Chronik | Oberösterreich
05.08.2018

„Habe WM-Abschlussgala gemacht“

Der Kulturmanager Hans-Joachim Fre, der nach Linz jetzt in Sotschi arbeitet, hat die Abschlussgala der Fußball-WM im Moskauer Bolschoi-Theater organisiert.

Hans Joachim Frey ist ein deutscher Kulturmanager, der in Österreich, Deutschland und Russland tätig ist. Der 53-Jährige war von 2013 bis 2017 künstlerischer Leiter der Linzer LIVA, seit 2018 ist leitet er das neue Kultur-und Festivalzentrum im südrussischen Sotschi. Das Interview fand in Linz statt.

KURIER: Sind Sie das erste Mal wieder in Linz? Hans-Joachim Frey: Nein,ich habe noch immer meine Wohnung hier und ich bin jedes Monat ein paar Tage da.

Dann sind Sie ja am Laufenden?

Nicht in allen Details. Aber ich bin nach wie vor im Aufsichtsrat der Kulturholding. Die Sitzung ist alle drei Monate. Das verbinde ich natürlich.

Jetzt war ich durch die Fußball-Weltmeisterschaft viel in Russland. Ich habe sie sehr intensiv begleitet. Ich habe im Auftrag der FIFA die große Abschlussgala im Moskauer Bolschoi-Theater gemacht. Ich war mit der FIFA selbst viel unterwegs. Ich haben sieben Spiele gesehen. Das Eröffnungsspiel und das Finale in Moskau, in Sotschi das Spiel Deutschland gegen Schweden mit dem Tor in der letzten Minute. Weiters das Viertelfinalspiel, bei dem Russland gegen Kroatien rausgefallen ist, und dann noch Frankreich gegen Belgien in Petersburg.

Wie haben die Russen die Weltmeisterschaft erlebt?

Sie sind unglaublich stolz. Sie ist gut gelungen. Es sind zwei erstaunliche Sachen passiert. Die Russen waren das erste Mal damit konfrontiert, dass permanent eine Million Gäste im Land waren. Viele Südamerikaner, die gleich vier, fünf Wochen geblieben sind. Die Russen haben sich gefühlt wie wenn sie in London oder Paris wären. Das hat zu tollen Begegnungen geführt.

Umgekehrt haben die Gäste, die gekommen sind, das Land auch unter einer ganz anderen Perspektive kennen gelernt. Sie konnten mit ihrer Fan-ID-Karte alle Züge im Land kostenlos benutzen. Allein die Zugfahrt Moskau-Sotschi dauert 20 Stunden.

Hat die WM zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins der Russen geführt?

Innerhalb des Landes haben sie immer schon ein starkes Eigen- und Selbstbewusstsein gehabt. Aber sie sind natürlich manchmal unsicher, weil sie die westlichen Medien auch lesen. Jetzt war das ein doppelter Stolz, weil sie keine Fußball-, sondern eine Eishockeynation sind. Dass sie ins Viertelfinale gekommen sind, hat zu einer Euphorie geführt. Es gab Public Viewing in Moskau und St. Petersburg, wo 100.000 Menschen waren. Das hat sie zusammengeschweißt.

Welche Auswirkungen hatte die WM für die Regierung?

Sie haben die WM ohne Skandale und Probleme durchgeführt. Nach der Winter-Olympiade in Sotschi gab es die Ukraine-Krise. Es gab eine gründliche Nachanalyse. FIFA-Chef Infantino hat bei der Abschlussgala in Moskau gesagt, das wäre für ihn die bestorganisierte WM gewesen.

Wie ist die Abschlussgala abgelaufen?

Es waren Weltstars wie Anna Netrebko, Placido Domingo oder das Ballet des Bolschoi-Theaters da. Wir haben eine eineinhalbstündige Show gemacht und ein Riesen-Kolosseum auf die Bühne gestellt, das sich drehen und das man mit Projektion und Videomapping verändern konnte. Gleichzeitig waren 350 Fußballfans auf der Bühne. Es war eine Gala zwischen Fußball und Kultur.

Die Gala wird ausverkauft gewesen sein?

Es war eine geschlossene Veranstaltung der FIFA und des russischen Präsidenten, es waren nur Ehrengäste da. Sie wurde live übertragen.

Können derartige Großereignisse politische Auswirkungen haben?

