Martin Grubinger bei den Proben

© Kurier/Gerhard Deutsch

Chronik Oberösterreich
06/29/2019

Grubinger: „Das Konzert wird größer, vielfältiger und spektakulärer als je zuvor“

„Heimspiel 4.0“ titelt sich das Konzert des Percussionisten am Linzer Domplatz in der Reihe „Klassik am Dom“ am Donnerstag, 4. Juli. ORF 2 überträgt es live ab 21 Uhr. Ein Interview mit Martin Grubinger.

von Josef Ertl

Martin Grubinger ist einer der weltbesten Multi-Percussionisten und Schlagzeuger. Der 36-Jährige wohnt in Neukirchen an der Vöckla.

KURIER: Was erwartet die Besucher Ihres Konzertes?

Martin Grubinger: Wir wollen heuer einen großen Querschnitt dessen präsentieren, was Musik für uns ausmacht. Größer, vielfältiger, kreativer und spektakulärer als in den Jahren zuvor. Wir haben ein tolles Medley von Filmmusik von John Williams zusammengestellt. Wir bringen mit den Florianer Sängerknaben Johann Sebastian Bach, wir nützen die schöne Akustik des Domes und gehen dann in die Improvisation.

 

Es folgt ein großes Jazz-Medley, wo wir Gospel, Soul, Funk, Ragtime und Dixieband in ein großes Werk einbauen. Der Zuhörer hat das Gefühl, er geht durch die gesamte Jazz-Geschichte. Dann bringen wir Sacre du Printemps von Igor Strawinsky. Wir spielen das Originalwerk kurz an, und bringen dann Gipsy-Musik, arabische und nordafrikanische Musik. Dann kommt Balkan-Musik aus Bulgarien. Wir spielen zwei Queen-Nummern. Zudem gibt es eine Taiko-Session mit Taiko-Drums. Da haben wir ein Computerspiel aus Ninjago eingebaut. Mein Sohn ist ein Fan von Ninjago.

Ode an die Heimat

Als Zugabe folgt die Ode an die Heimat. Hier vermischen wir mit den Florianer Sängerknaben in einem Stück die Landes-, die Bundes- und die Europahymne. Wir wollen damit zeigen, dass uns Regionalität genauso wichtig ist wie der Patriotismus. Aber er reicht nicht aus, wenn man ihn nur national sieht, sondern man sollte ihn international weiter entwickeln, wenn wir uns als Europäer verstehen.

 

Was ist das Leitmotiv des Konzertes?

Die Menschen soll das Gefühl haben, dass Musik die einzig globale Sprache ist. Wir reden immer über Europa. Wir sehen, dass Europa Kraft hätte, sie aber nicht auf die Straße bringt. Es fehlt uns Emotion, zu unserer Hymne, zu unserem Kontinent, zu unseren Dichtern und Denkern, zu unseren Forschern und Komponisten. Erst wenn wir ein europäisches Bewusstsein entwickeln, werden wir unsere Überzeugungen in den verschiedensten politischen Richtungen entwickeln können. Ansonsten werden die Chinesen und Amerikaner ihr Primat durchsetzen.

Wie viele Musiker sind beim Konzert im Einsatz?

25. So mein Vater und viele andere Oberösterreicher, viele Kollegen aus Frankenburg, Pöndorf, Neukirchen, aus dem Innviertel. Aber natürlich auch Percussionisten aus Südamerika, aus Afrika, vom Balkan. Wir haben einen neuen Leadtrompeter aus Mauritus ebenso dabei wie klassische Trompeter aus Deutschland.

Clips mit Stermann und Grissemann

Mit Stermann und Grissemann machen wir Videoclips aus den verschiedensten Orten Oberösterreichs: aus der Kaiservilla Bad Ischl, von der Landesgartenschau in Schlägl, auf der Donaufähre Wilhering-Ottensheim, vom Linzer Hauptplatz, von der Landesmusikschule in St. Martin im Innkreis und von den Bergen der Pyhrn-Priel-Region und von St. Wolfgang.

 

Das Konzert titelt sich Heimspiel 4.0. Was heißt das?

