Chronik | Oberösterreich
06.05.2018

Nazis ließen Hunderte Säuglinge verhungern

Zwangsarbeiterinnen. In den zwölf „fremdvölkischen Kinderheimen“ des Gaus Oberdonau ließen die Nazis Hunderte Säuglinge systematisch umkommen.

1943 alarmierte August Eigruber, Gauleiter von Oberdonau, den Reichsführer SS Heinrich Himmler: „Ich habe im Gau Tausende von Ausländerinnen und mache nun die Feststellung, dass diese schwanger werden und Kinder in die Welt setzen.“ Oberdonau erreichte durch den Eifer Eigrubers ein institutionalisiertes Pilotprojekt. Das erste Heim für fremdvölkische Kinder wurde im April 1943 in Spital am Pyhrn eröffnet.

Bis zum Jänner 1945 waren im Lindenhof in Spital insgesamt 97 Säuglinge untergebracht. Davon sind 38 verstorben. Denn die Säuglinge, die ihren Müttern, den Zwangsarbeiterinnen, weggenommen worden waren, erhielten lediglich ein halben Liter Milch und ein Stück Zucker.

Gottfried Gansinger, Autor des Buches Nationalsozialismus im Bezirk Ried - Widerstand und Verfolgung, zitiert Anna Hatzmann, die solche Säuginge im fremdvölkischen Kinderheim in Utzenaich gesehen hat (Seite 180). „Die Kinder haben geschrien oder geschlafen. Für die NSler waren sie einfach Null. Ich hab sie gesehen: Nichts mehr als Haut und Boana, nur Skelette. Und die großen Augen, die einen anschauen! Des waren Kinder von den Ukrainerinnen und so, damit sie glei wieda arbeiten kinna ham, hat ma’s eana weggnumma und sterben lassen.“

„Im Gau Oberdonau hat es rund zwölf solcher Heime gegeben, im ganzen deutschen Reich rund 300“, weiß die Theologin Susanne Lammer (50) von der katholischen Frauenbewegung, die sich für das Gedenken an diese Kinder engagiert. Am späten Freitagnachmittag gab es in Spital neuerlich eine Erinnerungsfeier am Friedhof St. Leonhard.

Im Gau Oberdonau gab es rund 27.500 Zwangsarbeiterinnen. Wurden sie schwanger, wurden bis zum siebenten Monat Zwangsabtreibungen durchgeführt. Oder es wurden ihnen die Säuglinge weggenommen. Damit die Frauen möglichst schnell wieder arbeiten konnten.

Der Lindenhof im Spital wurde im Jänner 1945 aufgelöst, denn die Räume wurden zur Sicherung des ungarischen Goldschatzes benötigt, die vor den anrückenden russischen Truppen in Sicherheit gebracht werden mussten. Der Schatz wurde in der Stiftskirche gelagert, das Wachpersonal im Lindenhof einquartiert.

Günther Lengauer/Vizebgm. Utzenaich: „Wir wollen den  Kindern mit dem Denkmal ein Stück Würde zurückgeben.“

Verwechslungen

Bei der Aufteilung der überlebenden Kinder nach dem Krieg kam es zu Verwechslungen. Lammer: „Die Kinder wurden entweder von den Müttern abgeholt, sind in Pflege gekommen oder sie wurden zur Adoption freigegeben.“ So wuchs zum Beispiel ein Mädchen bei einer polnischen Familie auf, bis man die Verwechslung entdeckte. Die Frau lebt heute noch in Wels.

Die Existenz eines fremdvölkischen Kinderheims in Utzenaich wurde durch die Arbeit des Autors Gansinger wieder entdeckt. In diktatorischer Schnelligkeit wurde am 5.7.1944 in Utzenaich das Bauansuchen gestellt, die Umsetzung erfolgte sehr rasch, bereits in den ersten Oktobertagen wurde beim Standesamt das erste Todesopfer gemeldet. Viele sollten noch folgen. So ließen 34 von 60 Kinder in Utzenaich das Leben, weil sie einfach nicht umsorgt wurden. Sie starben an Vergiftungen, die katastrophalen hygienischen Verhältnisse trugen das ihre bei. „Sie sterben wie die Fliegen“, berichteten Augenzeugen. Die Tochter des ehemaligen Totengräbers erzählte von den unwürdigen Begräbnissen am Friedhof ohne Beisein der Mutter. Mit dem Anstoß von Gottfried Gansinger und einer Initiative von Vizebürgermeister Günther Lengauer ist es gelungen, gemeinsam mit der Landjugend Utzenaich, der Pfarre Utzenaich und der Gemeinde ein Konzept für ein Denkmal zu erstellen.

Um diese weinenden Frauen herum werden  die Namen der 34  Kinder in einem Denkmal eingearbeitet

Anfangs Skepsis

„Anfangs kam auch Skepsis zu diesem Projekt auf. In vielen Gesprächen und Diskussionen mussten viele überzeugt werden. Auch wenn man dadurch oftmals auch auf Unverständnis stößt, so gibt es doch ebenso viele Befürworter für dieses Projekt. Die Idee wurde in einem Gesprächsabend mit Gansinger gefestigt, zu dem viele Interessierte kamen. Das Denkmal wird am Friedhof errichtet, dazu wird die vom Linzer Künstler Stockinger errichtete Statue der weinenden Frauen saniert. Um die Statue herum errichten wir mit der Unterstützung von regionalen Kunstschmieden ein Denkmal. Darauf wollen wir die 34 Namen der verstorbenen Kinder einarbeiten. Denn nur so kann es uns gelingen, ihnen ein Stück Würde zurückzugeben. Die Würde, die ihnen in ihrem kurzen Leben nicht zuteil wurde,“ sagt Vizebürgermeister Lengauer.

Das Kinderheim gehört zur Geschichte der kleinen Gemeinde Utzenaich. Die mitwirkenden Organisationen sind überzeugt, wenn dies jetzt nicht gemacht werde, so bestehe die Gefahr, dass die zukünftigen Generationen dieses unrühmliche Kapitel vergessen. Durch das Zusammenwirken von Jugend, Pfarre und Gemeinde soll das Denkmal ermöglicht werden.„Öffentliche Gelder für diesen Zweck zu bekommen, ist schwierig“, so Lengauer. Über den Sommer wird der Finanzplan ausgearbeitet, im Herbst soll die Errichtung starten.

Am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim wurde eine Projektgruppe eingerichtet, die die Geschichte der fremdvölkischen Kinderheime in Oberösterreich vollständig aufarbeiten soll.