Kassenärztin Mitter: „Ein minimaler Selbstbehalt würde Wunder wirken“
Katharina Mitter
Katharina Mitter war die treibende Kraft für das Primärversorgungszentrum Haid bei Ansfelden, in dem sie und ihre Kolleginnen Anna Leitner und Katrin Ritzberger sich um die hausärztliche Versorgung von 12.000 Bewohnern kümmern. Zudem wird Physiotherapie und Sozialarbeit angeboten. Die 47-Jährige, die aus Hartkirchen stammt und in Wilhering maturiert hat, ist Mutter zweier Kinder. Sie hat im Krankenhaus gearbeitet, sie war Amtsärztin. 2018 hat sie in Ansfelden eine Hausarztordination übernommen, bevor sie nun am 12. Jänner mit dem Primärversorgungszentrum (PVZ) in Haid gestartet ist.
KURIER: Was war für Sie die Motivation, sich mit weiteren Ärztinnen zu einem Primärversorgungszentrum zusammenzutun?
Katharina Mitter: Es sind drei Hausärzte in der Gemeinde in Pension gegangen. Mit jeder Pensionierung hatte ich mehr Patienten. Ich war besorgt, dass das System kippt, dass meine Mitarbeiterinnen weggehen, dass die Ordination aus allen Nähten platzt und ich die Patienten nicht mehr behandeln kann. Man könnte mit einem Aufnahmestopp reagieren.
Nicht wenige Patienten machen die Erfahrung, dass sie von Ärzten nicht mehr genommen werden.
Es waren bei uns zuletzt 30 Leute im Wartezimmer. Obwohl ich vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte, die vorgearbeitet haben. Wir sind für 8.000 Menschen fußläufig erreichbar.
Als Konsequenz haben Sie sich das Ziel gesetzt, ein Primärversorgungszentrum zu errichten?
Ich habe versucht, Kollegen für die offenen Stellen zu motivieren. Das war sehr schwierig. Was ich nicht verstehe, denn für mich gibt es kein schöneres Arbeiten als als Allgemeinmedizinerin tätig zu sein. Das ist so eine wichtige Schnittstelle zwischen Facharzt, Krankenhaus und Patient. Man ist mehr als ein Arzt, man ist eine Anlaufstelle. Ich mache das gerne. Es ließen sich aber keine Kollegen motivieren, weil die Einzelpraxis in Ballungszentren nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. Es macht auch wenig Sinn. Fünf Arztstellen, fünf Ordinationen, fünf Mal zwei bis drei Assistentinnen, fünf Computersysteme. Es bietet sich an, das Ganze zu zentralisieren.
Ihr neues PVZ wird von Patienten überrannt.
Trotz eines 18-Stunden-Tages schaffe ich es derzeit nicht, alle glücklich zu machen. Am Wochenende ist es minimal weniger. Lange Wartezeiten machen fordernde Patienten grantig. 1.600 Patienten in sechs Tagen ins System einzuschleusen und medizinisch korrekt zu behandeln ist schon eine Herausforderung. In der Zeit, in der ich arbeite, arbeite ich hoffentlich irgendwann einmal in besserer Qualität mit mehr Zeit für den einzelnen Patienten.
In der Einzelordination hatte ich vormittags vier Stunden offen. Die vier Stunden am Nachmittag habe ich den bürokratischen Aufwand abgearbeitet.
Machen Sie auch Besuche bei Patienten?
Grundsätzlich schon. Aber nur bei akuten Fällen. In meiner früheren Ordination war das in letzter Zeit häufig der Fall, weil es nötig war.
Machen Sie das nun im PVZ auch?
Wir sind im PVZ in entsprechenden Fällen dazu verpflichtet, wir dürfen aber auch unsere Krankenschwestern rausschicken, wenn es zum Beispiel nur um einen Verbandswechsel geht. Ich mache das im Prinzip gern, es gehört zu meinem Job. Es ist einfach eine Frage der Zeit.
Vor 50, 60 Jahren waren Hausärzte rund um die Uhr erreichbar, in der Nacht ebenso wie am Wochenende. Das gibt es nicht mehr.
In diesem Sinn nicht mehr. Es steht der hausärztliche Notdienst zur Verfügung, der Arzt kommt bis 23 Uhr. Früher ist man zum Arzt gegangen, wenn er offen hatte und wenn man etwas gebraucht hat. Heute wird von der Bevölkerung gefordert, dass es eine 24-Stunden-Betreuung gibt. Auch wenn es nur um ein Medikament oder einen Schnupfen geht. Das hat sich geändert.
Die Spitalsambulanzen sind überlaufen. Fahren die Leute zu leichtfertig ins Krankenhaus?
Die Lösung wäre ein vorgeschalteter Hausarzt. Ich habe zum Beispiel Wochenenddienste, am Samstag von 8 bis 12 Uhr. Ich schaue mir die Patienten an. Wenn es notwendig ist, schreibe ich eine Überweisung an das Krankenhaus. Oft ist weder eine Rettung noch ein Notarzt notwendig. Meine Überweisung wird im Krankenhaus ignoriert, der Patient stellt sich in der wartenden Schlange an. Alles, was ich bereits gemacht habe, zum Beispiel ein EKG, wird ignoriert, es wird alles nochmals gemacht. Es sind zwei verschiedene Systeme, die hier aufeinandertreffen.