Es ist für uns das wichtigste Konzert im Jahr. Wir spielen wahnsinnig gern in der Carnegie Hall in New York, in der Berliner Philharmonie, im Wiener Musikverein, aber daheim zählt es, wenn die Freunde und die Nachbarn kommen. Das ist wie im Fußball. Wir sind hier sozialisiert. Wir kommen alle aus dem Landesmusikschulwerk. Wir wollen das Beste geben. Natürlich auch wegen der ORF-Liveübertragung, weil wir eine Visitenkarte unserer Heimat abgeben.

Leidenschaftlicher Provinzler

Wir wollen zeigen, was wir können. Wir sind leidenschaftliche Provinzler. Wenn ich von Wien nach Hause nach Neukirchen komme, dann ist das meine Welt.

Wie viele Konzerte spielen Sie im Jahr?

Zwischen 90 und 110. Wir starten demnächst eine Tournee, die in Brisbane in Australien beginnt und uns über Singapur und Tel Aviv nach Starvanger in Norwegen führt.

 

Wie lange proben Sie?

Für Klassik am Dom haben wir im April begonnen. Wenn ich Zeit habe, übe ich selbst zwischen acht und zehn Stunden täglich.

Das ist sehr anstrengend.

Ich bin nun schon 36 und das spüre ich schon ein bisschen. Nach dem Konzert der Wiener Philharmoniker im Schloss Schönbrunn bin ich mit der in den USA lebenden chinesischen Pianistin Yuja Wang (32) zusammen gesessen. Sie hat zu mir gesagt, jetzt bin ich 32, ich habe nicht ganz so die Ausdauer wie vor zehn Jahren. Ich kann nicht mehr ganz so intensiv üben, ich kann nicht ganz so konzentriert arbeiten. Ich merke auch, wenn wir in der heißen Probephase sind, dass ich mir nicht mehr ganz leicht tue.

Aber mit 36 sind Sie doch ein Jungspund.

Ich habe gesagt, in vier Jahren ist Schluss mit dem Schlagzeugspielen.

Das glaube ich Ihnen nicht, Sie können nicht aufhören.

Doch. Ich habe die Professur am Mozarteum. Aber konzertmäßig ist Schluss. Sie werden sehen. Wir treffen uns und Sie zeigen mir Oberösterreich.

Wir werden Ihnen das nicht erlauben.

(Lacht)

 

Österreich wählt am 29. September einen neuen Nationalrat. Wie sehen Sie als politischer Mensch die Lage?

Ich bin sehr froh, dass es die türkis-blaue Koalition nicht mehr gibt. Damit sind Anstand und Gewissen gewährleistet. Es wäre viel gewonnen, wenn alle übrigen Parteien eine Koalition mit der FPÖ ausschließen würden. Die ÖVP sollte hier staatspolitische Verantwortung zeigen und ähnlich wie CDU und CSU in Deutschland eine Koalition mit der AfD ausschließen. Jede andere Koalition hat ein Für und Wider. Die eine ist vielleicht mehr sozialpolitisch, die andere mehr wirtschaftsliberal, die dritte geht stärker in die Umweltgewichtung. Diese Gewichtungen muss eine Demokratie aushalten. Die Freiheitlichen können es nicht, ob das 1986 unter Jörg Haider oder 2000 unter Wolfgang Schüssel oder jetzt Ibiza war. Es war immer zum Schaden der Republik.

Es geben aber 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung der FPÖ die Stimme.

Die FPÖ ist das eine, die Leute, die die FPÖ wählen sind das andere. Sie wollen sagen, wir fühlen uns von den anderen Parteien nicht gehört. Der ländliche Raum wird beispielsweise ausgedünnt. Haben die Gemeinden noch einen Arzt, einen Pfarrer, wo ist nächste Polizei, die nächste Rettung? Es gibt kein schnelles Internet, sperrt die Post zu?

Die Busverbindungen werden weniger. Der Zug in Neukirchen an der Vöckla bleibt nur mehr zwei Mal statt früher sechs Mal stehen. Es gibt keine Kinderbetreuung mehr am Nachmittag. Wir brauchen eine massive Offensive für den ländlichen Raum. Wir müssen viel besser zuhören, wir müssen uns wieder mehr um die Menschen kümmern.