Landeshauptmannstellvertreterin und Gesundheitsreferentin Christine Haberlander

© HERMANN WAKOLBINGER

Chronik Oberösterreich
04/05/2020

„Abhängigkeit von Asien abbauen, Standort stärken“

Die Intensivbetten dürften reichen, der Höhepunkt der Corona-Krise sollte zwischen Ostern und Anfang Mai sein, sagt Landeshauptmannstellvertreterin und Gesundheitsrefereintin Christine Haberlander.

von Josef Ertl

Christine Haberlander ist Landeshauptmannstellvertreterin (ÖVP). Die 38-Jährige ist für Gesundheitsfragen zuständig.

KURIER: Derzeit sind die Hälfte der Intensivbetten in Oberösterreich belegt.

Christine Haberlander: Wir haben auf den Intensivbetten 116 Patienten hospitalisiert. Dazu kommen 33 am Virus Erkrankte. Damit sind 149 der 300 Intensivbetten belegt (Stand Freitagmittag, Anm.).

Werden die Intensivbetten ausreichen?

Laut unseren Hochrechnungen ja. Es müssen ein paar Kriterien erfüllt sein. So müssen zum Beispiel die Schutzmaßnahmen konsequent umgesetzt werden, damit die Kurve der Neuinfizierten abgeflacht wird. Es dürfen nur jene auf die Intensivbetten kommen, die sie wirklich brauchen. Wir könnten, wenn sie gebraucht würden, noch 100 Intensivbetten zusätzlich aufbauen.

Wann ist der Höhepunkt?

Das zu prognostizieren wäre unseriös. Aktuell geht man davon aus, dass er zwischen Ostern und Anfang Mai sein wird.

Wie viele Tote werden zu beklagen sein?

Das kann man nicht sagen. Bis Samstag früh waren es 18, alle hatte schwere Vorerkrankungen. Wir tun alles, damit die Menschen nicht krank werden und wenn sie krank sind, nicht versterben. In sehr vielen Fällen nimmt die Krankheit einen leichten Verlauf.

Manche Bürger vergleichen das Virus mit einer Grippe und argumentieren, daran würden auch jedes Jahr viele Ältere versterben.

Mit einem Anteil von 0,9 Prozent der oberösterreichischen Gesamtbevölkerung ist die Zahl der Erkrankten gering. Wir haben viele, die bereits wieder genesen sind. Wir haben 1.359 positiv Getestete, 132 werden in Krankenhäusern betreut. Der weitaus größte Anteil der Positiven ist zu Hause. Und das reicht wegen des leichten Verlaufs auch aus. Wir haben mit dem Virus einen starken Gegner, lernen ihn aber jeden Tag besser kennen.

Es gibt viel zu wenig Tests. Die Bundesregierung versprach 15.000 Tests täglich, was für Oberösterreich 2.400 bedeuten würden. Davon ist man laut Landeshauptmann Thomas Stelzer aber weit entfernt.

Wir testen derzeit rund zwischen 1.300 und 1.500 täglich. Es fehlt an einzelnen Materialien, hier braucht es Nachschub, damit wir die Testanzahl ausbauen können. Wir müssen die Materialien vom Bund bekommen. Wir appellieren tagtäglich.

Es gab früher Kritik an zu vielen Spitalsbetten, weil dies die teuerste Form der Gesundheit sei. Jetzt sind wir froh, dass wir so viele Betten haben.

Es zeigt sich, dass wir ein trag- und belastbares Gesundheitssystem haben. Wenn früher die Kritik an eventuellen Überkapazitäten gekommen ist, sehen wir jetzt ganz klar, dass wir die Betten brauchen. Die Strukturen sind richtig, auch in den regionalen Krankenhäusern. Es bewährt sich auch die Trägervielfalt. Wir beweisen im Gesundheitssystem, was wir können.

Die Diskussionen über die Schließung kleiner, regionaler Spitäler ist damit endgültig vom Tisch?

