Peter Hildebrand im Verkaufsgeschäft Linz-Leonding

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
03/21/2021

„In Krisenzeiten wird ins Zuhause investiert“

Peter Hildebrand ist Geschäftsführer von Betten Reiter. Die Firma erwartet für das Geschäftsjahr 2021/22 einen Umsatz von 89,5 Millionen Euro. In den 18 Filialen sind 364 Mitarbeiter beschäftigt.

von Josef Ertl

Peter Hildebrand (73) ist seit 30 Jahren Geschäftsführer von Betten Reiter.

KURIER: Sie sind 73 Jahre alt. Warum arbeiten Sie noch?

Peter Hildebrand: Weil es mir Spaß macht.

In Ihrem Alter sind andere schon zehn bis 15 Jahre in Pension.

Die Arbeit hält mich jung. Es ist wahrscheinlich auch mein Hobby. Ich habe mein ganzes Leben lang intensiv gearbeitet. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass ich nur mehr zu Hause sitze. Solange es mir gesundheitlich gut geht, werde ich nicht zu arbeiten aufhören.

Wie viele Stunden machen Sie pro Woche?

50 bis 60. Am Samstag ist ein verkürzter Tag.

Betten Reiter expandiert. Im Herbst wird ein neuer Flagship-Store im Zentrum von Linz (Graben 29) eröffnet. Die Filialen in Klagenfurt und Villach werden umgebaut, in der Shopping-City-Süd in Wien-Vösendorf wird in eine neue, größere Lokalität übersiedelt. Diese Investitionen machen 4,5 Millionen Euro aus. Geht das Geschäft so gut?

Mehrere Mietverträge enden. Da überlegt man natürlich, ob man bleiben oder sich woanders ansiedeln will. Wenn ein guter Standort auf den Markt kommt, muss man ihn nehmen.

Die Wohnungsmieten stiegen. Ist das bei den Geschäftsflächen auch der Fall?

Nein, ganz im Gegenteil. Sie waren schon vor Corona leicht aufweichend. Corona hat die Position der Mieter gestärkt, weil Flächen in Einkaufs-und Fachmarktzentren frei werden. Der generelle Trend geht zu kleineren Flächen. Früher hatte man in den Geschäften sogenannte Handlager, wo man Ware für den Verkaufsraum gelagert hat. Wir haben dieses System völlig umgestellt und beliefern vier bis sechs Mal wöchentlich unsere Filialen. Wir liefern das nach, was am Vortag verkauft worden ist. Die Verkaufsflächen bleiben gleich, die Nebenflächen werden weniger.

Das Online-Geschäft hat durch Corona geboomt ...

... und wird auch stärker bleiben, weil viele Menschen gelernt haben, online zu bestellen. Gerade die ältere Generation. Das reduziert aber zumindest bei uns nicht das stationäre Geschäft. Ganz im Gegenteil, beide befruchten sich gegenseitig. Gott sei Dank wird im Sommer die Ungerechtigkeit bereinigt, dass man Pakete aus dem Ausland im Wert von unter 20 Dollar zollfrei einführen kann. Aus China ist faktisch alles zollfrei eingeführt worden. Ich habe es nie verstanden, warum man China als das schnellst wachsende Land der Welt mit dieser Zollfreiheit unterstützt.

Ihr Online-Umsatz hat sich im vergangenen Jahr vervierfacht. Wird das so bleiben?

Er wird heuer noch weiter steigen.

Warum läuft der stationäre Umsatz so gut?

Als Corona vor einem Jahr ausgebrochen ist, waren wir in der nachhaltigen Positionierung dort, wo wir sein wollten. Wir haben eine eigene Manufaktur in Österreich, wir haben ein hohes Eigenkapital und eine gute Liquidität. Wir sind im vergangenen Jahr nie in wirkliche Schwierigkeiten gekommen. Wenn wir offen waren, haben die Kunden gut auf unsere Produkte angesprochen. Wenn wir geschlossen hatten, ist es online gut gegangen. Aber das ist im Vergleich zu den 18 Filialen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Sie hatten 98 Tage geschlossen, der Umsatzrückgang betrug lediglich zehn Prozent.

Wir waren Ende Oktober schon leicht im Plus im Vergleich zu 2019. Dann kam der neuerliche Lockdown.

