Aufsichtsratschef Mittendorfer: „Wir müssen die Ambulanzen der Spitäler entlasten“
Franz Mittendorfer ist Anwalt und Vorsitzender des Aufsichtsrates der oberösterreichischen Gesundheitsholding.
Franz Mittendorfer (63) ist Rechtsanwalt und Vorsitzender des Aufsichtsrates der oberösterreichischen Gesundheitsholding, die für die Spitäler des Landes verantwortlich ist.
KURIER: Die Salzburger Landeshauptfrau will die Gesundheitsagenden an den Bund abtreten, Landeshauptmann Thomas Stelzer kann sich das ebenfalls vorstellen. Das bringt Sie um Ihren Job. Halten Sie das für eine gute Idee?
Franz Mittendorfer: Ob ich meinen im Aufsichtsrat behalte, ist dazu völlig irrelevant. Es geht um die Frage, wer übernimmt die Verantwortung in der Steuerung und in der Finanzierung. In der Finanzierung haben wir ein sehr zersplittertes System, das dazu führt, dass jeder, der einen Beitrag leistet, glaubt, er hätte das Recht, Steuerungsentscheidungen alleine treffen zu können. Es braucht eine klarere Steuerung.
Wie soll diese aussehen?
Der OECD-Bericht von Anfang Dezember besagt. dass Österreich den zweithöchsten Anteil an Gesundheitsausgaben aller EU-Staaten hat, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt. Es sind rund 16 Prozent. Alleine in den vergangenen sechs Jahren ist er von 14 auf 16 Prozent gestiegen. Es wurde noch nie so viel für das Gesundheitswesen wie jetzt ausgegeben, mit der Tendenz einer dramatischen weiteren Steigerung.
Warum ist das so? Die Lebenserwartung steigt Gott sei Dank rapid. 1980 lag sie in Österreich bei Männern bei 69 Jahren, 2000 bei etwas mehr als 75 Jahren, jetzt liegt sie bei knapp 80 Jahren. Bei Frauen ist sie höher, mittlerweile bei mehr als 84 Jahren. Die Menschen werden älter, das bedeutet höhere Ausgaben für das Gesundheitswesen.
Wir haben ein großartiges Gesundheitssystem. Aber es müssen konsequentere Schritte bei der Patientenlenkung gesetzt werden. Das Problem ist, dass zunehmend ohne Zuweisung ins Spital gegangen wird. Solange es keine Anreize gibt, sich in das abgestufte System (zuerst telefonische Gesundheitsberatung 1450, dann der Hausarzt, erst dann die Zuweisung in ein Spital) hin hinzubewegen, werden wir weiterhin überlastete Spitäler haben. Es gibt Tage im Keplerklinikum, an denen mehr als 300 Personen unangemeldet in die Ambulanz kommen.
Die Diskussion um die überfüllten Ambulanzen gibt es seit Jahrzehnten. Und damit auch die Diskussion um die Einführung von Ambulanzgebühren. Es gibt bis heute keine Lösung.
Wir hatten die Ambulanzgebühr. Sie wurde 2003 abgeschafft. Wenn uns kein funktionierendes Patientenlenkungssystem gelingt, werden wir um ein Beitragssystem nicht umhinkommen. In Dänemark gibt es das abgestufte System. Wer die Abkürzung nimmt und direkt ins Spital geht, muss dafür bezahlen.
Wir haben in Österreich einen außergewöhnlich hohen Anteil von Privatversicherten. Die Mehrheit der niedergelassenen Ärzte sind bereits Wahlärzte. Das zeigt, dass die Bevölkerung bereit ist, selbst für Leistungen aufzukommen, die sie nur teilweise vom staatlichen System zurückbekommt.
Wie soll das Patientenlenkungssystem aussehen?
Es dürfen nur Notfälle in die Spitäler kommen. oder jemand, der eine ärztliche Zuweisung bekommen hat. Alles andere ist wirtschaftlich unverantwortlich.
Die Menschen sind teilweise auf die Spitäler angewiesen. Hausärzte sind nicht immer erreichbar. 50 Kassenarztstellen sind in Oberösterreich nicht besetzt.
Der niedergelassene Bereich muss gestärkt werden. Auch hier gibt es Überlastungen. Die Frage ist, ob es tatsächlich immer notwendig ist, in die Ordination zu kommen. Bei der Telemedizin gibt es groß artige Projekte. Man muss die bereits vorhandenen technologischen Möglichkeiten besser nutzen.
Kränkelnde Menschen wollen mit einem Arzt reden und nicht mit einer Maschine.
Ich rede nicht von Chatbot-Systemen oder von einem virtuellen Arzt. Wann muss es wirklich notwendig sein, sich in die Ordination eines Arztes zu begeben? Wenn bereits mehr als 90 Prozent Smartphones haben, muss es möglich sein, diesen Kommunikationsweg zusätzlich zu nutzen und dadurch die Ordinationen zu entlasten. Die Patienten sollen möglichst rasch die erforderliche Information bekommen.
Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von richtungsweisenden Projekten. die ÖGK ist bereits in der Umsetzungsphase eines telemedizinischen Erstversorgungsangebotes. In Oberösterreich gibt es die telemedizinisch Zusammenarbeit im Bereich Dermatologie sowie die telemedizinische Nachsorge für Herzpatienten.
Wenn die Menschen die Möglichkeit haben, zum Hausarzt zu gehen, werden sie sie nutzen. Außer sie müssen dort etwas bezahlen.
