Chronik | Oberösterreich
06.05.2018

„Früher fortschrittlich, heute sind wir die Bremser“

Erich Haider. Der Generaldirektor der LINZ AG weiß, woran es der Sozialdemokratie mangelt: An Zukunftskonzepten und an der Attraktivität für die Jungen.

Erich Haider ist seit 2014 Generaldirektor der LINZ AG. Der 62-Jährige stammt aus Ried in der Riedmark. Er begann seine Karriere als Stadtparteisekretär und Gemeinderat der SPÖ Linz, später wurde er Stadtrat. 1997 wechselte er als Landesrat in die Landesregierung, 1998 wurde er Landesparteivorsitzender und in der Folge Landeshauptmannstellvertreter.

2010 trat er zurück und kehrte zu seinem ursprünglichen Arbeitgeber, der LINZ AG, zurück. Der städtische Versorger macht mit seinen 3000 Mitarbeiter rund 800 Millionen Euro Umsatz.

KURIER: Karl Marx hätte gestern, Samstag, seinen 200. Geburtstag gefeiert. Sind Sie ein Marxist?

Erich Haider: Marx und Friedrich Wilhelm Raiffeisen sind im selben Jahr geboren. Man könnte heute sagen, die Urenkel haben sich von ihren Gründern gleich weit entfernt. Nein, ich war nie Marxist, sondern ein Gerechtigkeitsfanatiker. Ich wollte Chancengleichheit. Wir haben in Ried in der Riedmark keine Hauptschule gehabt, der Bezirk Perg hatte kein Gymnasium. Deshalb habe ich mich für die Sozialdemokratie engagiert. Ich bin ein Leistungsanhänger, aber jeder soll eine faire Chance erhalten. Ohne Schulen und ohne Bildung hat man fast keine Chance.

Die Sozialdemokratie ist europaweit in der Krise. Was sind die Gründe?

Es fehlt das Vertrauen der Menschen, dass die Sozialdemokratie zukunftsfähige Konzepte hat. Die Sozialdemokraten waren die Veränderer und Modernisierer in der Gesellschaft. Sie haben ganz stark von der Jugend und den Frauen gelebt. Früher waren wir für den technischen und sozialen Fortschritt. Heute sind wir eher die Bremser. Es soll alles so bleiben wie es ist. Die neuen Technologien sind gefährlich, und und und. Es fehlt das Vertrauen in unsere Zukunftsfähigkeit. Und es fehlen die Herausforderungen und Visionen.

Warum gibt es diese Zukunftsfähigkeit nicht?

Ich glaube, dass wir die Menschen begeistern könnten. Das Problem ist, dass man in der Regierung sehr rasch dazu neigt, das System zu stabilisieren. Dass man zu den Menschen sagt, seid froh, dass es so ist und dass man nichts ändern soll. Aber wenn man heute einem jungen Menschen erklärt, sei froh, dass es so ist und es sich nichts ändern soll, welche Zukunftsperspektive hat er dann? Soll er 30, 40 Jahre arbeiten, damit sich nichts ändert?

Warum hat die SPÖ die Jugend verloren?

Weil sie sich den Herausforderungen der Gegenwart nicht stellt. Wenn man eher technikfeindlich und -kritisch ist, wenn man Individualisierung nicht akzeptieren kann, dann bekommt man Probleme. Die Jungen wollen die Normierung nicht mehr. Zu sagen, dass jeder gleich viel verdienen muss, ist Unfug.

Wenn man einen Jungen fragt, wofür die Sozialdemokratie steht, dann weiß er es nicht mehr. Wenn man einen Älteren fragt, kann er es beantworten. Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, eine einigermaßen erträgliche Pension, wir haben das Ziel der Vollbeschäftigung gehabt, die Kinder haben eine bessere Bildung erfahren. Wir brauchen neue Ideen und neue Konzepte. Bildung ist nach wie vor ungerecht verteilt. Arbeiterkinder werden zu 80 Prozent wieder Arbeiterkinder.

