© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
12/20/2020

„Mit Vertrauen und Hoffnung“

Bischof Manfred Scheuer will weiterhin Flüchtlinge aufnehmen und spürt Kräfte, die dem Christentum nicht wohlgesonnen sind.

von Josef Ertl

Manfred Scheuer (65) ist seit fünf Jahren Bischof von Linz.

KURIER: Bischof Hermann Glettler von Innsbruck plädiert für die Aufnahme der Flüchtlinge des griechischen Lagers Moria. Sie haben sich im Sommer ebenfalls für deren Aufnahme ausgesprochen. Ist das nach wie vor Ihre Meinung?

Manfred Scheuer: Es gibt in Oberösterreich eine größere Gruppe, durchaus auch in den Pfarrgemeinden, die darauf verweist, wie schwierig und unhaltbar die Zustände auf Moria sind. Ich sehe es schon

als große Notwendigkeit, da Abhilfe zu schaffen.

Die Schwierigkeit in Griechenland ist, dass die Flüchtlinge herumschwirren, auch in Athen, aber niemand da ist, der sie aufnimmt und ihnen beisteht. Da braucht es eine geordnete Aufnahme. Einige europäische Staaten, darunter auch Deutschland, haben das zumindest bei Kindern und Jugendlichen, gemacht. Ich hoffe nach wie vor, dass in Österreich ein Umdenken passiert. Und vor allem eine europäische Lösung zustande kommt. Auch wenn die äußeren Anzeichen nicht dafür sprechen. Es ist eine Hoffnung wider alle Hoffnung.

Das Gegenargument von Bundeskanzler Sebastian Kurz ist, dass durch die Aufnahme die illegale Migration und die Schleusertätigkeit verstärkt wird.

Diese Argumente sind auszuloten. Die unmittelbare Katastrophensituation ist da, in der ich auf die konkreten Menschen zu schauen habe. Wenn es zu einem Unfall oder zu einer Katastrophe kommt, dann muss man unmittelbar helfen. Natürlich muss ich dann auf Prävention schauen. Wenn es brennt, dann muss man löschen.

Wirtschaftsflüchtlinge kommen nicht nur nach Griechenland, sondern jetzt auch wieder verstärkt auf die Kanarischen Inseln oder Tunesier verstärkt auf die Insel Lampedusa. Wie soll man das lösen?

Nur die wenigsten wissen die unmittelbare Lösung. Die Bundesregierung und andere sagen, dass die Hilfe vor Ort stattfinden muss. Die Herausforderung ist, dass eine bessere Perspektive für die afrikanischen Länder geschaffen werden kann. Das greift noch wenig.

Christian Schacherreiter stellt in seinem Buch „Im Heizhaus der sozialen Wärme“ infrage, ob wir aufgrund von Jesu Gleichnis des barmherzigen Samariters tatsächlich alle Migranten und Flüchtlinge aufnehmen müssen.

Es ist ein Unterschied, ob man sagt, wir müssen alle aufnehmen. Ich sage das nicht. Das muss geordnet sein und rechtsstaatlichen Kriterien entsprechen. Natürlich ist auf die Belastbarkeit einer Gesellschaft in Hinblick auf die Integration zu schauen. Und auf die Auswirkungen in der politischen und sozialen Entwicklung. Aber es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, dass der Gesellschaft im Fall einer Herausforderung Kräfte zuwachsen, die man vorher so nicht vermutet hat. Zum Beispiel in den Nachkriegsjahren 1945, 1946, als teilweise Hunger herrschte und die Flüchtlinge aufgenommen worden sind.

Kurienkardinal Kurt Koch war kürzlich zu Gast in Linz. Er meinte, Europa müsse sich in seiner Identität wesentlich auf die christlichen Wurzeln rückbesinnen. Tatsächlich wird das Christentum in Europa aber schwächer und der Islam stärker. Die christlichen Kirchen stehen dabei dem Islam freundlich gegenüber und begrüßen ihn.

Es gibt sehr plurale politische und religiöse Kräfte. Es gibt Religionsgemeinschaften, die stärker werden und andere, die müder sind und alt erschienen. Ich glaube auch, dass die Vitalität des europäischen Christentums nicht am Höhepunkt ist.

Die Muslime sind in fast allen europäischen Ländern eine starke Gruppe. Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung, da ein Miteinandern demokratisch und solidarisch zu gestalten. Das sind Menschen mit Rechten, mit Würde und mit dem Recht auf Religionsfreiheit.

Es gibt in Europa ganz stark säkulare und laizistische Kräfte. Ich sehe nicht nur das Christentum und den Islam, sondern auch andere Kräfte im Spiel. Es ist ja nicht so, dass die österreichische Gesellschaft das Christentum so willkommen heißt. Mit der Kritik am Islam sollen ja die Religionen insgesamt getroffen werden. Auch das Christentum und die katholische Kirche. Man kritisiert einen sogenannten politischen Islam und meint durchaus öfter auch die katholische Kirche.

Die Diözese ist von der Pandemie ebenfalls stark getroffen. Verstärkte Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit haben weniger Kirchenbeitragsgelder zur Folge. Wie hoch ist der Entfall?

