Medizin-Dekan Lamprecht: Haben genug Ärzte, Problem ist ihre Verteilung
Lungenprimar Bernd Lamprecht
Durch seine kompetenten Auftritte in der Corona-Pandemie ist Bernd Lambrecht einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Der 47-Jährige ist Universitätsprofessor am Lehrstuhl für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie an der Medizinischen Fakultät der Johannes-Kepler-Universität, zudem ist der gebürtige Kärntner Dekan der Fakultät.
KURIER: Sollte man sich immer noch gegen Covid impfen lassen?
Bernd Lamprecht: Ja, einmal im Jahr, wenn man das 60. Lebensjahr überschritten hätte. Man muss das freilich nicht mehr, weil die Gefahr einer schweren Erkrankung bei jemandem, der prinzipiell gesund ist, heute nicht mehr gegeben ist, sondern nur das Risiko der Infektion. Die Impfung schützt nur sehr kurz und bedingt vor einer Infektion. Daher ist der Nutzen für immunkompetente und junge Menschen gering. Für ältere Menschen, deren Immungedächtnis schwächer ist, ist eine Auffrischung sehr wohl empfehlenswert, vor allem, wenn chronische Begleiterkrankungen bestehen.
Im Moment haben wir eine breite Grundimmunität in der Bevölkerung. Jeder hatte mehrmals mit dem Virus Kontakt, entweder durch Infektionen oder durch Impfungen. Damit ist das Immunsystem gut trainiert, daher sind schwere Verläufe bei Immunkompetenten nicht zu erwarten, sondern Verläufe, die einem grippalen Infekt ähneln. Das lässt sich auch durch regelmäßige Impfungen nicht vollständig verhindern.
Es gibt Menschen, die an Long-Covid erkrankt sind. Sie beklagen, dass es für diese Krankheit kaum ausgebildete Ärzte gibt.
Ich halte das für wichtig. Das betrifft vor allem Long Covid oder Menschen mit einer Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit, die über Jahre anhalten kann. Es gibt dafür nicht einen Fachexperten. Es kann unterschiedliche Organsysteme betreffen. Es muss dafür erst eine Struktur etabliert werden. Das ist mit dem nationalen Referenzzentrum für postvirale Symptome in Wien, angesiedelt am AKH Wien, gelungen. Da gibt es die Frau Professor Kathryn Hoffmann. Von dort aus soll für ganz Österreich Fortbildung angeboten werden, damit für die Patienten niederschwellig Expertise angeboten werden kann. Daneben gibt es eine Reihe von Fachärzten, die in ihren Organdisziplinen Expertise haben.
Das sind Fortbildungen für Ärzte. Was soll aber ein Patient hier in Oberösterreich machen?
Es hat sich hier eine sehr engagierte Selbsthilfegruppe gebildet, die Informationen sammelt, und Interessierten weiterverteilt. Daneben gibt es kompetente Ärzte, die sich mit dem Krankheitsbild auseinandersetzen. Das sind teilweise Neurologen und für Rehabilitation spezialisierte Ärzte. Es gibt den Plan, in Weyer für schwerbetroffene Covid-Patienten eine Reha zu etablieren. Es ist aber nicht so, dass jeder Arzt mit diesem neuen Krankheitsbild gut vertraut ist. Die Schulung greift erst allmählich.
Ist Covid nun nach rund fünf Jahren gelaufen?
Aus heutiger Sicht sind die Gefahren, die damals gedroht haben wie die Überlastung der Spitäler, abgelaufen. Durch die Immunität der Bevölkerung ist wieder eine Normalität eingetreten. Bei Infektionswellen, wie wir sie weiterhin erleben, wird es nicht mehr zu vielen Schwererkrankten kommen. Geblieben ist uns aber ein weiteres Virus, das zur Destabilisierung von Erkrankungen führen kann. Wir haben in unserer Bevölkerung mit sehr vielen älteren und chronisch kranken Personen eine sehr vulnerable Gruppe, die, wenn sie einen Infekt erleidet, trotzdem medizinische Unterstützung braucht, weil sie das nicht wie ein junger, immunkompetenter Mensch in ein, zwei, drei Tagen zu Hause selber auskurieren kann, sondern weil sie Unterstützung braucht. Das fordert die Gesundheitsdienstleister.
Bernd Lamprecht
Als Dekan der Medizinischen Fakultät haben Sie die Lage der Ärzte studiert. Sie kommen zum Schluss, dass es in Österreich genügend Ärzte gibt, wir aber ein Problem in der Verteilung haben.
Ich glaube nicht, dass wir die wahrgenommenen Versorgungsmängel mit noch mehr Ärztinnen und Ärzten ausgleichen können. Es wäre nicht die richtige Antwort, die Studienplätze für Medizin nach oben zu skalieren, was ein Leichtes wäre, gibt es doch sechs bis sieben Mal mehr Bewerber als Studienplätze.
Wir haben sowohl im internationalen als auch im europäischen Vergleich eine hohe Ärztezahl.
Wie viele Studenten schließen jährlich ihr Medizinstudium ab?
Ungefähr 2.000. Es werden in Österreich ausreichend viele Mediziner ausgebildet. In den 1990er-Jahren haben wir von einer Ärzteschwemme gesprochen. Damals gab es ungefähr 20.000 Ärzte. 2015 waren es schon 44.000, und heute liegen wir bei 52.000. Die Steigerungen sind eklatant. Wir kommen inzwischen auf 5,65 Ärzte auf 1.000 Einwohner. Vor zehn Jahren waren es noch 5,06 pro 1.000.
