Maria Hasibeder: „Die Frauen haben in der Kirche im Endeffekt wenig zu melden.“

© Harald Dostal

Chronik Oberösterreich
12/16/2018

„Der Deckel für die Frauen tut nach wie vor weh“

Die neue Chefin der Katholischen Aktion, Maria Hasibeder, kämpft gegen die „beinharten Männerzirkel“ und will die Priesterweihe für Frauen. Sie ist für ein Kopftuchverbot und für offene Gespräche mit den Migranten über die Grundwerte unserer Gesellschaft.

von Josef Ertl

Maria Hasibeder ist die neue Vorsitzende der Katholischen Aktion der Diözese Linz. Die 63-Jährige war bis 2018 Direktorin der  Stelzhamerschule in Linz. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

KURIER: Was hat Sie motiviert, diese  Funktion zu übernehmen?

Maria Hasibeder: Das ist eine gute Frage, warum man sich in dieser Kirche engagiert, in der es auch viele Skandale gibt. Ich hatte darüber heftige Diskussionen mit Bekannten und Freunden. Ich kenne die Katholische Aktion und andere   kirchliche Einrichtungen, die sehr emanzipiert, eigenverantwortlich  und  demokratisch engagiert sind.

Warum engagieren Sie sich?

Ich habe die Kirche anders kennengelernt. Als Gemeinschaft mit engagierten, begeisterten und tollen Menschen. Diese Kirche hat mich fasziniert. Diese Erfahrung  trägt mich nach wie vor und hat mich durchhalten lassen. Ichwar auch bei den feministischen Theologinnen mit dabei. Da war es oft mühsam, weil wir mitbekommen haben, wie männerdominiert die Kirche ist. Die Frauen haben im Endeffekt wenig zu melden. Dieser Deckel für die Frauen tut nach wie vor weh.

Papst Franziskus hat eine Kommission zum  Frauendiakonat einberufen. Es gibt aber nach wie vor keine Ergebnisse.

Das stimmt. Man braucht den langen Atem. Das Bitterste sind Denkverbote, dass Frauen gleichberechtigt sind, dass es Frauen als Priesterinnen gibt. Das wird dauern.

Meinen Sie, dass  Priesterinnen in der römisch-katholischen Kirche kommen werden?

Ich wünsche es. Es wird sicher noch länger dauern, dass sie kommen werden.

Wann?

Die Kirche denkt in Jahrhunderten (lacht).

Ist es nicht erschütternd, dass die römisch-katholische Kirche immer zu spät kommt? Sie kamen bei den Arbeitern zu spät, nun wieder bei den Frauen.

Das ist wirklich bitter. Viele Frauen hauen den Hut drauf. Sie sagen, das interessiert mich nicht mehr. Es wird aber auch das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Es ist momentan nicht modern, christliche Werte zu leben, zu teilen, solidarisch zu leben, Konsumaskese aus Rücksicht auf die Natur zu betreiben, ein gutes Leben für alle Menschen zu gestalten.     Wenn man aber hier keine Gemeinschaft mit Menschen erlebt, die diese Werte mitleben und mittragen, ist man sehr schnell weg.

Der Münchner Kardinal Marx und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken haben sich als Konsequenz  aus dem Missbrauchsskandal für die Frauenpriesterweihe ausgesprochen. Der Missbrauchsskandal ist in seiner weltweiten Dimension schier unglaublich.

Ja, das ist ein unglaublicher Skandal. Es ist beschämend und tut wirklich weh angesichts der hohen moralischen Latte, die die Kirche setzt.

Welche Maßnahmen müsste die Kirche setzen?

Es geht  nicht um einzelne  Maßnahmen. Die patriarchale Struktur fördert das Ganze. Man sollte sie in eine ebenbürtige, partnerschaftliche Struktur verwandeln. Das ist ein Langzeitprojekt, das geht nicht so einfach.

Mathilde Schwabeneder, die ORF-Korrespondentin in Rom, meinte im KURIER-Interview,  sie habe den Eindruck, dass die innerkirchliche  Erneuerung  zu Beginn des Pontifikats von Franziskus nun ins  Stottern gekommen ist. Teilen Sie diesen Eindruck?

Die Euphorie zu Beginn war vielversprechend. Aber diese Strukturen, diese Männerzirkel sind schon beinhart. Ich glaube auch, dass ein gewichtiger  Teil der Kirche  bremst. Da ist  große Angst vor dem Machtverlust. Damit muss die Kirche ringen. Dazu braucht es spirituelle Menschen. Die gibt es im Klerus und bei den Laien.

Die evangelische Kirche will die Trauung für alle einführen, also auch für homosexuelle Paare. Halten Sie diesen Schritt für richtig?

Ich kann das jetzt nur für mich beantworten, weil ich das mit meiner Organisation noch nicht abgesprochen habe. Auf staatlicher Ebene  ist die Ehe für Homosexuelle bereits Realität.  Im kirchenlichen Bereich hat die Ehe als Sakrament für Mann und Frau eine eigene Stellung.  Für Katholiken gibt es ja auch die Möglichkeit von Segnungsfeiern.  Ganz wichitg scheint mir, mit den Menschen, di e das wollen, ins Gespräch zu kommen. Hier sind sicher auch noch viele Ängste im Spiel.  Offenheit, auch in dieser Frage, ist heute in der Kirche wichtig.

Es hat kürzlich das Diözesanforum in Puchberg getagt. Bischof Manfred Scheuer sprach von einem Rumoren in der Diözese.  Fällt Ihnen dieses  Rumoren auch auf und wo machen Sie es fest?

