Chronik | Oberösterreich
08.07.2018

„Dauerhaft zwölf Stunden zu arbeiten, macht krank“

Für Stiglbauer macht ein Achtstundentag Sinn. Mehrarbeit sollte kein Dauerzustand sein © Bild: Harald Dostal

Birgit Stiglbauer. Dauerhaft zwölf Stunden zu arbeiten, macht krank, sagt die Psychologin Barbara Stiglbauer. Schülern und Eltern empfiehlt sie, die langen Ferien zu nutzen.

Barbara Stiglbauer ist Assistenzprofessorin am Institut für Arbeits-, Organisations- und Medienpsychologie der Linzer Johannes Kepler Universität. Die 32-jährige Wissenschafterin stammt aus Andorf (Bez. Schärding).

KURIER: Die Bundesregierung hat die Arbeitszeit flexibilisiert und ermöglicht Arbeitszeiten bis zu 12 Stunden täglich. Ist es gesund, länger als acht Stunden zu arbeiten?

Barbara Stiglbauer: Es gibt dazu einige Studien, die zeigen, wie sich Leistung, Stress und physiologische Symptome verändern. Abhängig davon, wie lange man am Stück arbeitet. Nach acht bzw. zehn Stunden ist man weniger leistungsfähig, das Unfallrisiko steigt, die Regenerationsfähigkeit sinkt. Wenn man zwölf Stunden arbeitet, braucht man wesentlich mehr Zeit zum Regenerieren. Längeres Arbeiten wirkt sich auch auf den Schlaf aus. Einige Studien besagen, dass man weniger schläft.

Aus wissenschaftlicher Sicht sollte man lediglich acht Stunden arbeiten?

So ganz eindeutig kann man es nicht sagen. Es hängt stark davon ab, wie die Arbeit gestaltet ist. Wenn man eine angenehme Arbeit mit ausreichenden Zwischenpausen und Erholungsphasen hat, hat man die Regenerationsphase schon ein Stück weit in der Arbeit integriert.

Es gibt aber sicherlich Berufe, wo acht Stunden zu viel sind. Wenn man durchgehend acht Stunden körperlich belastet ist, ist das nicht gut. Wenn man acht Stunden kognitiv belastet ist, ist es ebenfalls nicht gut. Es wäre wichtig, dass man eine Anforderungsvielfalt hat. Die Anforderungen sollen sich abwechseln. Denn es ist jeder Bereich irgendwann einmal erschöpft.

Ein Acht-Stunden-Tag macht Sinn. Gelegentlich länger zu arbeiten kann man ausgleichen. Das sollte aber nicht zum Dauerzustand werden. Wenn man per Gesetz zwölf Stunden Arbeit erlaubt, besteht die Gefahr, dass es zwölf Stunden auf Dauer werden. Ein Mensch kann das eine Zeit lang ganz gut verkraften. Aber sicher nicht langfristig.

Denn er kann dann die Leistung nicht mehr erbringen, er wird krank. Das ist für den Betrieb und die Gesellschaft ungünstig. Man muss die längerfristige Perspektive im Blick behalten.

In der Tagesarbeitszeit ist es sinnvoll, kurze Pausen zu machen?

Ja, absolut. Es wurden dazu einige Feldexperimente durchgeführt, bei denen die Menschen 55 Minuten gearbeitet haben. Da wurde die Arbeitsstunde um fünf Minuten für eine Pause gekürzt. Man würde vermuten, dass die Leistung dadurch zurückgehen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Es wurde hochwertiger gearbeitet, weil sich die Menschen regeneriert haben.

Wie sieht es mit den Mittagspausen aus?

Sie sind ganz wesentlich für die Regeneration.

Wie lange sollten sie sein?

Die Studien ergeben, dass es sinnvoll ist, mit den Arbeitskollegen gemeinsam etwas zu machen. Die soziale Kontaktpflege ist wichtig.

Weiters ist wichtig, dass jede Person das autonom machen kann. Denn jeder ist anders. Manche brauchen vielleicht ein Powernapping.

Die Wochenarbeitszeit sollte bis zu 60 Stunden ausgedehnt werden können.

