Der Schlägler Abt emeritus Felhofer, Bischof Scheuer und Bischofsvikar Adolf Tröger (v.l.) bei der Meßfeier im Prager Veitsdom

© Josef Ertl

Chronik Oberösterreich
11/01/2019

Der Engel der Geschichte

Europa sollte offen sein für die Transzendenz, meinte Bischof Maximilian Scheuer in seiner Predigt im Prager Veitsdom.

von Josef Ertl

„Wir haben hier die Wunden der Vergangenheit gespürt, die Wunden des Nationalsozialismus, des Kommunismus, die Wunden der Benesch-Dekrete. Sie sind nicht schon einfach geheilt oder vergessen, “, sagte der Linzer Bischof Manfred Scheuer bei seiner Predigt im Prager Veitsdom. Gemeinsam mit einer Delegation der Stiftung Pro Oriente hat er aus Anlass der 30. Wiederkehr des Zusammenbruchs des Eisernen Vorhangs kürzlich die katholische Kirche Tschechiens besucht.

Walter Benjamin

Scheuer berief sich in seiner bemerkenswerten Predigt auf den deutschen Philosophen Walter Benjamin (1892-1940), der in einer Betrachtung über ein Bild von Paul Klee vom Engel der Geschichte gesprochen hatte, der auf einen Berg von Toten schaut. „Der Engel der Geschichte erweckt das Vergangene, das tot erscheint, zum Leben und führt es in eine neue Zukunft.“ Scheuer zitiert weiters den Schriftsteller, Bürgerrechtler und Staatspräsidenten Vaclav Havel (1936-2011).

Vaclav Havel

In dessen Buch Versuch in der Wahrheit zu leben gebe es den Hinweis, die Architektur Europas müsse für die Transzendenz offen sein. Havel habe sich selbst als Suchenden, als Agnostiker verstanden. Er habe auch nach seiner Amtsführung ein Hochamt im Veitsdom mitgefeiert. „Havel hat gemeint, die Architektur des Hauses Europa hat nur dann eine Zukunft, wenn wir offen sind für Transzendenz. Das heißt, Gott ist der, der festgefahrene Systeme aufbricht, Gott ist der, der die Ankettungen und Versklavungen löst. Er ist der, der die Zusage gibt, wenn es heißt, no future. Offen für Transzendenz heißt, die Engel schauen das Angesicht Gottes. Die Engel eröffnen uns eine Dimension, die wir aus eigener Kraft nicht erreichen können, weil wir im eigenen Saft stecken, weil wir in unseren eigenen Sorgen narzisstisch stecken bleiben. Die Engel brechen das auf und führen uns vor das Angesicht Gottes. Gott befreit, nährt, heilt. Die Engel öffnen uns für die Transzendenz, für das Angesicht Gottes.“

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