Unübersehbare Schimmelflecken in Schlafräumen und in der Küche des Flüchtlingsheims wurden nicht fachgerecht saniert, sondern vor der Kontrolle rasch übermalt.

© Sahel Zarinfard

Niederösterreich
12/02/2013

Husch-Pfusch im Flüchtlingsheim

In einer Unterkunft für Asylwerber wurde gesundheitsschädlicher Schimmel einfach übermalt.

Wenn das wer sieht, zahlen Sie drauf“, sagt der Kontrolleur des Landes zu Erich T., dem Betreiber einer Asylunterkunft in Grimmenstein, Niederösterreich. So erzählt es T., als er am 10. November von Journalisten erstmals auf die Missstände in seinem Quartier angesprochen wird – von denen gibt es einige.

Das dringendste Problem: Bei den beiden Lokalaugenscheinen der Plattform Dossier (siehe Zusatzbericht) im August und Oktober 2013 wuchert in der Küche nicht nur oberflächlich Schimmel. Vor Ort stellt Peter Tappler, Gerichtssachverständiger für Schimmel-Belastungen in Innenräumen, bei einer Messung eine um das 6-Fache erhöhte Konzentration an Schimmelpilzsporen in der Raumluft fest. Sein Fazit: „Die Räume sollten aufgrund akuter Gesundheitsgefährdung bis zu einer fachgerechten Sanierung nicht mehr benutzt werden.“

Seit zwei Wochen ist das den Verantwortlichen in Niederösterreich bekannt. Passiert ist so gut wie nichts.

Vergangenes Wochenende ließ die zuständige Landesrätin Elisabeth Kaufmann-Bruckberger (Ex-Team Stronach) dem KURIER ausrichten: Kürzlich habe die zuständige Fachabteilung sieben der kritisierten Asylquartiere besucht. Dort seien zwar Mängel festgestellt worden, aber keine gesundheitsgefährdenden. „Wenn die Situation so kritisch gewesen wäre, hätten wir die Unterkünfte gesperrt.“

Kosmetik

Schon vor Veröffentlichung der Rechercheergebnisse hatte Betreiber Erich T. den Zuruf des Kontrolleurs und den Ernst der Lage verstanden. Die Sanierung war angelaufen: Im Bad werden Schäden im Mauerwerk beseitigt, Fugen erneuert. In der Küche soll eine neue Arbeitsfläche kommen.

Ein Maler rückt an. Seine Aufgabe ist es, den Schimmel an den Wänden zu übermalen. Nach knapp einer Stunde ist er fertig, wird er später am Telefon sagen: „Der Auftrag war, die paar Flecken zu verschönern. Es hat schnell gehen müssen.“

Dienstag, 19. November, offizielle Besichtigung. Eine Kommission betritt die Unterkunft, die vom Gerichtssachverständigen Peter Tappler als „akut gesundheitsgefährdend“ eingestuft wurde: Peter Anerinhof, verantwortlicher Beamter für die Grundversorgung in Niederösterreich, gehört ihr an. Ebenso die Amtsärztin der Bezirkshauptmannschaft Neunkirchen, Elisabeth Hecher-Korinek, der Bauphysik-Sachverständige Gerhard Burian, und Grimmensteins Bürgermeister Engelbert Pichler.

„Schimmelfallen“

Erneut wird in der Küche gemessen. Da der Experte für Bauphysik keine Ausrüstung für Schimmel-Messung mitbringt, setzt er Selbsttest-Sets ein. 69,90 Euro kostet so ein Test im Handel, die Ergebnisse liefert der gesammelten Proben das Labor in Seibersdorf. Burian nennt die Sets „Schimmelfallen“; der Sachverständige Tappler hält sie für „unbrauchbar“. Die Amtsärztin, deren medizinisches Urteil ausschlaggebend ist, steht neben den Proben-Schalen und vor den übermalten Flecken an der Wand. Das Bild, das sich ihr zeigt, lässt sie zum Schluss kommen: kein akutes Gesundheitsrisiko, zumindest bis zur Auswertung der Selbsttest-Proben.

Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien sieht das kritisch: „In diesem Fall braucht man nicht auf die Ergebnisse zu warten“, sagt der Umweltmediziner. „Eine gesundheitliche Beurteilung kann basierend auf den Ergebnissen von Tapplers Messung durchgeführt werden.“

Doch nicht das Gutachten des Gerichtssachverständigen ist für die Verantwortlichen im Land ausschlaggebend, die Ergebnisse der Selbst-Tests sollen es sein – in knapp zwei Wochen. Statt einer Anordnung zur fachgerechten Sanierung der Unterkunft, die – so beurteilen es der Gerichtssachverständige und der Maler – mehrere Monate dauern würde, setzt man in der zuständigen Abteilung am Tag nach der Begehung ein Schreiben an Betreiber Erich T. auf: Die Missstände seien „binnen 14 Tagen“ zu entfernen.

Beschwichtigung

In der Lokalpresse beruhigt ÖVP-Bürgermeister Pichler. „Bei meinem Besuch dort konnte ich keine Art von Schimmelspuren feststellen, es wird alles laufend kontrolliert“, sagte er zu den Niederösterreichischen Nachrichten.

Die Caritas hat bereits im Juni 2013 auf die Missstände im Quartier hingewiesen. Passiert ist seit damals nichts. Rund 40 Asylsuchende leben nach wie vor in der laut Sachverständigen gesundheitsschädlichen Unterkunft.

Asyl

Dossier ist eine unabhängige, spendenfinanzierte Plattform, die investigativen und Datenjournalismus betreibt und fördert. Seit April 2013 laufen die Recherchen zu Dossier: Asyl. Bisher wurden im Rahmen des umfangreichen Projekts 98 Flüchtlingsunterkünfte in den Bundesländern Burgenland, Niederösterreich und Salzburg besucht und 4.247 Fotos sowie rund 56 Stunden Videomaterial gesammelt.

www.dossier.at

Asylquartiere im Test

Die Bewertung der einzelnen Unterkünfte fußt auf einem von Dossier erstellten Kriterienkatalog. Diesen und die genaue Methodik zur Ermittlung der vergebenen Punkte finden Sie hier.

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