Chronik | Oberösterreich
19.08.2018

„Lenny Bernstein war ein Magier der Musik“

Michael Horowitz. Leonhard Bernstein wäre am kommenden Samstag 100 Jahre alt geworden. Michael Horowitz hat über den Amerikaner eine Biografie verfasst.

Am kommenden Samstag, den 25. August, jährt sich der Geburtstag des Musikers, Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein zum 100. Mal. Der Fotograf, Journalist, Verleger und Gründer des KURIER-Freizeit-Magazins Michael Horowitz (67) hat über den Amerikaner eine Biografie verfasst, aus der er am Samstag beim Seewirt in Zell am Moos (20 Uhr) lesen wird.

KURIER: Was motivierte Sie zu diesem Porträt?

Michael Horowitz: Ich habe vorher schon viele Biografien geschrieben. Es hat begonnen mit dem Romancier Heimito von Doderer, dann mit dem rasenden Reporter Egon Erwin Kisch. Er war in den 1930er-Jahren in einer gemeinsamen Redaktion mit Billy Wilder, der mir davon in Los Angeles erzählt hat. Dann wollte ich einmal eine Biografie über einen Musiker schreiben, der mich fesselt. Leonhard Bernstein hat mich fasziniert, nicht nur als Musiker, sondern auch als Mensch. Ich habe auch Musiker wie die Sängerin Christa Ludwig hineingenommen, die über ihn gesagt hat, er machte nicht Musik, er war Musik.

KURIER: Was macht die Faszination von Bernstein aus?

Er war nicht nur ein großer Dirigent wie Karajan oder Böhm, sondern er war vielseitig. Er hat nicht nur das Musical West Side Story geschrieben, sondern auch Symphonien. Er hat selbst Klavier gespielt und er war ein toller Erzähler. Er hatte Anfang der 1960er-Jahre im amerikanischen Fernsehen eine Sendung mit klassischer Musik. Er hat jeden Sonntag um 17 Uhr Bach und Beethoven erklärt. Und zwischen 10 und 18 Millionen Menschen haben zugesehen. Für ihn gab es keine Trennung zwischen Bach, Beethoven und Bob Dylan und den Beetles. Und er hat schon mit zehn Jahren, als er selbst noch Klavierunterricht erhalten hat, anderen Kindern Unterricht gegeben.

Er war eine der großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und ein Humanist. Er hat große Teile seiner Gage an UNICEF und Amnesty International gespendet.

Sie schreiben im Buch von Parallelen zwischen Bernstein und Gustav Mahler. Worin bestehen sie?

Mahler hatte es in Wien als Hofoperndirektor sehr schwer. Genauso schwer hatte es Bernstein mit den Wienern Philharmonikern. Da ist auf einmal ein amerikanischer Rotzbub gekommen. Was hat der mit europäischer Musiktradition zu tun? Aber als er mit seiner Ernsthaftigkeit zu probieren begonnen hat, haben das die Musiker gespürt und sie sind ihm gefolgt. Er selbst bezeichnete später das Verhältnis zu den Philharmoniker als Freudentanz und Liebesverhältnis.

Sowohl Mahler als auch Bernstein waren jüdischen Glaubens. Bernstein ist ganz bewusst nach dem Krieg 1947/’48 nach Deutschland gefahren und hat dirigiert. Er hat genau gewusst, dass viele ehemalige Nazis im Orchester waren. Es hat andere Musiker gegeben, die nie deutschen Boden betreten wollten. Bernstein hat gesagt, die Musik hat uns verbunden, sowohl die Musiker als auch er haben sich in der Musik gefunden. Das war auch ein Zeichen des Verzeihens.

Wie war Bernsteins Beziehung zu Österreich?

Er hat Österreich von Anfang an geliebt. Er hat gesagt, das Tolle an der deutschen Sprache ist, dass es ein Wort gibt, das es im Englischen nicht gibt, nämlich Musizieren. Als Herbert von Karajan Anfang der 1960-Jahre in Wien Probleme gehabt und sich Richtung Berlin zurückgezogen hat, wollten die Journalisten eine Feindschaft zwischen Bernstein und Karajan aufbauen. Das ist ihnen aber nie gelungen.

Bernstein war jemand, der den Erfolg gebraucht und auch manisch gesucht hat. Das Publikum in Wien und Salzburg hat ihn verehrt und ist mitgegangen. Er ist gesellschaftlich herumgereicht worden. Das hat er auch gerne gehabt, er war gerne in der Öffentlichkeit. Er hat alle umarmt und geküsst, in Wirklichkeit war er ein aber ein zutiefst einsamer Mensch.

