Feministische Reise zu sich selbst

Im Theater Tribüne wird das Antelmann-Stücks „Alle Zeit, gestundet“ uraufgeführt. Es geht um Liebe, Schmerz und das Zerbrechen von Beziehungen. Von Werner Rohrhofer.
Tribüne Linz

Die großen Themen der menschlichen Existenz, vor allem aus weiblicher Sicht, komprimiert in einem „letzten Brief“, verfasst von der 90-jährigen Literaturprofessorin Anette an die große Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Das ist das Grundgerüst des Theaterstücks „Alle Zeit, gestundet“ von Corinna Antelmann. Die Uraufführung findet am Dienstag im Theater Tribüne in Linz statt.

Die fiktive Professorin schreibt den Brief im Zug nach Klagenfurt, kein Zufall, ist dort doch das Grab von Ingeborg Bachmann (1926–1973) ihr Ziel. Zugleich ist der Professorin bewusst, dass sie auf ihrer letzten Reise ist, die zur Reflexion über das Leben, über das Frausein und die Selbstverwirklichung wird. Zur Reflexion auch über Beziehungen, Liebe, Schmerz und das Zerbrechen von Beziehungen.

Es geht um das Loslassen

Nicht zuletzt geht es um das Altwerden, das Loslassen im Leben und die ewige Frage: Was kommt danach? All das sieht die Professorin auch als Auseinandersetzung mit Ingeborg Bachmanns Texten, kulminierend um deren berühmtes Gedicht „Die gestundete Zeit“. Es spielen Lisa Kröll und Jakob Griesser.

Corinna Antelmann wurde 1969 in Bremen geboren. Sie studierte Literatur, Musik und Psychologie in Hildesheim. Nach dem Studium arbeitete sie an Theatern in Hannover und Hamburg. Seit 2001 ist sie freie Autorin, Dramaturgin und Lehrbeauftragte. Seit 2006 lebt sie in Ottensheim. Sie veröffentlichte Romane und Essays sowie Theatermonologe. Zu ihrem Stück sagt sie: „In der direkten Ansprache an Ingeborg Bachmann reflektiert Anette dabei das Leben und Altern als Frau in einer von Männern bestimmten Welt, das Schreiben des fiktiven Briefes erweitert ihr Verständnis für das, was sie umtreibt und mit dem sie sich allein wähnte, ohne es zu sein.“ Das Stück sei aber auch eine „Liebeserklärung an die Kraft der Literatur“, so Antelmann.

Außergewöhnliches Stück

Tribüne-Chefin und Regisseurin Cornelia Metschitzer hat ein außergewöhnliches Stück konzipiert, angesiedelt zwischen Theater, Film, Hörspiel und Musik, das sich aus dem Brief heraus entfaltet. Wobei der Text von Antelmann mit einer Rahmenhandlung versehen wurde, in der die Kinder der Professorin nach deren Tod den Brief im Nachlass auffinden und erfahren, was ihre Mutter dazu bewogen hat, heimlich (!) die letzte Reise von Norddeutschland nach Klagenfurt zu unternehmen. In Rückblenden werden diverse Lebensstationen Anettes visualisiert und szenisch umgesetzt. Sohn und Tochter können auf diese Weise die Familiengeschichte besser nachvollziehen. Dazu Metschitzer: „Das Abschiednehmen der 60-jährigen Kinder und das Abschiednehmen der Mutter verschwimmen zu poetischen Bildern, in denen sich die drei noch einmal sehr nahekommen und sich die Literatur in ihrer ganzen, auch tröstenden Kraft zeigen kann.“

Würdigung Bachmanns

Die Würdigung Bachmanns zu ihrem heurigen 100. Geburtstag sei ein weiteres Motiv für dieses Projekt gewesen, so die Tribüne. Und eine spezielle Story gab es im Vorfeld der Produktion: Das Team unternahm eine Reise nach Kärnten, um Bildmaterial aufzunehmen, das dann in die Inszenierung eingearbeitet wurde. Man besuchte natürlich auch das Grab von Ingeborg Bachmann und verkühlte sich dermaßen, dass man die Proben unterbrechen und schließlich die Premiere verschieben musste.

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