll man machen? Es ist meist von 10.000 Schritten täglich die Rede.
Die 10.000 Schritte stammen angeblich aus einer Laufschuh-Werbung. Aus ganz guten Untersuchungen wissen wir inzwischen, dass die gute Grenze bei 7.000 Schritten täglich liegt. Alles drüber bringt nicht so viel mehr.
Es werden mehr Kalorien verbrannt.
Es verbrennt einerseits Kalorien, auf der anderen Seite hält es den gesamten Körper in Bewegung. Der Kreislauf ist aktiviert, es ist gut bis zur Prostatahyperplasie (Vergrößerung). Bewegung, Bewegung, Bewegung. In jedem Alter sollte man so viel gehen, wie nur möglich ist. Es gibt auch die Weekend Warriors, die am Wochenende mehr machen. Die zum Beispiel zwei Mal fünf Stunden wandern gehen. Das ist genauso effizient.
Die Abnehmspritzen Ozempic, Wegovy oder Mounjaro erweisen sich als erfolgreich, doch wenn man sie absetzt, nimmt man wieder zu.
Diese Medikamente wurden für Diabetes entwickelt. Es sind Substanzen, die jeder Körper im Darm produziert, auch bei Gesunden. Bei Diabetes-Patienten wird das GLP 1 etwas weniger ausgeschüttet. Diese Spiegel werden um das Acht- bis Zehnfache erhöht. Es hat den Effekt, dass das Insulin ausgeschüttet wird, die Entleerung des Magens wird gebremst, ebenso der Appetit im Gehirn. Gleichzeitig schützt es das Herz und die Nieren. Menschen mit Diabetes sollen diese Medikamente nach dem heutigen Wissensstand lebenslang nehmen.
Man weiß, dass die Menschen durch das Absetzen der Medikamente wieder zunehmen. Das kann bis zu 70 Prozent ihres Ausgangsgewichtes reichen. Wenn man allerdings die Lebensumstellung mit Bewegung und reduzierter Nahrungsaufnahme beibehält, den Lebensstil der Medikation beibehält, bleibt das Gewicht unten. Viele beginnen aber wieder mehr zu essen.
Die Gewichtsabnahme beträgt durchschnittlich zehn bis 15 Prozent.
Im Schnitt sind es zehn bis 15 Prozent, in Studien sind es 16 bis 24 Prozent.
Gleichzeitig sollte es zu einer Lebensstiländerung kommen, zum Beispiel durch mehr Bewegung.
Bewegung ist die Basis jeden Abnehmens. Es sollte auch Krafttraining gemacht werden. Je besser die Muskulatur ausgebildet ist, umso mehr wird Blut im Muskel und in den Organen verstoffwechselt. Das ist für alles zuträglich.
Ozempic wird von der Krankenkasse bezahlt, Wegovy und Mounjaro nicht. Reicht das?
Bei Mounjaro war es so, dass es bis vor Kurzem keine Studie gab, die eine kardiovaskuläre Verbesserung gezeigt hat. Diese wurde nun allerdings publiziert. Die Verhandlungen der Firma bezüglich Refundierung mit dem Hauptverband sind im Laufen. Sowohl Ozempic als auch Mounjaro sind sehr gute Präparate.
Es gibt die Spritzen nun auch in Tablettenform.
Semaglutid gibt es schon lange in Tablettenform, es ist eine relativ große Tablette und funktioniert gut. Semaglutid als Tablette heißt mit dem Handelsnamen Rylbesus, es wird nun bald ein weiters, neues orales Medikament auf den Markt kommen, das leichter resorbiert (aufgenommen) wird.
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