Johann Kalliauer, Präsident der Arbeiterkammer Oberösterreich

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
02/07/2021

„Homeoffice auf Dauer halte ich nicht für gut“

Der Staat soll Investitionen vorantreiben, um die schwächelnde Wirtschaft anzukurbeln, sagt Johann Kalliauer, Präsident der Arbeiterkammer Oberösterreich.

von Josef Ertl

Johann Kalliauer ist seit 2003 Präsident der Arbeiterkammer und des ÖGB Oberösterreich. Der Welser feiert in wenigen Tagen seinen 68. Geburtstag.

KURIER: Wie sehen Sie das Arbeiten im Homeoffice? Die einen sind zufrieden, weil sie sich den Weg zum Arbeitsplatz ersparen, die anderen vermissen die sozialen Kontakte und sehen die Gefahr, dass sie länger als die normale Arbeitszeit arbeiten. Zudem fallen Kosten wie erhöhter Strombedarf etc. an.

Johann Kalliauer: Man muss zwei Dinge auseinanderhalten. Das derzeitige Homeoffice in der Corona-Phase passierte ja fast überfallsartig. Wir haben bei uns im Haus über das Wochenende auf Homeoffice-Betrieb umgestellt. Das andere ist das Homeoffice, wenn wieder Normalbetrieb herrscht. Es ist eine Alternative zur gängigen Beschäftigung, aber nicht entweder oder.

Mittelfristig wird es wohl Mischformen geben, wo man ein bis zwei Tage zu Hause arbeitet. Auf Dauer zu Hause halte ich nicht für gut. Die Beschäftigten klagen über fehlende soziale Kontakte, sie fühlen sich von Informationen abgeschnitten.

Mein Sohn ist mit kurzer Unterbrechung seit März im Homeoffice, es gehen ihm die Arbeitskollegen ab. Private Kontakte sind nicht möglich, sie können sich auch nach der Arbeit nicht treffen.

Das Zweite ist, dass es Rahmenbedingungen braucht. Hier gibt es nun eine Einigung der Sozialpartner. Homeoffice muss auf Freiwilligkeit von beiden Seiten beruhen, den Arbeitnehmern und den Arbeitgebern. Es muss dieselbe Arbeitszeit wie im Normalbetrieb gelten. Dort, wo es Betriebsräte gibt, soll es auch die erzwingbare Möglichkeit der Mitbestimmung des Betriebsrates geben.

Es ist in der Diskussion mit beiden Seiten klar geworden, dass Homeoffice kein Allheilmittel ist. Es ist alles andere als ideal, Homeoffice mit Kinderbetreuung und mit Homeschooling zu mischen. Das ist eine massive Belastung gewesen.

Alle erwarten sehnsüchtig das Ende des Lockdown. Manche hoffen, dass der Konsum nachgeholt wird, wenn der Lockdown vorbei ist. Erwartet uns dann Inflation?

Der Nachholbedarf ist unbestritten. Das betrifft vor allem das Reisen. Es gibt auch sonst Nachholbedarf, es gibt aber eingeschränkte finanzielle Möglichkeiten. Ich habe die Sorge, dass die Kaufkraft fehlen wird. Wir haben alleine in Oberösterreich 60.000 Arbeitslose, davon sind 13.000 Langzeitarbeitslose. 80.000 sind in Kurzarbeit. Es stellt sich weiters die Frage, ob man sich traut, die Investitionen nochmals anzukurbeln.

Von staatlicher Seite.

Oder steigt man verfrüht auf die Bremse?

Wie ich Sie kenne, sind Sie für das Investieren.

Ich bin für das Investieren. Es gibt Pakete, die geschnürt und vom Marketing hinterlegt sind. Das meine ich gar nicht negativ. Das Thema Krisenbewältigung ist auch Psychologie. Wenn man sagt, ich nehme da und dort eine Milliarde in die Hand, signalisiert man, man tut eh alles. Ob das Geld tatsächlich ausgegeben wird, ist eine zweite Sache.