Unter der Nummer 1450 ist Tag und Nacht ein medizinischer Dienst erreichbar. Ist das eine gute Lösung?
Je mehr Service geboten wird, umso mehr wird er genutzt. Es wird gesagt, die beste medizinische Versorgung wird rund um die Uhr geboten. Das ist aber nicht ganz so. Es gibt Arbeitszeiten, in denen es eine sehr gute Versorgung gibt. Und dann gibt es Zeiten mit einem Notdienst. Im Notdienst rufen dann Leute an und sagen, der Papa hat sich sein Diabetes-Rezept nicht abgeholt, er braucht sein Metformin. Die Selbstverständlichkeit der medizinischen Versorgung ist eine große geworden.
Ist Telemedizin für Sie eine gute Lösung?
Sie wird funktionieren. Datenschutztechnisch ist es kompliziert. Meine Telemedizin sieht so aus, dass Bekannte mir ein Foto von ihrer Erkrankung schicken und ich schreibe ihnen, was sie nehmen sollen.
Wenn jemand krank ist, will er bevorzugt mit einem Arzt reden.
Wenn es um ein Wimmerl geht, ist Telemedizin in Ordnung. Aber ich bin auch nicht der große Fan der Telemedizin.
Es sind nach wie vor mehr als 30 Kassenarztstellen in Oberösterreich unbesetzt. Wo liegt hier das Problem?
Zum einen an der Bürokratie, zum anderen an der Investition. Dann am fehlenden Überblick, was er alles machen muss. Wir haben im PVZ einen eigenen Manager, der das für uns erledigen sollte. Die Situation in den Bundesländern ist unterschiedlich. Niederösterreichische Kassenärzte haben bessere und familienfreundlichere Vertragsbedingungen als oberösterreichische. Die Linzer Hausärzte haben keine verpflichtenden Nachtdienste, Wochenenddienste machen sie auch keine. Das gesamte System ist ungerecht. Dann gibt es die Frage der Hausapotheke. Ich persönlich muss keine dabei haben.
Sollte man nicht jedem Hausarzt am Land eine Hausapotheke geben? Den Ärzten wäre genauso geholfen wie den Patienten.
Es wäre gescheit. Aber es scheitert am System, dass überall wer mitverdienen will.
Wie kann man den Hausarzt noch attraktiver machen?
Für die Patienten ist der Hausarzt sehr wichtig. Manche in den Spitälern wissen gar nicht, welch’ wichtige Funktion wir haben. Bei Corona sind so viele Dinge passiert, die wir als Hausärzte schon vorhergesehen haben. Wir sehen Dinge früher, weil wir an der Basis sind.
Derzeit geht alles in Richtung Forschung und Spezialisierung, aber wenn die Basis unten wegbricht, kommen die Menschen gar nicht mehr an die Spitze, den sie gehen vorher an Zucker, Bluthochdruck und Cholesterin zugrunde.
Was hat sich bei den Hausärzten gegenüber der Situation vor 50 Jahren geändert?
Es gibt die Möglichkeit, in den Wahlarztbereich zu gehen. Wahlärzte picken sich die Rosinen heraus und rechnen über die Kassen ab. Er verpflichtet sich nicht zu Öffnungszeiten und Wochenenddiensten. Es wäre interessant zu wissen, wie viele Wahlärzte es geben würde, wenn sie nicht mit den Kassen abrechnen könnten und die Patienten nichts refundiert bekämen.
Ist der Ansturm zu den Wahlarztpraxen nicht auch durch das Ärztearbeitszeitgesetz ausgelöst worden, sodass viele nun im Krankenhaus Teilzeit arbeiten und dazu noch eine Ordination betreiben?
Zu meiner Zeit im Krankenhaus hatte ich keine Möglichkeit auf Teilzeit. Das hat sich geändert.
Katharina Mitter
Was hat sich bei den Patienten in den vergangenen 50 Jahren geändert?
Patienten sehen die Versorgung rund um die Uhr als Selbstverständlichkeit. Das soll es auch sein. Aber der eingewachsene Zehennagel, der um Mitternacht in der Ambulanz aufschlägt, ist leider Realität. Es gibt auch für einen Arzt eine Zeit, in der alles gemacht wird und es gibt eine Zeit, in der Notfälle behandelt werden.
Was kann man tun, dass Sie weniger Patienten in der Ordination haben?
Mindestens ein Drittel der Patienten kommen mit klassischen Wohlstandserkrankungen. Verursacht durch zu wenig Bewegung und zu viel billiges Essen mit zu vielen Kalorien. Dadurch kommt es zu Übergewicht, hohem Blutdruck, Cholesterin, Kreuzschmerzen etc. Rauchen und Alkohol tragen auch dazu bei.
Ein minimaler Selbstbehalt, zum Beispiel von fünf bis zehn Euro, würde Wunder bewirken und die verfügbare Behandlungszeit des einzelnen Patienten deutlich verlängern. Das dadurch eingenommene Geld muss gar nicht beim Arzt bleiben, sondern könnte an die Gesundheitskasse weitergeleitet und für die Patienten verwendet werden.
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