Infineon-Chefin Herlitschka: „Europa muss seine internen Hürden reduzieren“

Sabine Herlitschka
Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende von Infineon, plädiert für einen gemeinsamen Kapitalmarkt, Energiemarkt und ein gemeinsames Bahnsystem.

Es war unüberhörbar, dass der gebürtige Linzer und Genetik-Professor Markus Hengstschläger vom Wissen und Können von Sabine Herlitschka angetan ist. 

 

Die 59-Jährige ist Vorstandsvorsitzende von Infineon Österreich, sie hat eine beeindruckende wissenschaftliche und wirtschaftliche Laufbahn hinter ihr. Sie war kürzlich zu Gast bei der Denkfabrik Academia Superior im Festsaal der Johannes-Kepler-Universität.

„Infineon hat in Villach im vergangenen Jahr zehn Milliarden Chips hergestellt“, erzählte Herlitschka. Die Firma habe vor 55 Jahren mit 24 Frauen in einer Garage begonnen, die einfache Dinge montiert hätten. Heute habe Infineon 6.000 Mitarbeiter, davon 2.500 in Forschung und Entwicklung. Infineon sei das forschungsstärkste Unternehmen Österreichs mit einem Entwicklungsvolumen von 720 Millionen Euro. Heute sei Infineon ein internationales Unternehmen, ein Drittel der Belegschaft komme aus 80 Ländern. Am Standort Linz sind 170 Mitarbeiter beschäftigt.

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Die Chip-Produktion in Villach

Moderator Hengstschläger befragte die Managerin zu den verschiedensten Themen, unter anderem zur Lage Europas. Hier hatte Herlitschka eine klare Antwort: „Die Stärke Europas ist, dass wir ein großer Markt mit 500 Millionen Einwohnern sind. Deutlich größer als die USA. Was würden wir alles schaffen, wenn wir eine echte europäische Union wären! Mit einem Binnenmarkt, einer Kapitalmarktunion und einem gemeinsamen Energiemarkt.“ 

Jüngst sei eine Studie über die Marktbeschränkungen innerhalb Europas veröffentlicht worden. „Sie sind bei 40 Prozent. Oder ganz praktisch. Arbeiten Sie einmal in Deutschland und übersiedeln Sie zurück nach Österreich. Die Fragen der Sozialversicherung, des Pensionssystems, der Steuer, viel Spaß. Wir haben in der EU vieles von dem, was wir richtig aufgesetzt haben, nicht komplett implementiert.“ Das sei nicht allein ihre Meinung, das sei zum Beispiel auch im Draghi-Report zu lesen.

Sabine Herlitschka

V.l. Herlitschka, Landeshauptmannstellvertreterin Christine Haberlander und Markus Henstschläger

Start-ups seien eine tolle Entwicklung, „wir haben eigentlich viel Start-up-Förderung in Europa. Wann wird es für sie schwierig? Wenn sie sich entwickelt haben und weiter wachsen wollen? Sie haben in Europa 27 verschiedene regulatorische Systeme. Spätestens dann schauen sie in die USA. Das ist zwar nur ein Markt von 350 Millionen Menschen, aber mit einem regulatorischen Regime. Wenn wir einen wirklichen Binnenmarkt schaffen, ist das viel wirksamer als dauernd über Förderprogramme zu reden. Wir müssen unsere internen Hürden reduzieren. Konzentrieren wir uns in Europa auf die Dinge, die eine wirkliche Hebelwirkung haben: auf den Binnenmarkt, die Kapitalmarktunion, die Energieunion. Ein weiteres Beispiel sind die Plastikflaschen mit dem Schraubverschluss, der nicht runtergeht. Ist das die große Innovation? Ist das die grandiose Grundlagenforschung? Recycling ist wichtig. Aber wo sind die großen Projekte, wo wir wirklich zu einer grünen Transformation beitragen? Zum Beispiel ein europäisches Bahnsystem. Ich weiß, dass das nicht trivial ist, aber wir haben es geschafft, den Euro einzuführen. Das war ein visionäres Projekt. Stellen Sie sich ein Europa vor, wenn wir solche Dinge schaffen. Davon braucht es nicht viele, aber der Fokus sollte auf die wirklich großen Dinge gerichtet sein, die den Unterschied machen. Dann erreichen wir etwas. Wir sollten uns nicht in Klein-Klein verlieren.“ Es gebe tolle Strategiepapiere, es mangle an der Umsetzung. Pläne sollten Schritt für Schritt konsequent umgesetzt werden.

Großer Applaus des Publikums.

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