Dieses Horowitz-Bild entstand Anfang 70 in Salzburg

Er hat nicht nur exzessiv Musik gemacht, sondern auch exzessiv gelebt. Sie haben dieses Kapitel mit „Tanz auf dem Vulkan“ getitelt.

Die Musik war für ihn das Wichtigste. Gleichzeitig war sein Leben geprägt von Leistungsdruck, Depressionen, von Versagensängsten und Erfolgsdruck. Dazu kam sein, dass er bisexuell war, gleichzeitig war er verheiratet und hatte zwei Kinder. Es war extrem schwierig, das in den 1960er und 1970er-Jahren auszuhalten.

Er war auch der Erste, der einen schwarzen Musiker für die New Yorker Philharmoniker engagiert hat. Das war die Zeit, als das Rat Pack (Frank Sinatra, Sammy Davis Jr., Joey Bishop, Peter Lawford, Shirley MacLaine, Anm.d.Red.) in Las Vegas aufgetreten ist. Sammy Davis hat nicht im Hotel übernächtigen dürfen, sondern in einem Wohnwagen am Parkplatz.

Bernsteins Frau ist elendiglich an Krebs zugrunde gegangen. Er hat sie jahrelang gepflegt. Aber seine sexuelle Orientierung war bis zum Schluss da und er hat sie gelebt. Die Menschen haben es akzeptiert.

Er hat auch gerne Whiskey getrunken.

Nur Ballantines, zwölf Jahre alt. Und davon reichlich. Dazu kamen Carlton- Zigaretten, um die 100 Stück pro Tag. Manchmal hat er bis drei, vier, fünf Uhr früh gefeiert. Aber wenn um 9 Uhr früh Probe war, war er pünktlichst da. Und er war vorbereitet. So ein Leben zehrt. Christa Ludwig hat gesagt, er war wie eine Kerze, die an zwei Enden gebrannt hat.

Was bleibt von Bernstein?

Es bleibt die West Side Story, die weltweit aufgeführt wird. Es bleiben sehr gute Einspielungen und Platten, vor allem die Mahler-Aufführungen. Da kann man ihn weiter erleben. Es bleibt nicht nur ein Magier der Musik, sondern eine wirkliche Persönlichkeit, die das 20. Jahrhundert mitgeprägt hat. Die Menschen, die auch im Buch vorkommen wie John F. Kennedy oder Jackie Kennedy oder Maria Callas haben sich mit ihm getroffen und sie haben sich gefunden. Alle waren von ihm begeistert. Er war ein Humanist, ein anständiger Mensch, der sich gegen Atombomben und Rassendiskriminierung eingesetzt hat.

Das Cover-Foto  ist von Oscar Horowitz, Vater des Autors

Sie lesen in Zell am Moos beim Seewirt am kommenden Samstag. Warum gerade am Irrsee?

Ich bin den ganzen Sommer hier in Zell am Moos, ich fahre nur einen Tag in der Woche nach Wien. Das hier ist mein zweites Zuhause. Ich bin nun mit meiner Frau seit zehn Jahren hier am Irrsee. Zur Lesung kommt auch Otto Schenk. Der Kartenverkauf läuft sehr gut.

Warum haben Sie sich gerade am Irrsee niedergelassen?

Ich bin schon vor 40 Jahren als junger Fotograf hieher gekommen. Ich habe dadurch zwei Menschen kennengelernt: den Eberhard Wächter (Opernsänger, 1929–1992) und den Otto Schenk. Ich war dabei, als Schenk den Kaufvertrag für sein Haus unterschrieben hat. Ich habe damals für „Hör zu“ fotografiert. Schenks Kauf war damals die Rezeption des Campingplatzes.

Der Zweite, der mich nicht nur als Sänger, sondern auch als Mensch fasziniert hat, war Waechter. Er war damals mit Heinrich Schweiger der erste Prominente, der hier ein Haus gekauft hat. Er war sehr fußballbegeistert. Er hat sich neben dem Haus einen eigenen Fußballplatz bauen lassen, den es noch immer gibt. Wächter hat immer mit seinen drei Söhnen, die sehr gut gespielt haben, und dem Heinz Holecek (Sänger, 1938–2012) eine Mannschaft gebildet. Sie haben meist zweistellig gewonnen. Bei der anderen Mannschaft war der Schenk, der kaum kicken konnte, der Heinz Marecek, der auch nicht kicken konnte, und meine Wenigkeit. Ich hatte es als Vienna-Anhänger auch nicht so mit dem Fußball. Nur einmal habe ich durch Zufall ein Wahnsinnstor ins Kreuzeck geschossen.

Das Salzkammergut ist mit Wien das Schönste in Österreich.