Ich möchte nicht darauf reduziert werden, dass die einzige Lösungsmöglichkeit die Ambulanzgebühr ist. Aber ich fürchte, dass das der letzte Ausweg sein wird, wenn eine andere Art der funktionierenden Patientenlenkung nicht gelingt. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden immer mehr Personen immer älter, und diejenigen, die in der Versorgung arbeiten, werden immer weniger.
Es gibt eine starke Entwicklung zur Teilzeitbeschäftigung. Wir hatten im stationären Gesundheitswesen noch nie so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie jetzt und gleichzeitig sinkt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, das zu respektieren ist, aber man wird die immer knapper werdende personellen Ressourcen in Anbetracht der demografischen Entwicklung nicht wirklich substituieren können.
Primar Bernd Lamprecht, Dekan der Medizinischen Fakultät der Kepleruniversität, sagt, es gibt genügend Ärzte. Bezogen auf die Bevölkerung ist die Ärzteanzahl sogar gestiegen. Es gibt für ihn ein Verteilungsproblem. Wie soll man das lösen?
Die ärztliche Vertretung wird hier Vorschläge machen. Es gibt kein Patentrezept. Das Arbeitszeitgesetz hat dazu geführt, dass in den Spitälern immer weniger Ärzte zur Verfügung stehen.
Überlastete Ambulanzen sind ein Dauerzustand.
Zum Beispiel Dänemark. Dort gibt es paar wenige, am modernsten Stand eingerichtete Spitäler. Die Regionalspitäler wurden runtergefahren. Das würde dann in Österreich ebenfalls passieren, die Regionalspitäler würden dann nur mehr Versorgungsstationen sein. Das stößt aber auf heftigen Widerstand der Bevölkerung, wie man am Beispiel der Obersteiermark und dem geplanten Leitspital in Liezen gesehen hat.
Die Frage ist, wie kann die Versorgung der Bevölkerung angesichts der demografischen und technologischen Entwicklung bestmöglich strukturiert werden. Es kann nicht die Erwartungshaltung sein, dass in jedem Bezirk ein Spital errichtet wird, das die gesamte Bandbreite abdeckt. Die Spitäler sind die teuerste Struktur in unserem System.
In Oberösterreich haben wir einen guten Kompromiss gefunden. Wir dürfen das aber nicht auf den Spitalsbereich reduzieren. Es geht auch um die Frage, wie wir den vor- und nachgelagerten Bereich besser strukturieren können.
Wie Stärkung des niedergelassenen Bereichs und der Ausbau der Primärversorgungseinheiten. Es geht darum zu zeigen, wo wird der Bevölkerung am schnellsten und besten geholfen.
Ihre Doppelrolle als Aufsichtratsvorsitzender einerseits und Anwalt und langjähriger Partner einer großen Anwaltskanzlei, die jenes Unternehmen berät, das Sie als Aufsichtsratsmitglied kontrollieren soll, wurde als möglicher Interessenkonflikt medial kritisiert.
Seit mehr als Jahren bin ich Aufsichtsrat im Gesundheitswesen tätig. Die Kanzlei Saxinger, bei der ich langjähriger Partner bin und die etzt knapp 90 Juristen hat, wird als eine von mehreren Anwaltskanzleien seit vielen Jahren in komplexen Rechtsfragen beigezogen, insbesondere im Vergaberecht. Die Beauftragung wurde im Aufsichtsrat auch genehmigt. Die Aufsichtsrat sieht keinen Interessenkonflikt für die se Beratung. Aufgrund einer Empfehlung des Rechnungshofes erfolgt eine regelmäßige Berichterstattung über Vertragsbeziehungen zwischen Gesellschaft und Aufsichtsratsmitgliedern bzw. Gesellschaften, an denen diese beteiligt ist.
Vorstandsvorsitzender Harnoncourt hat seinen Vertrag vorzeitig beendet. Woran ist er gescheitert?
Er ist ein hervorragender Manager. Es ist schade, dass sein Vertrag vorzeitig beendet wurde. Es hat offensichtlich Herausforderungen gegeben, bei denen er für sich entschieden hat, sie für die Zukunft nicht weiter zu übernehmen.
Die Kritik betrifft nicht nur den Vorstandsvorsitzenden, sondern auch die zwei weiteren Vorstände. Was ist Ihre Erwartungshaltung gegenüber den beiden anderen?
Eine Geschäftsführung, die aus mehreren Personen besteht, hat immer eine Gesamtverantwortung. Man kann selbst bei zugewiesenen Geschäftsbereichen, diese Verantwortung nicht trennen. Es ist Aufgabe dieser Geschäftsführung zusammenzuarbeiten. Sollte das nicht der Fall sein, wird man die entsprechenden Konsequenzen ziehen müssen.
Ist die Zusammenarbeit in ausreichendem Ausmaß gegeben?
Sie ist besser, als sie in der öffentlichen Meinung wahrgenommen wird. Ich bin der Meinung, dass die Geschäftsführer sich ihrer Verantwortung bewusst sind.
Ist die politische Zusammensetzung der Vorstände ein Problem? Zwei Vorstände werden der VP zugerechnet, einer der FPÖ.
Diese Zurechnung erschwert im Alltag die Zusammenarbeit. Ich gehe aber nicht davon aus, dass die Geschäftsführung sich in der Sacharbeit von politischen Zurufen leiten lässt.
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