Josef Ratzenböck suchte den Kompromiss und den sozialen Ausgleich
Josef Ertl
Nie kamen aus seinem Mund negative Bemerkungen über Mitbewerber oder Gegner. Auf meinen Einwand, dass doch nicht alle Mitmenschen gut seien, sagte er eben diesen anfangs zitierten Satz.
Neben seinen politischen Erfolgen war Ratzenböck vor allem eine menschliche Größe. „Man soll immer bereit sein, mit dem Kopf des anderen zu denken. Niemand allein hat das Evangelium. Auch die anderen haben in irgendeiner Form recht.“ So lautete seine Antwort auf die Frage, was das Leben ihn gelehrt habe. „Es ist vernünftig, den Kompromiss zu suchen. Überzeugen ist besser als überstimmen.“ Der Name Partei komme aus dem Lateinischen, von pars, was eben Teil bedeute. Seine Schlussfolgerung: „Man soll, wenn man einen Vorschlag prüft, nie fragen, von wem er ist, sondern ob er gut oder schlecht ist. Wenn er gut ist, soll man ihn auch dann verwirklichen, wenn er von anderer Seite kommt. Ist er schlecht, hebt auch die Tatsache, dass er von eigenen Leuten stammt, keinesfalls die Qualität.“
Ratzenböck war immer für die Anliegen der Leute da. Legendär waren seine dienstägigen Sprechtage, die um 6 Uhr begannen und um 15, 16 Uhr endeten. In den 1930er-, 40er- und 50er-Jahren groß geworden, waren seiner Frau Anneliese und ihm das Sparen und Bescheidenheit eine Selbstverständlichkeit. Sie waren seit 1959 in derselben Wohnung in der Linzer Kroatengasse. Wozu verdienen wir das Geld, wenn wir es nicht den Menschen geben, verteidigte er die sozialen Ausgaben. Die Landsleute honorierten seine Politik. 1985 erzielte seine ÖVP mit 52,1 Prozent den höchsten Sieg seit 1945, Ratzenböcks Beliebtheit lag bei einmaligen 82 Prozent.
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