Es muss einem schon klar sein, dass in der Diözese von einem Reformweg nicht alle begeistert sind. Es gibt Kräfte, die zurück halten. Es ist wichtig, mit ihnen  im Gespräch zu sein, sie  mitzunehmen und sie nicht  als Verlierer hinzustellen. Sie haben  halt eine  andere Geschichte.  Es ist Reform notwendig, wir haben keine Alternative. Es gibt verschiedene Wege, aber ohne mutige Schritte geht es nicht mehr. Andernfalls wird die Kirche bis auf kleine Kreise verschwinden.

Was heisst mutige Schritte?

So wie Bischof Scheuer sagt, dass es wichtig ist, dass die Pastoral nicht aushungert. Dass Menschen für die Kontakte zu den Menschen zur Verfügung stehen.

Der Priestermangel verschärft sich, aber es soll weiter kirchliches Leben geben.

Genau. Es geh tumpersönliche Kontakte und um das Vollziehen von Sakramenten.Es kann nicht sein, dass wir Priester  zum Beispiel importieren.  Sie haben oft eine andere Kultur und können unsere Lebenswelten nur schwer einfangen. Ich glaube nicht an eine Eucharistie ohne gelebte Gemeinschaft.    Die Sakramente müssen in ein gemeinschaftliches Leben eingebettet sein.

Um die Weihnachtsfest ist das Hochfest des Konsum. Sie sprechen hingegen von Konsumaskese. Was heisst das für Sie?

Ich überlege mir zweimal, ob ich etwas brauche. Ob eine Investition nachhaltig  und langanhaltend ist oder ob es nur ein kurzfristiges Glück ist. Es ist es  wert, darüber nach zu denken. Das muss jeder für sich selbst machen. Hier kann man kein Verbot verordnen.

Es gab in der Geschichte der Kirche immer wieder asketische Bewegungen. Zum Beispiel Franz von Assisi.

Es geht um ein menschenfreundliches Leben ohne grundsätzlich Nein zu den Freuden des Lebens zu sagen. Es ist uns ja ein Leben in Fülle versprochen. Es ist zu wenig, nur kurz zu konsumieren, um die Waren  dann wieder wegzuwerfen und zum Nächsten zu greifen. Es sollte gelingen, sich aus der Geschäftigkeit zurückzunehmen.

Leben wir gesamtgesellschaftlich  über unseren Verhältnissen?

Ja, das glaube ich schon.

Man kann es an den Schulden ablesen.

Wir fordern auch von der Politik dieses Leben über unseren Verhältnissen. Eine Partei, die hier nichts verspricht, ist kaum mehrheitsfähig.Wir steigern uns da immer weiter hinein.

Aber es stößt jetzt langsam an die Grenzen.

Das tut weh. Jemanden etwas wegzunehmen, das er schon bekommen hat, tut jedem weh. Ob es nun um Sozialleistungen geht oder um Privilegien, Rechte und Gewohnheiten.

Was unterscheidet Sie von Ihrem Vorgänger  Bert Brandstetter?

Bert Brandstetter war und ist ein Medienmann. Ich bin keine Medienfrau. Meine Stärke ist die Kommunikationsfähigkeit, die Konsensfindung, das Finden von Lösungen, das Ansprechen von Schmerzpunkten.

Gesellschaftspolitisches Engagement ist sehr wichtig, aber ich will nicht parteipolitisch benützt werden.

Ihr Vorgänger hat sich mehrfach sehr pointiert in der Flüchtlingsfrage geäußert. Auf der Webseite Ihrer Organisation ist eine Stellungnahme zu lesen mit dem Titel „Wir haben keine Flüchtlings- sondern eine Gastfreundschaftskrise“. 2015 haben die Caritas und Brandstetter Landeshauptmann Josef Pühringer kritisiert, weil er Grenzkontrollen verlangt hat. Werden Sie diesen Kurs in der Flüchtlingsfrage so fortführen?

Die Flüchtlingsfrage ist ein Prozess. Die Lage hat sich geändert. Es war wichtig, dass man sich um die Menschen gekümmert hat, als sie so massenhaft gekommen sind. Jetzt geht es darum, dass man Menschen, die sich integrieren wollen, integrieren kann. Andere haben entdeckt, dass ihnen dieses Leben hier fremd ist.Man muss sie unterstützen, dass sie wieder zurückgehen können.

Wenn wir aber nicht profiliert sind und sagen, unser Leben schaut eben so und so aus,  bei uns sind bestimmte Werte wichtig wie die Gleichberechtigung von Frauen, der Schutz der Kinder und die Demokratie,   dann können sie nicht feststellen, ob sie hier gut leben können. Dann fordern sie nur. Das habe ich an meiner Schule erlebt. Das Gespräch mit den Eltern  muss ehrlich sein, man muss sich mit ihnen auf Augenhöhe auseinander setzen. Die Institutionen sind hier zu wenig an der Basis. Die Schule ist ganz nah dran. Aber hier ist zu wenig Ressource da.

Ich habe mich stark dafür gemacht, dass das Kopftuch in der Schule bis zur Religionsmündigkeit keinen Platz hat. Das ist wichtig, aber zu wenig. Es muss mit den Kindern gearbeitet werden, es braucht Hilfen für den Einstieg in die Gesellschaft. Die Burschen können sich nicht vorstellen, wie sie mit den Mädchen umgehen sollen ohne die Macht über sie zu haben. Sie haben eine andere Biografie,  Machtverlust bedeutet  oft auch Selbstwertverlust. Auch Mädchen brauchen Unterstützung. In dieser wichtigen Frage des Vertrautmachens jugendlicher Migranten mit unserer Kultur und unseren Grundwerten sind Einzelmaßnahmen wie das Kopftuchverbot zu wenig.

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