Der ganz große Teil leistet den Kirchenbeitrag. Es geht nicht darum, wie es uns geht, sondern wie es den Menschen geht? Da gibt es schwierigste Entwicklungen, zum Teil bei kleinen und mittleren Unternehmen, bei Menschen, die von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit getroffen sind. Die große Herausforderung ist es, das wieder in Bahnen zu lenken, die nicht zu Verwerfungen führen. Ich bin froh, dass es in Österreich einen funktionierenden Sozialstaat gibt.

Wir als Kirche sind selbst Arbeitgeberin. Die Entwicklung wird wohl in die Richtung gehen, dass wir in manchen Bereichen schlanker werden müssen.

Die Pandemie beeinträchtigt auch die Gottesdienste. Manche meinen, dass frühere regelmäßige Sonntagsmessebesucher in Zukunft auf Dauer ausbleiben könnten.

Ich habe im vergangen dreiviertel Jahr in unterschiedlichsten Zusammensetzungen gefeiert. Ich halte es für das Entscheidende, dass jene, die da sind, nicht darüber jammern, dass sie so wenige sind, sondern dass sie mit Freude feiern. Wir sollten uns zu Weihnachten nicht darauf fixieren, dass es so wenige sind, sondern wir sollten aus dem Glauben Freude und Kraft schöpfen, gerade in diesen Zeiten. Gerade auch im Blick auf jene, die nicht da sein können.

Wie werden die Auswirkungen auf die lange Sicht sein?

In vergangenen Jahren hat sich die Schar der Mitfeiernden im Radio und Fernsehen gesteigert, ihr Zahl war schon höher als jene, die in den Kirchen waren. Für relativ viele ist das eine Form des Mitfeierns. Natürlich ist das virtuelle Mitfeiern nicht ideal, denn die Eucharistie braucht auch die Leiblichkeit, die Sinnlichkeit, das gemeinsame Mahl. Es braucht auch eine Gottesdienstgemeinde, die sehr treu und verbindlich dran ist. Ich habe nun schon auch gespürt, wie wichtig manchen die leibliche Präsenz ist, das Treffen in der Kirche, und wie weh es manchen tut, sich nicht die Hand geben oder sich umarmen zu können.

Wie lautet Ihre heurige Weihnachtsbotschaft?

Fürchtet euch nicht! Der Engel Gabriel sagt zu Maria, fürchte dich nicht. Die Engel sagen zu den Hirten, fürchtet euch nicht. Jesus sagt zu den Jüngern, fürchtet euch nicht. Wir sollten mit einem Grundvertrauen und Hoffnung in diese Zeit hineingehen. Al fred Dell (1907–1945, Jesuit, Anm.) hat zu Kriegsende, er ist am 2. Februar 1945 hingerichtet worden, gesagt, lasst uns dem Leben trauen, weil Gott mit uns lebt. Vertrauen und Hoffnung ist die Botschaft von Weihnachten.

Zur Weltkirche. Warum tut sie sich so schwer in der Aufarbeitung des Missbrauchs von Minderjährigen? Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat Papst Franziskus um die Überprüfung der Vorwürfe ersucht, er habe einen Priester, gegen den es derartige Vorwürfe gegeben hat, gedeckt.

Ich kann nur für Österreich sprechen, ich kenne die Situation in Köln nicht. Es hat in früheren Jahrzehnten andere Einschätzungen und Beurteilungen von sexuellem Missbrauch gegeben.

Ganz von der Spitze.

Der sexuelle Missbrauch ist nie gutgeheißen worden.

Es war doch so, dass sexueller Missbrauch, sofern er überhaupt aufgearbeitet worden ist, verdeckt aufgearbeitet wurde.

In den 1950er-Jahren hat es mehr Verurteilungen gegeben, das hat der Missbrauchsbericht in Deutschland gezeigt. Auch bei Priestern, die auch im Gefängnis gewesen sind. Die Verurteilungen sind in den 1960er- und 70er-Jahren zurückgegangen. Das war eine Veränderung im gesellschaftlichen Bewusstsein, was sein darf und was nicht. Inzwischen ist schon wieder klar, dass das absolut nicht sein darf. Die Kirche war da durchaus mit Teil der Gesellschaft.

Wenn ich mir die Studien und die Berichte ansehe, ist das Anfang der 1990er-Jahre radikal zurückgegangen. Es hat sich das Bewusstsein geändert, wie einschneidend das in den Biografien der Opfer, der Kinder und der Jugendlichen, ist. Innerhalb der Kirche hat es damals zunächst stärker den Täterschutz gegeben als den Opferschutz. Man hat sich damals nicht so dafür interessiert, was das mit den Betroffenen anstellt. Das ist dann in den 2000er-Jahren gekommen.

Papst Franziskus hat Kurienkardinal Becciu aus dem Kardinalsstand entlassen. Unter anderem wegen des Missbrauchs von Geldern aus dem Peterspfennig. Ein großer Schaden, auch für das Image.

Ich bin da nicht dran, aber so etwas tut weh. Die Frage von Compliance, von Prüfmaßnahmen und Doppelzeichungen haben wir in der Kirche schon in vielen Bereichen aufgearbeitet. In manchen Bereichen steht es noch aus.

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