Online-Professorin Ortner: „Sehe Verbot von sozialen Medien skeptisch“
Christina Ortner
Christina Ortner ist Professorin für Online-Kommunikation an der Fachhochschule Hagenberg. Die 46-Jährige stammt aus Lembach, ihr Bruder führt das Pelletsheizungsunternehmen ÖkoFEN.
KURIER: Sowohl die EU als auch Österreich wollen Social Media für Kinder und Jugendliche verbieten. Sie hingegen meinen, dass die Vorstellung, Social Media zurückzudrehen, nicht funktionieren kann.
Christina Ortner: Ein Verbot ist eine verständliche Reaktion. Es gibt empirische Evidenz dafür, dass soziale Medien unter bestimmten Bedingungen negative Auswirkungen auf Heranwachsende haben können. Es gibt Studien, die Korrelationen mit mentaler und psychischer Gesundheit zeigen, wie Stress, Aufmerksamkeit, bis hin zu Angstzuständen. Ich stehe dem Verbot skeptisch gegenüber, weil die Befundlage nicht eindeutig ist. Und wir wissen nicht, ob so ein Verbot die Wirkung erzielt, die man sich erwünscht.
Sie halten also nichts vom Verbot?
Das Verbot ist ein Zeichen dafür, dass wir als Gesellschaft überfordert sind, dass wir für die jungen Leute sichere digitale Räume schaffen. Überfordert auch darin, sie zu befähigen, die sozialen Medien so zu nutzen, dass diese für sie nicht schädlich sind.
Wie könnte man die sozialen Medien regulieren und steuern, dass sie Kindern und Jugendlichen nicht schaden ?
Es gibt zwei sinnvolle Wege. Der eine ist, die jungen Leute zu befähigen. Denn wenn das Verbot zum Beispiel mit 14 oder 16 Jahren endet, kommen sie in die digitalen Räume und werden Teil der digitalen Welt sein bzw. sein müssen. Es ist ganz wesentlich, sie dahin zu führen. Es braucht ganz starke Bemühungen bei der Medienkompetenzförderung.
Wann soll diese beginnen? Schon im Kindergarten?
Ja. Wir wissen aus Studien, dass die ersten digitalen Kontakte teilweise schon im ersten Lebensjahr stattfinden. Es gibt Einjährige, die schauen Youtube-Videos auf dem Handy ihrer Eltern. Im Kindergartenalter kommen sie mit diesen Medien unumgänglich in Berührung. Es ist daher notwendig, sie darin zu begleiten.
Ist es nicht auch unumgänglich, dass auch die Eltern den Kindern den Umgang lehren?
Ja. Das ist sicher einerseits eine zentrale Aufgabe der Eltern, andererseits auch eine Aufgabe des Bildungssystems.
Aber die Eltern sind doch oft auch selbst überfordert?
Das ist richtig. Aber wenn man Eltern wird, kommt man nicht umhin, seinen Kindern bestimmte Kompetenzen beizubringen. Wenn man sie selbst nicht hat, muss man sie gemeinsam mit den Kindern entwickeln. Eltern nutzen ja auch digitale Medien. Je weniger ihr eigener Umgang damit ist, umso weniger können sie sie an die Kinder weitergeben.
Der richtige Umgang wird von vielen Eltern auch nicht entsprechend gelernt. Sie „schustern“ sich das quasi zusammen. Es gibt hier auch wenig Angebote.
Es gibt vom Bildungssystem schon immer wieder Angebote. Sie sind sehr punktuell, und sie müssen auch angenommen werden. Es stellt zum Beispiel saferinternet.at ein Angebot für Eltern zur Verfügung. Aber es braucht auch von den Eltern die Initiative.
Die Ausbildung soll also bereits im Kindergarten beginnen. Wie soll sie in der Volks- und Neuen Mittelschule fortgesetzt werden?
Es gibt im Bildungssystem schon einen Rahmen, in dem das stattfinden kann. In der Volksschule halte ich eigene Unterrichtseinheiten nicht für unbedingt notwendig. Das ist in den Fächern einbettbar. Es braucht eine entsprechende Ausbildung für die Lehrerinnen und Lehrer. Wie kann man das didaktisch umsetzen, welche Themen sind geeignet, was kann man sinnvoll machen? Es braucht auch eine entsprechende Unterstützung in der Ausstattung. In der Neuen Mittelschule bzw. im Gymnasium gibt es seit kurzer Zeit das Fach digitale Grundbildung.
Primar Kurosch Yazdi-Zorn, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepleruniversitätsklinikum, warnt eindringlich vor der ungebremsten Nutzung sozialer Medien durch Kin- der und Jugendliche. Er fordert ein Schutzalter, weil die Leute süchtig werden.
Wenn man es anders nicht schafft, dann verbannt man die Kinder einfach aus diesen Räumen. Das Problem ist, dass die sozialen Medien nicht kinderfreundlich gestaltet sind. Diese Plattformen haben Designs und Gestaltungsweisen, die suchtförderlich sind, teilweise absichtlich suchtförderlich. Es gibt auch Probleme, wie diese Plattformen Verantwortung für den Content übernehmen. Es gibt keine Schutzmechanismen für Kinder.