Wir haben Begleiterscheinungen, denen man Rechnung tragen muss, die aber nicht Österreich allein betreffen. Das ist die demografische Entwicklung, dass die Babyboomer ins gesundheitsgefährdende Alter eintreten. Sie brauchen mehr Leistung. Der andere Aspekt ist, dass wir zwar eine hohe Anzahl von Ärztinnen und Ärzten haben, aber die Arbeitszeit nicht im selben Ausmaß gestiegen ist. Im Gegenteil, wir haben durch das Ärztearbeitszeitgesetz eine Begrenzung der Arbeitszeit erlebt. Es gibt in der Medizin eine hohe Teilzeitquote. Es gibt auch eine hohe Frauenquote. Es gibt inzwischen mehr Studentinnen als Studenten.
Wie stark ist die Arbeitszeit zurückgegangen?
Sie ist gesunken, es gibt entsprechende Vereinbarungen, sie soll noch weiter sinken. Wir hatten 55 Stunden pro Woche, sie ist auf 40 Stunden gesunken und sie wird noch darunter sinken. Das bedeutet natürlich weniger Zeit, die für den Kontakt zwischen Arzt und Patient zur Verfügung steht. Es steht dann auch weniger Zeit für die Ausbildung zur Verfügung. Es ist ein Unterschied, ob die Arbeitswoche 55 oder 35 Stunden hat. Aber es will niemand zurück zu den überlangen Arbeitszeiten. Patienten wünschen sich voll ausgeruhte Ärzte, die voll konzentriert und exakt arbeiten können. Wir haben ein Verteilungsproblem.
Können Sie das spezifizieren?
Wir haben ein Verteilungsproblem zwischen dem urbanen Raum und dem Land. Junge Ärztinnen und Ärzte arbeiten lieber in einem Zentralraum und weniger gern in der Peripherie. Es gibt ein Verteilungsproblem zwischen den Fächern. Ich orte keinen Mangel an plastischen Chirurgen oder an Herzspezialisten, aber sehr wohl an Kinder- und Jugendpsychiatern.
Woher kommt diese Umverteilung?
Es gibt Attraktivitätsfaktoren, Attraktivität des Faches, Möglichkeit der Verdienste, Möglichkeit des selbstständigen Arbeitens versus nur im Spital arbeiten können. Dann wollen jungen Menschen heute gerne in Teams arbeiten, in manchen ländlichen Regionen ist aber eine Teamarbeit noch nicht etabliert. Es sind hier mit den Primärversorgungszentren neue Strukturen im Entstehen. Der andere Faktor ist, wie viel Zeit man für die Patienten haben kann. Die Arbeitsintensität ist oft unterschiedlich.
Es gibt zu wenig Kassenärzte. Die Anzahl der Wahlärzte hat die der Kassenärzte schon übertroffen. An welchen Schrauben müsste gedreht werden, um mehr Kassenärzte zu bekommen?
Wir haben mehrere Probleme. Eines ist, dass wir keine funktionierende Patientenlenkung haben. Der Patient geht dorthin, wo er meint, wo er am besten hinpasst. Das führt zu einer Ressourcenbeanspruchung, die oft ungeschickt ist. Zudem ist die Gesundheitsfinanzierung aus verschiedenen Töpfen keine förderliche Rahmenbedingung, um so etwas abzustellen. Hier gibt es Interessensheger, die gar keinen Wunsch haben, dass alles in ihren Bereich kommt. Die Ärztekammer hat zum Beispiel vorgeschlagen, alle ambulanten Leistungen aus einer Hand zu finanzieren. Für die ambulante Behandlung sollte es einen Kostenträger geben, wenn es stationäre sein muss, dann einen anderen Kostenträger. Diese Situation führt zu einer wesentlichen Ineffizienz.
Halten Sie eine Ambulanzgebühr für sinnvoll?
Ich bin alt genug, sie erlebt zu haben. Sie hat sich als nicht praktikabel herausgestellt, weil der Verwaltungsaufwand höher war als der Nutzen. Notfälle waren ausgenommen, im Nachhinein ist es schwer feststellbar, ob ein Notfall vorlag oder nicht.
Mein Vorschlag wäre, dass sich die Versicherung mit ihrem Versicherten einen idealtypischen Pfad ausmacht. Wenn er eingehalten wird, ist die Behandlung kostenlos bzw. im Versicherungspaket enthalten. Wenn ein Patient von diesem Pfad abweicht, weil er glaubt, dass der der für ihn bessere ist, dann könnte er einen Kostenbeitrag leisten. Wenn beispielsweise jemand beschließt, mit einem Sonnenbrand in die Spezialambulanz für Dermatologie zu gehen, könnte er einen Kostenbeitrag leisten, weil er das bei einem Hausarzt günstiger hätte haben können. Die telefonische Gesundheitsberatung 1450 ist eine Chance.
Im Telefonat kann man abklären, ob etwas akut ist und noch heute behandelt werden muss oder ob das etwas ist, bei dem man über das Wochenende zuwarten kann. Eine Auswertung hat ergeben, dass 75 Prozent, die bei 1450 angerufen haben, das umgesetzt haben, was ihnen dort geraten wurde. Das Dilemma ist, dass dort viel zu wenige anrufen. Aber selbst wenn angerufen wird, ist die Empfehlung unverbindlich. Wir gehen mit unseren Ressourcen nicht effizient um.
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