Die Frage wird sein, wie schnell will die Regierung das Geld wieder hereinholen, das sie ausgegeben hat. Da ist unsere Sorge, dass das wieder die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zahlen, direkt oder indirekt. Indem man versucht, mit Einschnitten das Budget rasch zu sanieren. Das kann man machen, indem man auf die Taschen der großen Masse zugreift.

Sprich Steuererhöhungen.

Steuererhöhungen, Selbstbehalte im Gesundheitsbereich, Einsparungen bei den Pensionen. Hier wird es unseren Widerstand geben. Das wäre eine Gelegenheit, verteilungspolitisch einen Schritt nach vorne zu gehen. Ich weiß, dass das Thema Millionärssteuer ideologisch stark besetzt ist, ich glaube aber dennoch, dass die Entlastung des Faktors Arbeit jetzt wichtig wäre. Und dass man nicht wieder in den Fehler verfällt, auf die Taschen der Leute zuzugreifen. Sie tragen jetzt einen nicht zu unterschätzenden Teil zur Bewältigung der Pandemie bei.

Es war es spannend zu erleben, dass bestimmte Berufe plötzlich in den Mittelpunkt des Interesses rücken und man merkt, dass ohne sie gar nichts geht. Das beginnt bei der Reinigung, geht über die Sicherheit bis zur Pflege. Es sind nicht mehr die Bestbezahlten die Systemerhalter, sondern die relativ schlecht Entlohnten.

Mit einer verbesserten Entlohnung würde ihre Arbeit stärker gewürdigt.

Im ersten Lockdown wurde ihnen zwar öffentlich applaudiert, aber sie haben für ihre zusätzlichen Leistungen und Belastungen nichts bekommen. Sie haben gesagt, im Nachhinein fühlen wir uns gefrotzelt. Applaus ja, aber wenn es um eine Corona-Prämie geht, wird Nein gesagt.

Sehen Sie aufgrund von Corona Verschiebungen am Arbeitsmarkt?

Durch Corona nicht direkt. Wir sind aufgrund der Digitalisierung mitten in einem Strukturwandel. Dieser Wandel läuft schon länger, er wird durch Corona beschleunigt. Es wird eine große Herausforderung, diesen Strukturwandel auch am Arbeitsmarkt zu schaffen.

Die Autoindustrie ist ebenfalls einem starken Änderungsprozess unterworfen. Besonders Dieselfahrzeuge sind wegen des - Ausstoßes umstritten, alternative Antriebssysteme wie Elektroautos werden forciert und staatlich gefördert. Viele Pendler sind auf das Auto angewiesen, der Diesel ist immer noch die günstigste Lösung.

Mittelfristig, im Zeitraum von bis zu 15 Jahren, wird es neue Antriebssysteme geben. Ob es die E-Mobilität in der jetzigen Ausprägung ist, kann ich nicht sagen. Die Frage wird sein, wie man den Wandel in der Automobilindustrie schafft. Der öffentliche Verkehr wird zwar in Worten propagiert, aber wirklich Geld in die Hand genommen wird nicht. Ich verstehe auch nicht, warum man es nicht schafft, mehr Lkw-Transporte auf die Schiene zu bringen.

Das MAN-Management argumentiert die Schließung des Werkes Steyr mit der Umstellung auf E- und Wasserstoff-Lkw.

Die Infragestellung des Standortes Steyr hängt mit zwei Facetten zusammen. Einerseits mit dem Missmanagement im MAN-Konzern über Jahre, andererseits mit der Änderung der Struktur der Marktanteile am Lkw-Sektor. Welche neuen Antriebssysteme werden kommen und wo werden sie produziert? Man merkt wieder einmal, dass man sich als Standort, der ein bisschen weiter weg von der Zentrale ist, schwerer tut. Bevor sie einen deutschen Standort schließen, schließen sie lieber einen in Österreich.

Gerade im Bereich Oberösterreich, Niederösterreich und Steiermark haben wir so viel Know-how für Industrie in jeder Facette, auch für jede Antriebsform, sodass man nur den Kopf schütteln kann, wenn sich jemand freiwillig aus diesem Feld zurückzieht.

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