Das glaube ich schon. Man hat gesehen, dass Russland das sehr friedfertig machen kann. Das führt in Zeiten der weltweiten Verunsicherung zu einer Normalisierung. Man ist unter Partnern.

Wie geht es Ihnen mit Ihrer Arbeit in Sotschi?

Es ist ein spannendes Projekt, es ist wie ein Start-up. Es ist eine Education-Stiftung, zu der jedes Monat 1000 Kinder kommen, um in Sport, Wissenschaft, Musik und Kultur ausgebildet zu werden. Sie wechseln alle vier Wochen. Es unterrichten die besten Professoren des Landes. Diese Stiftung hat entschieden ein neues Kulturcenter zu bauen. Eine neue Festival-Halle für Oper, Ballett und Konzert mit 1300 Plätzen. Wir schließen jetzt die Planungen ab, zu Jahresbeginn wird zu bauen begonnen. Das Gebäude muss bis zur Erdbebenstärke acht sicher sein.

Gleichzeitig machen wir schon viele Konzerte im vorhandenen Center, das ähnlich dem Designcenter ist. Wir haben heuer schon 35 Konzert gemacht, um ein Publikum zu bilden. Sotschi hat sich durch die Olympischen Spiele seit 2010 bis heute in der Einwohneranzahl verdoppelt. Es hatte damals 350.000 Einwohner, jetzt sind es 700.000. Durch die Olympische Spiele sind neue Stadtteile entstanden. Sotschi hat sieben Millionen Touristen. Die Stadt hat großes Interesse sich zu öffnen. Wir müssen auf Dauer bei unserem Publikum 60 Prozent Touristen erreichen.

Wir betreiben auch einen intensiven Austausch mit Österreich. Jetzt waren die Wiener Philharmoniker da.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie nach Linz kommen?

Die Zeit läuft schnell. Im Brucknerhaus hat sich personell viel verändert. Den Mitarbeitern, die noch da sind, bin ich sehr verbunden. Ich habe gute Kontakte zu Hermann Schneider vom Landestheater und zu Markus Poschner (Brucknerorchester). Ich hatte hier eine gute Zeit und möchte mit den Menschen in Harmonie sein. Wir wollen die Schiene nach Russland nicht abbrechen lassen.

Die Beziehung Österreich-Russland ist eine spezielle.

Ich durfte beim Staatsbesuch Putins in Wien am 5. Juni dabei sein. Es gibt die Idee eines neuen Dialog-Formats, die in den nächsten Wochen bekannt gegeben werden soll, wo auch Sotschi eine Rolle spielen soll. Österreich ist ein ganz wichtiges Land. Es ist dem Präsidenten eine Herzensangelegenheit, diese Beziehung zu pflegen.

Wie sehen die Russen Österreich?

Erstens: Es ist für sie das schönste Urlaubsland. Zweitens: Sie sehen Wien und Salzburg als die wichtigsten Kulturstätten, vor denen sie enormen Respekt haben. Und sie sehen drittens Österreich als Land im Herzen der EU, das gleichzeitig immer ein wenig die Unabhängigkeit gespielt hat. Österreich wird nicht einseitig von der transatlantischen Beziehung dominiert. Dadurch ist es traditionell ein unkompliziertes Verhältnis.

Beim Ratsbesuch Putins hat man einfach gemerkt, dass es ein sehr herzliches, freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Ländern gibt. Die Russen begreifen, dass Österreich hier eine vermittelnde Rolle hat, die auch akzeptiert wird. Und sogar auf Augenhöhe akzeptiert wird. Das ist natürlich angesichts der Größenordnungen toll.

Wie sehen Sie die Diskussion um das Gasleitungsprojekt Nord Stream 2, an der auch die OMV beteiligt ist? Die Gegner befürchten eine Abhängigkeit der EU.

Es ist gut, dass diese zweite Gasleitung kommt. Der Energiebedarf wird zunehmen. Damit ist die Energiesicherheit für die nächsten 50 Jahre gegeben. Die Amerikaner vertreten mit dem Fracking eigene Interessen. Hamburg soll zum größten Facking-Hafen ausgebaut werden. Es geht ums Geschäft. Die Gasbeziehungen zwischen Russland und der EU haben immer gut funktioniert. Wirtschaftlich haben sich die beiden Seiten gegenseitig gebraucht.