Wie man aus der Not eine Tugend sieden kann

Seifensieder
In den Kloster-Schul-Werkstätten Schönbach entstehen seit rund 20 Jahren Seifen in Handarbeit. Ein Erfolg, der auf einem Fehltritt basiert, und eine Geschichte über das Weitermachen.

Der Geruch schlägt einem bereits am Gang entgegen: süß, blumig, beißend. Hier, auf dem ehemaligen Klostergelände in Schönbach, wird Seife gesiedet – und das riecht man. Franz Höfer scheint das Duftgemisch kaum zu bemerken. Der 59-Jährige steht an einem Schreibtisch in einer Ecke der Werkstatt, den Blick auf das Rezept in der gelben Mappe vor sich gerichtet. "Ich muss schauen, ob ich eh alles berücksichtigt habe“, sagt er.

Seigengießen

80.000 Stück Seife werden alljährlich produziert.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass Höfer zuletzt Seife hergestellt hat. Diese Arbeit überlässt er "seinen Damen“, vier Teilzeitkräften, die jedes Jahr bis zu 80.000 Stück produzieren. An diesem Vormittag aber steht Höfer wieder selbst an den Herdplatten – um zu sieden, und um zu erzählen, warum ausgerechnet hier Seife entsteht.

Lehrjahre

Dafür holt er aus und geht zurück an den Anfang. Zu seiner Ausbildung an der landwirtschaftlichen Fachschule Edelhof – und zu einem Mann namens Adolf „Adi“ Kastner. Kastner, über viele Jahre Direktor der Schule, wurde Anfang der 1980er zum ersten Landesbeauftragten für das Waldviertel. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte er diese Rolle inne, widmete sich der wirtschaftlich benachteiligten Region und brachte Hunderte Projekte auf den Weg. "Adi Kastner hat im Wesentlichen den Waldviertlern über die Regionalentwicklung eine Identität gegeben“, sagt Höfer.

Durch seine Tätigkeit bei der Landjugend fiel Höfer dem Manager auf. Kastner holte ihn in die Regionalentwicklung, als Landwirtschaftsberater. Von 2000 bis 2005 war Höfer dann in dieser Rolle unterwegs. Parallel dazu engagierte er sich weiter in der Dorferneuerung Schönbach. Im Kleinen machte er dort, was Kastner fürs ganze Waldviertel tat: Projekte umsetzen. Unter anderem wurde so jener Museumsverein gegründet, dem Höfer, mittlerweile seit 30 Jahren vorsteht.

Nachdem der ursprüngliche Plan von einem Heimatmuseum an fehlenden Exponaten scheiterte, wurden stattdessen bäuerliche Kurse am Areal angeboten. Bis heute finden in den Klosterwerkstätten rund 100 Seminare statt – vom Körbe flechten bis zum Wolle spinnen. Ein Klostershop wurde eröffnet, in dem Körbe aus der Manufaktur und weitere Produkte aus der Region vertrieben werden.

150 Flaschen Mohnöl

Und die Seifensiederei? "Ist mir einfach passiert“, sagt Höfer. 2004 schickt Kastner den Vereinsobmann zur "Terra Madre Salone del Gusto“, einer mehrtägigen Slow-Food-Messe mit internationalen Produzentinnen und Produzenten. Alle zwei Jahre zieht das Event Hunderttausende nach Turin. Höfer sollte dort zusammen mit weiteren Waldviertlern heimische Produkte aus Mohn präsentieren.

Die anfängliche Euphorie über ein lukratives Auslandsgeschäft schlug nach drei Verkaufstagen schnell in Ernüchterung um. Neben der Sprachbarriere zeigte sich ein weiteres Problem: "Was wir nicht bedacht haben: Mohn ist für uns in Österreich eine Selbstverständlichkeit“, sagt Höfer. Ab der Südtiroler Grenze sehe das anders aus. "Da denken alle beim Wort Mohn nur noch an Opium.“ 

Mohn-Dilemma

Dank eines geborgten Dolmetschers gelang es der Truppe zwar, manches Missverständnis auszuräumen, doch am Ende fuhren sie mit einem Großteil der Ware wieder heim. Trotz späterer Verkäufe blieb Höfer schlussendlich auf rund 150 Flaschen Mohnöl sitzen.

Nächtelang zerbrach er sich den Kopf darüber, wie er die finanziellen Einbußen, ob des teuren Rohstoffs doch noch abwenden könnte. Eines Nachts tippte er dann die Worte „Verwertung abgelaufene Speisefette“ in die Suchleiste. Und da spuckt die Maschine das entscheidende Wort aus: Seifensieden. Höfer fuhr also, die 150 Flaschen Öl im Gepäck, zu einem Kurs nach Wien. Am Heimweg stand sein Beschluss fest: Der Verein wird die Seifenproduktion starten – mit Produkten aus der Region.

Erfolg aus Misserfolg

Nüchtern betrachtet ist es damit die Geschichte eines unverkäuflichen Produkts, aus dem etwas Sinnvolles und vor allem Wirtschaftliches wurde. Gleichzeitig geht es ums Dranbleiben – darum, sich von Misserfolgen nicht entmutigen zu lassen. Weil aus Fehlschlägen etwas entstehen kann. Wie Seife.

Kommentare