OÖGK-Chefin kündigt 100 zusätzliche Hausarztstellen an

Ursula Krepp
Bis 2030 soll es in Oberösterreich 13 zusätzliche Primärversorgungszentren und 100 zusätzliche Hausärzte geben, kündigt Ursula Krepp an, die Landesstellenleiterin der ÖGK. Um der Flut an Wahlärzten Herr zu werden, sollte Spitalsärzten das Führen von Privatordinationen untersagt werden.

Ursula Krepp ist derzeit Landesstellenausschussvorsitzende der Gesundheitskasse ÖGK in Oberösterreich. Die 69-Jährige ist geschäftsführende Gesellschafterin der Serviceteam Gebäudemanagement GesmbH, die auf die Reinigung und Betreuung von Betrieben der Großindustrie spezialisiert ist. Die 280 Mitarbeiter kommen aus 33 Nationen, der Frauenanteil beträgt 70 Prozent, 68 Prozent arbeiten Teilzeit. Krepp ist in der Wirtschaftskammer OÖ Innungsmeisterin des chemischen Gewerbes und Bundesinnungsmeister-Stellvertreterin. Sie ist Mitglied des Verwaltungsrates des AMS Österreich.

KURIER: Peter McDonald, der derzeitige Vorsitzende der Österreichischen Gesundheitskasse, ist der Meinung, dass es zu einer Konzentration der Krankenhäuser kommen muss und kleine Spitäler geschlossen werden müssen. Welche Krankenhäuser in Oberösterreich sollen zugesperrt werden?

Ursula Krepp: Das müssen die Experten beschließen. Die Frequenzen im niedergelassenen Bereich (Allgemeinärzte/Fachärzte) sind von 2019 bis 2024 um zehn Prozent gestiegen, in den Spitalsambulanzen nur um 2,6 Prozent. Es findet eine Verlagerung von den Spitälern in den niedergelassenen Bereich statt. Wir bauen diesen Bereich aus, um den Patienten kurze Wege und eine wohnartnahe Versorgung zu ermöglichen.

Daraus wird resultieren, dass wir Krankenhausbereiche brauchen, die sich spezialisieren. Einen Hallux (Fehlstellung der Großzehe) würde ich mir nur von einem Chirurgen operieren lassen, der das oft tut. Wenn der niedergelassene Bereich ausgebaut ist, werden sich die Länder damit auseinandersetzen, welche Krankenhäuser Zentren werden und welche nicht mehr benötigt werden. Das ist nicht unsere Entscheidung als Gesundheitskasse.

Wie ist Ihre persönliche Meinung?

Wir können auf Dauer nicht beides finanzieren. Die Patienten verlagern sich. Wir haben große Ausbaupläne.

Haben Ihre Zuwächse nicht mit der steigenden Bevölkerungsanzahl zu tun?

Die steigt auch, natürlich. Darum bauen wir auch so stark aus.

Wie sehen Ihre Ausbaupläne konkret aus?

Derzeit gibt es 20 Primärversorgungszentren mit mehreren Ärzten. Bis 2030 werden sie auf 33 erhöht. Im niedergelassenen Bereich haben wir einen Besetzungsstand von 97 Prozent. 33 Stellen sind offen, für elf haben wir Interessenten. Verträge werden vorbereitet, zum Beispiel für ein Ambulatorium in Wels.

Wann sind die 33 offenen Stellen besetzt?

Das ist eine gute Frage. Wir haben immer wieder Ärzte, die in Pension gehen. Wir reagieren auf Bedarf.

Ursula Krepp

Für Spitalsärzte sollte es keine Privatordinationen mehr geben, ähnlich wie in anderen Ländern, meint Krepp.

Es gibt bereits mehr Wahlärzte als Kassenärzte. Die Ärztekammer meint, das läge an den Bedingungen, die von der Gesundheitskasse gestellt werden. Es wird über Bürokratie geklagt. Diese Entwicklung zeigt doch, dass hier Systemfehler vorliegen?

Wir haben ein System, das diese Wahlfreiheit zulässt, das ist in anderen Ländern nicht der Fall. Die Vielzahl der Wahlärzte sagt nichts über den Versorgungsgrad aus. Die Versorgung liegt bei den niedergelassenen Ärzten.

Patienten klagen über teilweise wochen- und monatelange Wartezeiten für einen Termin bei Kassenärzten. Das ist ein Problem. Die Patienten werden so zu den Wahlärzten getrieben.

Wir arbeiten daran, dass wir Terminkalender mit offenen Arztterminen machen. Das wollen wir ausbauen, um Termine schneller vergeben zu können. Bis 2030 haben wir noch 100 Planstellen, die wir besetzen können, sofern wir Ärzte finden. Wir arbeiten daran, mehr Ärzte ins System zu bekommen. Wir wollen durch Digitalisierung zu einer schnelleren Terminvergabe kommen. Es gibt auch die Möglichkeit, digitale Sprechstunden zu machen. Das alles bauen wir aus. Aber dass alles sofort innerhalb von 24 Stunden erledigt wird, wird sich halt auch nicht mehr so abspielen können. Das Anspruchsdenken ist sehr gewachsen.

Katharina Mitter, Initiatorin des neugegründeten Primärversorgungszentrums Haid bei Ansfelden, meint, ein minimaler Selbstbehalt bei einem Hausarztbesuch von zum Beispiel fünf oder zehn Euro würde Wunder wirken. Dieses Geld könnte an die Kassen zurückfließen.

Monetär gesehen wäre es ganz nett, aber das erzeugt neue Bürokratie. Wer zahlt ihn, wer ist gebührenbefreit? Wir wollen keine Medizin, bei der die Patienten noch mehr aus der eigenen Tasche zahlen müssen.

