Chronik | Oberösterreich
07.10.2018

„Ich war immer sehr leistungsbereit“

Martina Salomon. Die neue KURIER-Chefredakteurin über Journalismus, Karriere, Kochen und dicke Haut – und warum sie ein Herz für kleine Unternehmer hat.

Wieder einmal ist die KURIER–Spitze „oberösterreichisch besetzt“: Martina Salomon stammt (wie auch Hubert Feichtlbauer und Christoph Kotanko) aus diesem Bundesland.

Salomon (58) ist in Linz geboren, wuchs in Traun auf und maturierte am dortigen Realgymnasium. In Salzburg studierte sie Germanistik und Publizistik und arbeitete nebenher für die Oberösterreichischen Nachrichten sowie das ORF-Landesstudio Linz. Weitere berufliche Stationen: Wiener Redaktion der Tiroler Tageszeitung, Innenpolitik-Journalistin beim damals neu gegründeten Standard; Presse-Innenpolitik-Chefin.

2010 wurde sie stellvertretende Chefredakteurin des KURIER, seit 2013 leitete sie auch das Wirtschaftsressort. Mit 1. Oktober hat sie nun die KURIER–Chefredaktion übernommen. Sie ist mit dem ORF-Journalisten Gerhard Jelinek verheiratet und Mutter zweier Söhne. Sie hat zwei Bücher veröffentlicht: 2014 die Streitschrift „Iss oder stirb (nicht)“. Heuer erschien „Salomonisch serviert. Lebensrezepte und Lieblingspeisen“ in der edition a.

KURIER: Was bedeutet die Bestellung zur Chefredakeurin für Sie persönlich?

Martina Salomon: Ich bin zufrieden, so weit hinauf gekommen zu sein. Wobei ich nicht auf die Welt gekommen bin und gesagt habe, ich werde mal Chefredakteurin. Ich habe eine sehr organische Karriere gemacht und freue mich, dass ich es auch geschafft Kinder zu kriegen. Für sie habe ich eine Zeit lang Teilzeit gearbeitet. Ich war Ressortleiterin, stellvertretende Chefredakteurin, und nun bin ich Chefredakteurin. Eine logische Entwicklung. Es ist schon befriedigend, nun Dinge umsetzen zu können, die man sich schon lange überlegt hat. Abgesehen davon ist die neue Position für mich nicht ganz unbekannt. Ich habe Helmut Brandstätter des öfteren vertreten, ich kenne die Stärken des Hauses gut. Ich weiß, wo man beim nötigen Transformationsprozess, in dem sich derzeit alle Medien befinden, aufsetzen muss. Der KURIER ist keine Zeitung mehr allein, wir sind heute ein Medienhaus. Ich werde die digitale Marke stärken und ein paar Leuchttürme setzen, die man digital, im Fernsehen und in der Zeitung sehen wird.

Sie hatten viele Jahre eine Doppelbelastung zu bewältigen. Sie haben zwei Söhne und einen herausfordernden Beruf. Wie haben Sie das bewältigt?

Ich habe zu Beginn einen großen Teil meines Gehaltes in die Kinderbetreuung gesteckt. Als die Kinder vier Monate alt waren, bin ich wieder arbeiten gegangen. Man kann diesen Spagat nur mit einer starken Familie bewältigen. Ich habe einen wirklich tollen Mann, der immer gesagt hat: „Klar kannst Du das, und ich unterstütze Dich dabei.“ Ich bin ihm wirklich dankbar. Auch meinen Söhnen. Als ich Ressortleiterin der Presse geworden bin, waren die Kinder neun und elf Jahre alt. Ich hatte damals die typisch weiblichen Zweifel, ob sich das mit der Familie ausgeht. Aber meine Familie stand meiner Arbeit immer sehr aufgeschlossen gegenüber und hat nicht gejammert, wenn es am Abend einmal kein warmes Essen gab. Wobei ich immer versucht habe, zu Hause zu kochen.