Ich habe diese Diskussionen nie geführt, ich habe immer eine Standortgarantie abgegeben. Unsere Krankenhäuser zeigen einmal mehr, wie wichtig sie auch in den Regionen sind. Und dass es abgestimmte Versorgungswege gibt und dass die Spitäler zusammenarbeiten.

Es ist noch zu früh für ein Resümee, aber welche Schlüsse kann man jetzt schon aus der Krise ziehen?

Es zeichnen sich einige Themen ab. Eines ist die Materialbeschaffung und die große Abhängigkeit von Asien, sei es bei Medikamenten, sei es bei Handschuhen oder bei der Schutzausrüstung. Auch wenn am Freitag mit einem Flugzeug Nachschub gekommen ist, müssen wir uns hier breiter aufstellen. Wir brauchen eine vielfältigere Struktur bei den Lieferanten.

Die Produkte werden deshalb in Asien hergestellt, weil dort am billigsten produziert wird. Wenn man sie bei uns herstellt, werden sie teurer. Die Pharmaindustrie steht aber von den Kassen unter Druck, möglichst billig zu produzieren. Die höheren Preise müssten dann auch bezahlt werden.

Ich scheue nicht davor zurück, der Kritik standzuhalten, die dann von verschiedenen Seiten kommt. Man wird nicht alles in Oberösterreich oder Europa produzieren können, denn es gibt einen freien Markt. Auch die Pharmafirmen sollten sich hinterfragen, warum nicht mehr hier produziert wird.

Ich sehe jetzt in der Krise viele Unternehmen aus allen Bereichen, die ihrer Verantwortung nachkommen, uns unterstützen und ihre Produktion umstellen. Wenn wir uns diesen Spirit bewahren würden, mehr auf den Standort zu schauen und darauf zu achten, was Österreich stärkt, wäre das ein wichtiger Impuls aus der Krise.

Welche weiteren Schlüsse aus der Krise zeichnen sich ab?

Wir sind im wohlig-warmen Nest gesessen und haben uns über Krisen keine Gedanken gemacht. Das war ein Fehler. Wir müssen künftig stärker in Gefährdungszenarien denken und uns darauf vorbereiten. Das betrifft alle, das Krankenhaus ebenso wie den Unternehmer und den Einzelnen. Gibt es genügend Schutzoveralls, Handschuhe und Masken? Das reicht von den niedergelassenen Ärzten bis zum Roten Kreuz. Ganz wichtig ist auch, dass sich die Krankenhäuser besser vernetzen. Die Bildung der Gesundheitsholding war ein wichtiger Schritt. Wir haben durch die Krise auch einen Fortschritt in der Digitalisierung gemacht. Das hätte sonst Jahre gedauert.

Ein Lernprozess ist, dass die Bedeutung des Impfens noch stärker wird. Die Krankheit endet beim Geimpften.

Wir schauen, dass die Gesundheitsversorgung in Krisenzeiten funktioniert. Es hat aber jeder Einzelne seine Eigenverantwortung, dass er zu Hause bleibt, die Älteren nicht besucht und den Mundschutz trägt.

Was ist bisher gut gelaufen, was ist verbesserungswürdig?

Die Menschen packen zu und bleiben nicht tatenlos vor den Problemen stehen. Das findet in vielen Bereichen statt. Wir sind übereingekommen, dass die Intensivbetten von der Gesundheitsholding gemanagt werden. Das ist ein großes Zugehen der Spitalsträger aufeinander. Im Krisenstab arbeiten alle Abteilungen des Landes zusammen. Die AmtsärztInnen sind da und helfen auch am Sonntag. Die Feuerwehr unterstützt uns bei den Eingangsschleusen in den Krankenhäusern.

Optimierungsbedürftig ist, dass manches lange braucht, bis es am Weg ist. Auch in der Abstimmung mit dem Bund. Die Rechtsverbindlichkeit muss durchdacht und umgesetzt werden. Der Rechtsstaat muss funktionieren, auch wenn es etwas länger dauert. Ich bin selbst manchmal ungeduldig.

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