Diese Argumente bestätigen Yazdis Kritik.
Wenn man aber die Kinder von diesen Räumen einfach ausschließt, nimmt man die Plattformen vollständig von der Verantwortung heraus.
Wie sollen die Menschen hier in Österreich auf Plattformen Einfluss nehmen, die vom Silicon Valley an der US-Westküste gesteuert werden? Das muss auf EU-Ebene funktionieren, weil die Europäische Union viel mehr Durchsetzungsmacht hat. Hier gibt es ja bereits Bemühungen. Es ist wichtig, diese Regulierungsarbeit, die im weltweiten Vergleich durchaus ambitioniert angegangen wird, kontinuierlich weiterzuführen und Schutzmechanismen voranzutreiben. Ich glaube, dass das Verbot deshalb nachgefragt wird, weil das noch nicht effektiv genug funktioniert.
Manche plädieren für ein Handyverbot an den Schulen.
Ich kann verstehen, dass man im Kontext vom Unterricht keine Handys haben möchte. Ich stehe dem nicht prinzipiell negativ gegenüber. Das gibt es ja teilweise schon.
Ein Problem beim Verbot sozialer Medien sind die Ausweichmöglichkeiten.
Die Sorge wegen der sozialen Medien sind berechtigt. aber es gibt überhaupt keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass ein Verbot die Probleme löst, die wir haben. In Australien wurde im Dezember dieses Verbot bis zum 16. Lebensjahr eingeführt. Es wird auch wissenschaftlich begleitet. Wir haben noch keine empirische Evidenz, diese ist in Arbeit. Es wäre sinnvoll, zu sagen, schauen wir dort hin und warten wir ab, ob dieser Schutz tatsächlich wirkt. Erste Erfahrungsberichte von Eltern sind sehr gemischt.
Ein Verbot kann negative Seiteneffekte haben, die man zumindest mitbedenken muss.
Zum Beispiel?
Es kann zu Umgehungs- und Abwanderungseffekten kommen. Kinder und Jugendliche sind sehr kreativ darin, solche Maßnahmen zu umgehen. Sie werden viel ausprobieren, und es wird ihnen auch gelingen. Die Frage ist auch, welche Plattformen sind vom Verbot betroffen. Es gibt viele Plattformen mit ähnlichen Features und Funktionalitäten. Es ist naheliegend, dass Kinder und Jugendliche zu diesen Plattformen abwandern werden.
Ähnliche Alternativen
In Australien hat man gesehen, dass bestimmte Apps innerhalb weniger Tage enorme Download-Zahlen hatten. Die Jugendlichen suchen sich ähnliche Alternativen. Die Frage ist, ob die Alternativen besser sind als das, was sie jetzt haben. Oder ob wir die Probleme auf Nachbarplattformen verschieben. Dazu kommt, dass diese Plattformen den Eltern und Pädagoginnen meist wenig bekannt sind. Die Kinder werden auch nicht unbedingt zu den Erwachsenen gehen, wenn sie wissen, dass das verboten ist. Sie haben wenig Lust, ihnen das mitzuteilen. Hier muss man aufpassen, das Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen nicht zu verlieren. Wenn die Jugendliche nicht teilen, was sie tun, können wir sie auch nicht begleiten.
Was macht soziale Medien so attraktiv?
Sie erfüllen eine breite Palette an Funktionen.
Sind sie nicht eine reine Bühne für die Selbstdarstellung?
Das stimmt nicht. Es gibt sehr viele verschiedenen Plattformen mit sehr vielen verschiedenen Funktionen. Whatsapp ist von der Struktur völlig anders als Instagram, Tiktok oder Youtube. Die Plattformen bieten Kindern Entwicklungsmöglichkeiten. Hier gibt es seit 20 Jahren Forschung, wofür sie die sozialen Medien verwenden. Sie helfen ihnen, erwachsen zu werden.
Die Welt wird größer
Sie unterstützen sie auch ihre eigene Identität auszubilden und jenseits der unmittelbaren Familie eigenständige soziale Umfelder aufzubauen. Sie bekommen dadurch mit, was in der Welt passiert. Sie sind für Heranwachsende zentrale Informationskanäle. Sie können dadurch Schritt für Schritt an gesellschaftlichen Diskussionen und Diskursen teilhaben, sie haben Anteil an etwas Größerem als am unmittelbaren Familienverband. Jugendliche Heranwachsende machen das viel stärker als wir das gemacht haben. Und viel weniger als über traditionelle Kanäle.
Soziale Medien werden sehr intensiv genutzt für Beziehungsarbeit, für Beziehungsaufbau, aber auch für Beziehungsmanagement im Alltag, sowohl mit den Eltern als auch mit den Freundinnen und Freunden. Aber auch im Kontext mit Vereinen, Initiativen und Gemeinschaften. Freizeitbeschäftigungen organisieren sich ja ganz stark über solche Plattformen.
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