Mut hat viele Gesichter
Seppy greift zum Schwert
Ich wollte unbedingt einmal den starken, mutigen Helden spielen. Da stelle ich mir vor, dass ich einen großen, bösen Drachen besiege und dann der gefeierte Held bin. Unser Drache Basti hat sich sogar freiwillig gemeldet, gegen mich zu kämpfen. Er hat das böseste Gesicht gemacht, das er konnte und sogar versucht, Feuer zu spucken. Ich habe mich ihm mutig entgegengestellt, aber als ich das Drachenschwert in der Hand hielt, ist mir doch etwas mulmig geworden. Was mache ich jetzt? Wenn ich ihn wirklich mit dem Schwert erwische, tue ich ihm vielleicht weh, und das möchte ich nicht. So habe ich also vor mich hin gegrübelt.
Es ist auch mutig, leise zu sein
Als es dem Drachen zu lange gedauert hat, hat er gerufen „Na, was ist?“ „Ich trau’ mich nicht!“, habe ich gerufen. Da musste der Drache laut lachen – und ich habe mich ein bisserl geschämt. Ich wollte ja zeigen, dass ich richtig mutig bin, doch jetzt war mir eher nach Weinen zumute. Just in diesem Augenblick kam Omama. „Was macht ihr da?“, fragte sie. „Wir spielen böser Drache und mutiger Seppy“, sagte Basti und kicherte, „aber Seppy ist nicht mutig.“
Ich stand da wie ein begossener Pudel – wobei ich gar nicht weiß, wie ein solcher ausschaut – jedenfalls fühlte ich mich ganz winzig und mickrig. Omama hat mich sofort getröstet und gesagt: „Seppy, Mut hat viele Gesichter. Manchmal ist es mutig, zu kämpfen, aber oft ist es viel mutiger, „ich trau’ mich nicht“ zu sagen.“ Als ich dann voller Freude die Omama umarmt habe, ist mir ein wunderbarer Vers eingefallen: Omamas sind klug und weise, und größter Mut ist oft ganz leise. Vielleicht sollte ich doch lieber ein Dichter werden.
Christa Koinig ist künstlerische Leiterin des Linzer Puppentheaters
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