Hat es immer etwas Warmes zu essen gegeben?

Die ersten 15 Jahre schon. Auch wenn es manchmal nur Fischstäbchen mit Kartoffeln waren. Oder Palatschinken. Das war mir schon wichtig. Ich liebe es außerdem, für große Runden zu kochen – das tue ich am Wochenende noch immer, wenn es irgendwie geht. Während der Woche geht jetzt aber gar nix mehr, wir sind ja auch nur mehr zu zweit daheim.

Sind Frauen heute noch immer benachteiligt?

Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt. Nicht in der Medienwelt. In den Medien achtet man sehr auf Diversität. Ich habe beim Standard in Chefredakteur Gerfried Sperl jemanden gehabt, der mich sehr gefördert hat. Ich war – umgekehrt – aber ebenfalls immer sehr leistungsbereit. Auch als ich Teilzeit gearbeitet habe. Wenn etwas ausgebrochen ist, habe ich die Geschichten trotzdem geschrieben.

Bei der Chefredakteursauswahl habe ich nicht gemerkt, dass es ein besonderer Vorteil ist, dass ich eine Frau bin – die erste für die KURIER-Spitze übrigens. Ich hatte etliche männliche und weibliche Mitbewerber. Das war ein ganz normaler Ausleseprozess, bei dem das Geschlecht keine Rolle gespielt hat. Daran sieht man, dass Gott sei Dank Normalität herrscht.

Es läuft derzeit unter anderem das Frauenvolksbegehren. Unterstützen Sie es?

Ich unterstütze es wegen der unrealistischen Forderungen nicht. Die generelle Einführung der 30-Stunden-Woche würde viele Firmen umbringen. Ich bin eine Wirtschaftsliberale. Mein Vater war ein kleiner Gewerbetreibender. Ich weiß, wie hart das ist. Wenn seine Mitarbeiter eine 30-Stunden-Woche gehabt hätten, dann hätte er das nicht geschafft. Deshalb habe ich immer ein Herz für kleine Unternehmer. Das habe ich quasi mit der Muttermilch eingesogen.

Was sind Ihre Stärken? Was zeichnet Sie aus?

Ich kann sehr hart arbeiten. Ich bin sehr fleißig. Das sagen wahrscheinlich viele Frauen von sich. Ich habe mir in meiner langen Karriere eine dicke Haut zugelegt. Das ist ganz wichtig für einen Top-Job. Ich kann trotzdem fröhlich bleiben. Ich bin ziemlich konsequent. Ich kann schreiben, das konnte ich immer. Ich bin eine sehr schnelle Schreiberin, eine schnelle Arbeiterin.

Ich arbeite sehr teamorientiert, das ist mir wichtig. Ich glaube, ich bin jemand, der gut Entscheidungen fällen kann, aber trotzdem darauf achtet, was an kreativem Potenzial bei den Mitarbeitern da ist. Ich gebe auch Tempo vor. Ich gebe zu: Dabei fehlt mir manchmal die Geduld für Leute, die mit hängenden Schultern herumschlurfen und das Tempo nicht mithalten können. Das ist wahrscheinlich eine Schwäche von mir.

Kommentatoren haben Sie bei der Bestellung als Bürgerliche bezeichnet. Stimmt das?

Als ich noch bei der Tiroler Tageszeitung gearbeitet habe, war mein erster Kommentar ein feministischer. Da hat der damalige Herausgeber meinen Kollegen Claus Reitan stirnrunzelnd angerufen und gefragt: „Ist sie nicht eine Emanze?“ Und mein Kollege antwortete trocken: „Ja, aber eine bürgerliche Emanze“. Vielleicht ist diese Formulierung gar nicht so falsch.

Welche Linie werden Sie als Chefredakteurin verfolgen?

Wir sind eine Familien-Qualitätszeitung. Wir sind unterhaltender und nicht ganz so speziell wie Presse und der Standard. Wir sind kein Boulevard und haben eine Position in der Mitte, die ich auch behalten möchte. Wir bieten Orientierung im Informationsdschungel. Es ist mir sehr wichtig, dass wir Bericht und Kommentar trennen, wie bei Qualitätszeitungen üblich.

