Sozial isoliert: Ältere Menschen häufig Opfer von Gewalt
Pflegende Angehörige sind oft überfordert.
Ältere Personen haben ein besonders hohes Risiko, Opfer von Gewalt zu werden. Zudem kann eine Pflegebedürftigkeit die Beziehungsdynamik gravierend ändern. Gewalt an älteren Personen tritt entweder durch den Partnerin, die Partnerin oder durch Pflegekräfte bzw. pflegende Angehörige auf.
Die Projektgruppe zum Thema „Gewalt an älteren Menschen“ im Gewaltschutzzentrum OÖ beschäftigt sich laufend mit der Thematik und vernetzt sich mit anderen Einrichtungen.
Die Opfer sind häufig sozial isoliert, sodass Gewalt im Umfeld weniger auffällt. Zudem sind ältere Menschen oft in ihrer Mobilität und Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt, was es besonders schwierig macht, sich Unterstützung zu holen. „Frauen, die seit Jahrzehnten Opfer von partnerschaftlicher Gewalt sind, fällt es besonders schwer, sich aus einer solchen Beziehung zu lösen“, erklärt Eva Schuh, Geschäftsführerin Gewaltschutzzentrum OÖ.
Abhängig & ohne finanzielle Mittel
„Ältere Frauen sind oft materiell vom Partner abhängig und verfügen über nur unzureichende eigene finanzielle Mittel. In dieser Generation ist auch das Thema Scheidung viel schambehafteter. Die Hürde, die Polizei zu rufen, scheint für sie noch größer zu sein.“
Ein weiterer Risikofaktor ist die Überforderung durch die Pflege des eigenen Partners/der eigenen Partnerin. Außerdem können gewisse altersbedingte Erkrankungen die Persönlichkeit verändern, was zu Aggression führt. Auch Pflegekräfte und Angehörige können mit der Versorgung von älteren Menschen überfordert sein. Es kommt zu Pflegefehlern oder auch zu Vernachlässigung. Die Gewaltformen umfassen physische, psychische sowie sexualisierte Gewalt. Durch das Installieren von professionellen Pflegedienstleistungen ist es möglich, die Situation deutlich zu verbessern.
Aktuelle Zahlen
Im Jahr 2025 betreute das Gewaltschutzzentrum OÖ 3.899 von Gewalt betroffene Personen. In 2423 Fällen erfolgte eine nachgehende Kontaktaufnahme mit der gefährdeten Person nach Übermittlung eines Betretungs- und Annäherungsverbotes seitens der Exekutive. 79 Prozent der 2025 beratenen Personen waren weiblich, 21% männlich.
Kaum ältere Menschen
Ältere Menschen wenden sich kaum an das Gewaltschutzzentrum OÖ. Lediglich 6,75 Prozent der beratenen Personen waren 2024 über 60 Jahre alt, davon waren mehr als 70 Prozent weiblich. Frauen über 65 Jahren sind jedoch überdurchschnittlich häufig Opfer von Tötungsdelikten.
Versorgung muss immer gewährleistet sein
Bei Pflegebedürftigkeit steht auch die Polizei immer wieder vor der Herausforderung, dass trotz Ausspruch eines Betretungs- und Annäherungsverbotes die Versorgung gewährleistet werden muss – egal ob es sich um den Täter oder das Opfer handelt. Wenn die Wegweisung ausgesprochen wird, kommt die pflegebedürftige Person meist vorübergehend ins Krankenhaus.
„Es bräuchte daher aus unserer Sicht schnell verfügbare Pflegeplätze, beispielsweise für die Dauer einer Einstweiligen Verfügung“, sagt Schuh. „Frauen mit Pflegebedarf können in den Frauenhäusern in der Regel nicht betreut werden.“
Die Projektgruppe „Gewalt an älteren Menschen“ besteht im Gewaltschutzzentrum OÖ aus zwei Beraterinnen und einem Berater, welche sich laufend mit der Thematik beschäftigen, fortbilden sowie mit anderen Einrichtungen vernetzen. Dies soll gewährleisten, dass bei Problemstellungen in der täglichen Beratung auf die Expertise der Projektgruppe zurückgegriffen werden kann.
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