Chronik | Oberösterreich
24.11.2018

Offensive zur Öffnung einer Parallelgesellschaft

Land will mit 18 Projekten Versäumnisse in der Integrationsarbeit mit Tschetschenen nachholen

„Ich hatte als Flüchtling wenig Hilfe. Es war ein extrem schwieriger Weg.“ Die 2003 vor dem Krieg in Tschetschenien nach Österreich geflüchtete Ärztin Rosa Adler hat sich mit Ausdauer und Fleiß eine neue Existenz aufgebaut. Weil das vielen ihrer Landsleute hier nicht gelungen ist und sie deshalb in einer abgeschotteten Parallelgesellschaft leben, wird in Oberösterreich eine breite Integrationsoffensive gestartet.

Vorerst in 18 verschiedenen Projekten sollen landesweit tschetschenische Migranten neue Integrationschancen bekommen. Rund 3200 Personen mit Staatsangehörigkeit „Russische Föderation“ leben derzeit in OÖ. Österreichweit sind es über 32.000. Die meisten dieser Menschen seien in den 2000er-Jahren nach Österreich gekommen, Flüchtlingsbetreuung habe damals anders ausgesehen als heute, berichtet Integrationslandesrat Rudi Anschober, Grüne. Fehler seien gemacht worden und in weiterer Folge auch Probleme mit dieser Volksgruppe entstanden.

„Wenn wir Parallelstrukturen nicht wollen, müssen wir zusammenkommen“, nennt Anschober den Grund für die Offensive. Unterstützung sucht man bei bereits bestehenden Initiativen. Etwa beim in Wien situierten „Netzwerk Tschetschenischer Mütter in Österreich“. „Es gibt über Jahrhunderte aufgebaute Klischees, die aufgebrochen gehören“, sagt Sprecherin Maynat Kurbanova zur Reserviertheit gegenüber ihrer Volksgruppe. Dramatische Zwischenfälle in der Öffentlichkeit, negative Medienberichte und radikalisierte Jugendliche waren der Hintergrund für die Vereinsgründung.

Schwerpunkte

In Oberösterreich konzentrieren sich die Aktionen auf die Regionen Linz, Steyr, Wels oder das obere Innviertel. Hier leben die meisten Tschetschenen. Getragen von Vereinen und NGOs wird eine breite Palette von Aktivitäten geboten. Lernhilfe für Kinder, Frauencafés, Nähprojekte, Kreativworkshops und vor allem diverse Sprachinitiativen stehen an. Im Projekt „10 +10 Brücken“ werden Jugendliche mit und ohne tschetschenischem Hintergrund in einem Tanz- und Theaterprojekt zusammengebracht. „Wir wollen spielerisch die Fähigkeiten der Teilnehmenden fördern“, so Ilona Roth.

In Projekten in Wels und Ansfelden wird auch der tschetschenische Volkssport Ringen eingebettet. In Ansfelden betreut die Ringerlegende Umar Chekarbiev Kinder und Jugendliche beim regelmäßigen Lerntreff.

Wie auch die anderen Vertreter im oö. Integrationsrat unterstützt die Polizei die Initiative. „Wir begrüßen das absolut. Fakt ist, dass diese Gruppe sehr abgeschlossen unter uns lebt“, so Landespolizeidirektor Andreas Pilsl.