Wie wird das aktuelle Jahr werden?

Ich glaube gut. In Krisenzeiten geht es der Firma Reiter relativ gut, weil die Menschen ins Zuhause investieren und sich zu Hause etwas gönnen. Die starke Beschränkung der Fernreisen hilft uns, man macht daheim Urlaub.

Sie setzen stark auf die gesellschaftlichen Trends wie Fair Trade und vegan. Wie setzen Sie das um?

Ich bin 2007 auf der Heimtex in Frankfurt, das ist die größte Heimtextilienmesse der Welt, auf Fair Trade gestoßen. Die Entstehung, der Anbau von Rohmaterialien und die gesamte Veredelungskette wird auf Fair-Trade-Standards überwacht.

Es dürfen keine Pestizide verwendet werden, es darf keine Kinderarbeit geben, es darf bei den Ressourcen keinen Missbrauch wie zum Beispiel des Grundwassers geben. Es werden soziale Standards eingehalten.

Führen diese Standards zu höheren Kosten?

Natürlich. Das Rohmaterial ist schon teurer, weil die Fair-Trade-Bauern einen fixierten Mindestpreis bekommen. Es werden damit Projekte wie Schulen, Kindergärten, Bewässerungsanlagen, etc. umgesetzt.

Unsere Gesellschaft neigt leider dazu, ihre Lebenssituation über Menge und nicht über Qualität zu verbessern. Wenn man sich zum Beispiel die industrielle Tierhaltung und die Lebensmittelerzeugung anschaut.

Industrielle Tierhaltung lehnen Sie ab?

Das ist ein Thema, das mich besorgt.

Die Kunden sind bereit, die höheren Preise für Fair Trade zu zahlen?

Bei Fair Trade oder Cradle-to-Cradle (durchgängige Kreislaufwirtschaft) ja. Cradle-to-Cradle sind Produkte, die völlig schadstofffrei sind. Sie zersetzen sich zu Kompost. Das ist die Zukunft der Konsumgesellschaft.

Die Rohstoffe sind endlich, die Bevölkerung wächst. Wir müssen lernen rohstoffschonend zu leben. Die Produkte müssen an ihrem Lebensende wieder zu Rohmaterial werden, mit dem man etwas Neues machen kann.

Sie hatten eine harte Kindheit, Sie sind auf einem kleinen Kärntner Bauernhof aufgewachsen.

Das ist für die heutige Generation völlig unvorstellbar. Als ich ein Kind war, gab es im Haus kein Fließwasser, sondern nur am Brunnen vor dem Haus. Unser erstes Auto war ein Tatra mit zwölf PS, ein Zweitakt-Zweizylinder mit einer hölzernen Karosserie. Das war eine andere Welt. Ich habe im Stall eingestreut, die Kühe gefüttert, etc. Mein Vater hat sein ganzes Leben lang gekämpft, die Landwirtschaft über Wasser zu halten. Ich habe mir geschworen, diese finanziellen Sorgen einmal nicht haben zu wollen. Ich habe in Graz Elektrotechnik, speziell Hochspannungstechnik, studiert. Durch das Studium bin ich auf Schlumberger (das weltweit größte Unternehmen für Erdölexplorations- und Ölfeldservice, Anm.) gestoßen. Da habe ich zwölf Jahre gearbeitet. Angefangen habe ich in Kuwait, dann kam Ägypten, Südoman, Athen, Saudi-Arabien, Muscat (Oman), Deutschland, Den Haag und Japan. Die Firma hat geophysikalische Messungen durchgeführt.

Als ich in den Oman gekommen bin, habe ich meine Frau (sie ist die Tochter der Gründerfamilie Reiter, Anm.) kennengelernt. Dann hat sich die Möglichkeit ergeben, nach Österreich zurückzugehen, weil Betten Reiter in Leonding eröffnet hat.

Wie lange wollen Sie noch arbeiten? Und wie wird es weitergehen, wenn Sie aufhören?

Ich arbeite, bis ich umfalle. Die Firma ist heute schon im Besitz von zwei Stiftungen. Ich habe immer darauf geachtet, dass die Firma auch dann funktioniert, wenn sie nicht im Familienverband geführt wird.