Wenn man die Arbeitszeit ausweitet, werden die freien Zeiten kürzer. Es geht auf Kosten anderer Bereiche wie Privatleben, Familie und Erholung. Diese Bereiche sind aber wichtig, damit man die Arbeit gut machen kann.

Der frühere Geschäftsführer des BMW-Werks in Steyr hat den Wunsch nach der 12-Stunden-Woche damit argumentiert, dass seine Mitarbeiter hin und wieder zu Schulungen in die Zentrale nach München fahren müssen und am selben Tag nach Hause zurückkehren wollen. Die Zehn-Stunden-Regelung zwingt sie aber dazu, unterwegs zu nächtigen.

Ich habe in meiner Arbeit beim arbeitspsychologischen Dienst in Linz solche Beispiele erlebt. Die Sicht der Arbeitnehmer ist zu verstehen, dass sie heim wollen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass man die Autonomie, die freie Mitgestaltung der Arbeitnehmer ernst nimmt. Die Gefahr besteht dann, wenn die Flexibilität einseitig ausgelebt wird.

Dass der Arbeitgeber auf den Arbeitnehmer Druck ausübt und dieser sich nicht wehren kann.

Genau. Manchmal muss man die Arbeitnehmer vor sich selbst ein bissschen schützen.Sie neigen aufgrund der Flexibilität dazu, dass sie dauerhaft viel arbeiten. Vielleicht auch deshalb, weil sie gern arbeiten, was ja grundsätzlich gut ist. Trotzdem braucht jeder eine Regenerationsphase.

Was ist mit jenen Arbeitnehmern, die auch in der Freizeit arbeiten, beispielsweise beim Häuslbauen helfen oder pfuschen?

Man arbeitet nicht nur in der Arbeit, sondern auch im Haushalt, in der Pflege etc. Hier zeigen die meisten Studien kaum Effekte auf. Es kommt im Wesentlichen darauf an, wie man das erlebt. Das weiß man auch aus der Urlaubsforschung. Es kommt nicht so sehr darauf an, was man im Urlaub macht, sondern wie man ihn erlebt. Ob man ihn als angenehm oder als Stress erlebt.

Der Urlaub ist wichtig, um die Speicher wieder aufzufüllen. Die Studienergebnisse weisen darauf hin, dass es sinnvoller ist, mehrmals Urlaub zu machen als fünf Wochen am Stück. Denn die Urlaubseffekte verpuffen relativ schnell. Es ist besser drei Mal zehn Tage zu urlauben als 30 Tage am Stück. Die Studien zeigen, dass Urlaube Effekte auf kardiovaskuläre Erkrankungen einen positiven Effekt haben. Wenn man keinen Urlaub nimmt wird man schneller krank.

Also macht es Sinn, dass man sich den Freitag frei nimmt, wenn der Donnerstag ein Feiertag ist? Denn dann hat man vier freie Tage.

Das ist ein bisschen zu kurz. Man sollte sich noch einen zusätzlichen Tag frei nehmen. Als Kurzurlaube gelten vier, fünf Nächte.

Es haben nun die neunwöchigen Ferien für die Schüler begonnen. Sollte man die Ferien nicht auch auf mehrere Tranchen aufteilen wie beim Urlaub?In manchen deutschen Bundesländern ist das der Fall.

Diese Frage wird in der Forschung heiß diskutiert. Es wurde noch nicht systematisch erforscht.

Lange Ferien sind grundsätzlich nicht schlecht. Es kommt darauf an, wie man sie nutzt. Denn es lässt sich ein Leistungsabfall diagnostizieren, vor allem in der Rechtschreibung und in der Mathematik. Weniger in der Lesekompetenz. Dies resultiert daher, dass diese Kompetenzen in der Ferienzeit nicht trainiert werden. Eher wird noch gelesen. Deshalb sollte man auch in den langen Ferien etwas tun und nicht nur vor dem Fernseher sitzen.

Es zeigen sich hier auch Unterschiede, aus welchen sozioökonomischen Verhältnissen die Schüler kommen.