Die Abgängerquoten an den Universitäten sind ganz schlecht. Das liegt nicht nur an den Studenten. Von 5700 Medizininteressierten werden nur 650 Studenten genommen. 90 Prozent fallen aus. Gleichzeitig gehen jedes Jahr 1000 Ärzte in Pension. Wir produzieren hier einen riesigen Ärztemangel.

An den Universitäten herrschen Bedingungen, wo der Jugend und der Gesellschaft Chancen genommen werden. Bei manchen Fächern muss man sich um null Uhr anmelden, um eine Minute nach null Uhr hat man schon keine Chance mehr aus einen Seminarplatz.

Ihre ehemaligen Kontrahenten wie Josef Pühringer oder Franz Hiesl sind in Pension. Sie sind noch aktiv. Wie sehen Sie das?

Ich bin sehr jung in wichtige Funktionen gekommen. Ich bin 1985 mit 27 Jahren Gemeinderat in Linz geworden, mit 36 Stadtrat und mit 40 Jahren Landesrat. Dadurch waren viele um zehn Jahre älter und sie haben das aktive Berufsleben verlassen. Ich habe wirklich sehr viel gestalten können. Ich habe elf Wahlen gewonnen und eine verloren.

Es war für mich eine Riesenchance, dass ich noch einmal in die LINZ AG zurückkehren konnte, von wo ich gekommen bin. Das, was wir hier machen, ist für die Menschen wichtig. Sauberes Wasser, ein gutes Kanalsystem, eine ordentliche Abfallwirtschaft, eine saubere Energieerzeugung, eigene Kraftwerke. Wir haben keinen fremden Strom und keinen Atomstrom.

Der Preisdruck im Strombereich ist hoch, es gibt in Oberösterreich mit der Energie AG und der LINZ AG zwei Anbieter. Eine Fusion wäre naheliegend.Stattdessen wurde die gemeinsame Vertriebstochter Enamo aufgelöst.

Die Wettbewerbsregeln haben das nicht zugelassen. Es dürfen entweder nur die Mutterhäuser oder die Enamo Stromdienstleistungen anbieten. Wir waren hier anderer Meinung. Wir haben den gemeinsamen Weg verlassen müssen, was nicht heißt, dass die LINZ AG und die Energie AG jetzt gegeneinander arbeiten. Wir sind beide Qualitätsanbieter, die Wettbewerber sind die Billiganbieter mit den weniger seriösen Angeboten.

Wir als LINZ AG haben das günstigste und sicherste Stromnetz Österreichs,. Mit elf Minuten haben wir die geringsten ungeplanten Ausfallzeiten. In Österreich sind es 34 Minuten.

Es ist kein Unglück, wenn es zwei Energieversorger gibt. Es gibt auch noch das E-Werk Wels. Je mehr Anbieter es gibt, umso höher ist die Versorgungsicherheit und umso intensiver ist der Wettbewerb. Es kommt auch keiner auf die Idee zu sagen, in Oberösterreich reicht eine Bank, eine Zeitung oder eine Partei.

Sind beide Unternehmen langfristig überlebensfähig?

Ganz sicher. Die Energie AG ist ein gutes Unternehmen und mit den Wasserkraftwerken gut aufgestellt. Die LINZ AG hat eine wesentlich breitere Basis. Wir haben 36 Geschäftsfelder wie den Hafen, den öffentlichen Verkehr oder den Kanal. Wir sind das größte Bestattungsunternehmen.

Die Behauptung, dass nur die Großen überleben werden, stimmt einfach nicht. Selbst wenn man die LINZ AG in die Energie AG hinein fusionieren würde, dann sind wir noch immer nicht so groß wie die EVN in Niederösterreich. Aus zwei mittleren Unternehmen wird kein Riese. Diese Logik stimmt nicht, denn die voestalpine ist zum Beispiel auch nicht der größte Stahlkonzern, sondern sie hat die besten Technologien und sie sind der bestverdienender Stahlkonzern. Der Weg der voestalpine ist auch ein bisschen unser Weg. Wir sind zwar ein großes Stadtwerk, aber sehr produktiv, ertragreich und innovativ.