Haben Sie Hobbys?

Tauchen. Im Meer ist es unten sehr spannend und abwechslungsreich. Das kann ich in meinem Alter noch recht gut machen. Als ich im vergangenen Oktober zwei Wochen auf den Malediven war, habe ich

36 Tauchgänge unternommen.

Vor drei Jahren habe ich noch ein Tieftauchzertifikat gemacht.

Warum ist die Firma Reiter so erfolgreich?

In der Erdölindustrie habe ich gelernt, mit Mitarbeitern fair umzugehen. Unter den extremen Verhältnissen, unter denen dort gelebt und gearbeitet wird, kann man nichts erzwingen. Die Mitarbeiter müssen einem folgen wollen. Wir haben bei Betten Reiter sehr gute Mitarbeiter, die sehr loyal sind. Der Geschäftserfolg ist der Erfolg des Teams. Ich will jedem Mitarbeiter in die Augen schauen und sagen können, dass er fair behandelt und entlohnt wird.

Bei Ihren Einstellungsgesprächen machen Sie auch des Öfteren die Erfahrung, dass jüngere Bewerber die Work-Life-Balance betonen.

Es geht uns gut. Als ich ein Kind war, sind wir mit einem selbst genähten Zelt nach Lignano campieren gefahren und wir haben die eigenen Tomaten und Erdäpfel mitgenommen, weil wir sie hätten kaufen müssen. Warum bin ich in die Erdölindustrie gegangen? Ich wollte Geld verdienen. Es war eine finanzielle Entscheidung. Wobei ich betone, dass man einen Job nicht wegen des Geldes machen soll. Das Wichtigste ist, dass einem die Arbeit Spaß macht.

Welche Ziele verfolgen Sie noch?

Gesund bleiben, die Firma gesund halten, das Leben genießen.

Sie haben auch die elterliche Landwirtschaft übernommen.

Ich habe die Felder verpachtet, den Wald bewirtschafte ich selbst.

Beim Thema Landwirtschaft stößt mir einiges auf. Jeder, der ein Tier gefüttert und aufwachsen gesehen hat, weiß, dass ein Kilogramm Fleisch um 4,99 Euro im Supermarkt mit rechten Mitteln nicht möglich ist. Wie kann es sein, dass im deutschen Schlachthof Tönnies Mitarbeiter ins Land gebracht werden, die ganz billig arbeiten, um die heimischen Fleischer in den Konkurs zu treiben? Da steht dann eine österreichische Spitzenpolitikerin auf und schreit, das Schnitzel muss leistbar bleiben. Das ist falsch. Wir haben einmal in der Woche Fleisch gegessen. Es hat Sterz, Milchreis und Polenta gegeben.

Man muss nicht um jeden Preis mit dem Konsum die Umwelt kaputtmachen. Schon heute würde man zweieinhalb Erden benötigen, wenn alle so leben würden wie wir in Europa.

Ich sehe auch ein Problem in der Globalisierung. Weil wir immer gegen das Billigstlohnland der Welt antreten.

Wie soll das in einem freien Markt funktionieren?

Mit Einfuhrzöllen. Ich hätte ein einfaches Konzept. Die Einführung einer -Abgabe, die sich berechnet aus Gewicht mal Entfernung. Warum müssen Äpfel aus Chile importiert werden? Wenn ja, dann müssen sie mehr kosten. Unsere Äpfel werden weggeworfen und die chilenischen werden verkauft. Das kann es nicht sein. Wir weichen immer stärker in Billiglohnländer aus, um unser Wachstum zu finanzieren.

Wenn in den Billigländern die Löhne und Preise steigen werden, wird das alles weltweit teurer. Dann werden wir versuchen müssen, die Pensionen der viel zu früh in Pension gehenden Menschen zu finanzieren. Wenn Politiker behaupten, die Pensionen sind gesichert, ist das eine Mär. Denn das Wohnen wird teurer werden, die Lebensmittel ebenfalls. Und wir leben dann von den Dienstleistungen und den Hochtechnologiejobs, wie behauptet wird? Wir sollten uns nicht selbst anlügen. Die Asiaten sind technisch schon vorne, wir hinken hinterher, sie werden das Tempo vorgeben.

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