Ich habe bei meiner Antrittsrede vor der Redaktionsmannschaft gesagt, ich möchte, dass weniger Häme aus der Politik und weniger Blut aus der Chronik  rausrinnt. Wir werden in der Politik weiter scharf kritisieren, was zu kritisieren ist,  aber ich will Berichte, die  ohne Schaum vor dem Mund geschrieben sind. Die Haltung des Redakteurs soll mir nicht aus dem Text entgegenspringen. Das ist vielleicht da und dort eine kleine Kurskorrektur nötig.

Wie soll sich der KURIER weiterentwickeln?

Wir sind als  trimediales Haus stärker aufgestellt als andere Medien. Mit Print, der Onlineausgabe und Fernsehen. Wir haben viele Untermarken wie film.at, event.at. und futurezone.at.  Ich möchte das Kulinarische ausbauen,  ich halte das für etwas ganz Entscheidendes. Ich habe auch selbst ein Kochbuch geschrieben.   Das sind die schönen Seiten des Lebens, die will ich auch haben.  Tafelspitz.at ist unsere kulinarische Plattform. Da möchte ich noch viel mehr machen.

Ich möchte, dass wir auch ein bisschen lustiger werden. Ich habe ein digitales Satireprojekt im Auge. Wir haben mit Dieter Chmelar, Guido Tatarotti und Michael Pammesberger ausgezeichnete Marken. Meine große Herausforderung ist, dass man im Printmarkt die Zahlen höchstens halten kann. Man wird sie nicht ausbauen können, sie haben wahrscheinlich weiterhin einen leichten Sinkflug, weil die Jungen nur mehr digital denken.  Sie müssen wir mehr gewinnen. Und wir müssen versuchen, digital mehr Erlöse zu erzielen.  Es wird künftig mehr Bezahlinhalte geben. Guter Journalismus  kostet Geld.  Es kann nicht sein, dass wir unsere teuer produzierten Inhalte einfach verschenken.

Die Schwerpunkte des KURIER liegen in Ostösterreich. Gleichzeitig ist er eine überregionale Zeitung. Wie kann man den Spagat bewältigen?

Wir werden noch regionaler werden. Es gibt die Regionalbeilagen in Ober- und Niederösterreich und nun auch im Burgenland. Gerade hier ist die Digitalisierung eine große Chance. Ich denke gerade sehr viel nach, wie wir regionale  Inhalte digital an noch mehr Menschen transferieren können. Ich möchte auch Leser einbinden,  die uns berichten, was in ihrem Umfeld los ist.  Journalismus ist Gott sei Dank immer stärker eine Zwei-Weg-Kommunikation. Dieser Kontakt mit Lesern auf Augenhöhe war mir immer wichtig. Daher habe ich auch viele KURIER-Gespräche organisiert und moderiert. Das bleibt Schwerpunkt.

Die Republik ist förderalistisch aufgebaut. Die Länder sind stark. Manche rufen nach einer stärkeren Zentralisierung. Wie beurteilen Sie die Diskussion  Föderalismus kontra  Zentralismus?

Ich bin ein bisschen gespalten. Ich glaube, dass man zum Beispiel das Schulwesen in Vorarlberg anders organisieren muss als in Wien. In Wien-Margareten sprechen nur noch 12 Prozent der Schüler in öffentlichen Volksschulen  zu Hause Deutsch. Solche Fragen kann man durch Schulautonomie besser regional organisieren. Aber es ist schwer verständlich, dass es neun verschiedene Bauordnungen gibt. Manche Dinge könnte man überregional organisieren.  Auch das Spitalswesen.  Dadurch wird schon relativ viel Geld verplempert. Ich bin begeisterte Wienerin geworden, aber mit starken Wurzeln in meinem Heimatland Oberösterreich.