Aber das findet doch in einem weit größeren Ausmaß schon statt, weil viele Patienten zu den Wahlärzten gehen und die Kassen nur einen Bruchteil der Kosten refundieren.

Wir müssen mit dem Geld der Versicherten sorgfältig umgehen. Die Versicherten sollten wissen, dass sie dafür die optimale Leistung dafür bekommen. Wir haben den Wahlarzttarif nicht im Griff. Er kann verlangen, was er will, was sich aber mit unseren Honoraren und Beitragseinnahmen nicht ausgeht. Wenn jemand zu einem Wahlarzt geht, ist das immer freiwillig. Wir arbeiten mit den 100 Planstellen für Kassenärzte an einer Verbesserung. Es gibt viele Ärzte, die in den Krankenhäusern einen Teilzeitvertrag haben. Wenn wir wollen, dass wir weniger Wahlärzte haben, würde ich vorschlagen, dass es weniger Teilzeitärzte gibt.

Das heißt, dass ein Spitalsarzt nebenher keine Ordination haben darf, wie das in manchen Ländern der Fall ist. Halten Sie das für gut?

Im Sinne der Patienten halte ich es für gut. Für die Attraktivierung des Arztberufes in den Spitälern ist es weniger gut. Aber ich bin Gesundheitskasse, ich bin für die Patienten. Ein Arzt sollte sich entscheiden. Ist er im Krankenhaus tätig oder ist er Wahlarzt? Es schmerzt mich, wenn es hochrangige Vertreter der Ärztekammer gibt, die auf facebook raten, keine Kassenarztstelle anzunehmen und lieber Wahlarzt zu werden. Damit befördert man die Zwei-Klassen-Medizin.

Katharina Mitter meint, um die Kassenarztstellen zu attraktivieren, gäbe es die Möglichkeit, dass die Kassen den Patienten die Kosten nicht refundieren. Dann erledigt sich das Problem von selbst.

Das ist richtig. Das ist ein politisches Problem. Wir als Gesundheitskasse können nur im Rahmen der Sozialversicherungsgesetze arbeiten.

Ihre persönliche Meinung?

Ich hätte kein Problem damit. In Deutschland ist das auch so.

Dann gäbe es mehr Kassenärzte.

Richtig. Aber als Gesundheitskasse wollen wir kein Zwei-Klassen-System. Wir wollen die Kassenarztstellen ausbauen, was sehr viel Geld kostet. Auch die Primärversorgungszentren kosten viel Geld.

Was kostet Sie so ein Zentrum, wie zum Beispiel in Haid?

Da sind wir im Millionenbereich. Wir übernehmen für die ersten Jahre die Anlaufkosten, der Praxismanager wird von uns finanziert, wir geben eine Honorargarantie für die ersten Jahre.

Wann sollen die 100 zusätzlichen Planstellen besetzt sein?

Bis 2030.

Die für die Gesundheit zuständige Landeshauptmannstellvertreterin Christine Haberlander sagt, dass Oberösterreich im niedergelassenen Bereich das schlechtestversorgte Bundesland im Vergleich aller Länder ist. So gab es laut Monitoringbericht Zielsteuerung Gesundheit 2024 in Oberösterreich die österreichweit geringste Vertragsarztdichte mit nur 66,8 ÄAVE (Ärztliche Ambulante Versorgungseinheiten) auf 100.000 Einwohner, während im Burgenland 86,1 ÄAVE auf 100.000 Einwohner kamen. Mit der Folge, dass Oberösterreich die häufigste Krankenhaushäufigkeit aufweist.

Wir haben einschließlich Zahnärzte einen Besetzungsstand von 95,5 Prozent. Wir haben insgesamt 1588 Planstellen. Zum 1. Juli 2025 sind 71 Stellen unbesetzt, wobei der Großteil davon Zahnärzte sind. Die Honorierung spricht auch für sich. Wir haben keine armen Ärzte. Ein praktischer Arzt hat im Schnitt 340.000 bis 360.000 Euro im Jahr. Ist das wenig?

Haberlander sagt, um auf den Österreich-Schnitt zu kommen, sind 100 bis 130 zusätzliche Kassenarztstellen notwendig.

100 zusätzliche Arztstellen sind im neuen Plan enthalten. Wir werden sie sukzessive besetzen. Oberösterreich ist ein Flächenbundesland. Die Ärzte sind auch nur Menschen, sie wollen auch nicht mehr 60 Stunden pro Woche arbeiten. Es wird mehr Gruppenpraxen geben. Die Ärzte wollen im Team arbeiten. Das sind sie von ihrer Ausbildung her gewohnt. Die Medizin wird weiblicher. Auch Frauen wollen Zeit für Kinder und Familie haben. Dem tragen wir Rechnung. Wir müssen neue Formen in der Niederlassung und bei den Verträgen finden. Wir wollen künftig auch die persönliche Leistung des Arztes höher honorieren und die computerisierte Leistung etwas absenken.

Wir gehen aktiv auf die Ärzte zu. Vor zwei Jahren haben wir eine Niederlassungs- und Starthilfe von 100.000 Euro eingeführt, um ihnen zu helfen. Wir müssen querdenken, das ist unser Job. Manche Ärzte wollen nicht mehr selbstständig sein und lassen sich lieber anstellen. Wir haben als Gesundheitskasse den Versorgungsauftrag. Wir brauchen aber das Okay der Ärztekammer für viele Maßnahmen. Ich würde mir wünschen, dass die Ärztekammer ein bisschen flexibler wird.

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