Walter Kobald fuhr zum ersten Mal durch die Kalte Kuchl – und das leicht zu schnell.

© Wammerl Patrick

Chronik Niederösterreich
08/05/2019

Gefährlicher Temporausch in der "Kalten Kuchl"

Lokalaugenschein mit der Polizei auf einer der berüchtigtsten Motorrad-Raserstrecken in Niederösterreich.

von Patrick Wammerl

Einen eingefleischten Biker wie Andreas Bachmann schmerzt die 70-km/h-Beschränkung schon ein wenig. Vor 30 Jahren, kann er sich noch erinnern, sei es nur darum gegangen, „mit dem Fußraster in jeder Kurve am Asphalt Funken zu schlagen. Das kannst du dir heute nicht mehr erlauben, aber das ist auch gut so“, sagt der Wiener. Schließlich will er auch ein Vorbild für seinen Sohn sein, den auch das Motorradfieber gepackt hat.

Die beiden sind zwei von mehreren Tausend Bikern, die an schönen Sommertagen im niederösterreichischen Piestingtal und der berüchtigten Kalten Kuchl kräftig am Gashebel drehen. Der KURIER hatte am Freitag auf einer der beliebtesten, aber auch gefährlichsten Motorradstrecken Österreichs mit der Polizei für einen Lokalaugenschein Stellung bezogen. „Wir machen laufend Schwerpunktkontrollen. Sonst würde die Sache hier eskalieren“, schildern Ernst Krojer und Gerald Lerchecker von der Polizeiinspektion Pernitz (Bezirk Wiener Neustadt).

229 km/h statt 70

Nachdem der Notarzthubschrauber und der Leichenwagen aus der Kalten Kuchl nicht mehr wegzudenken waren, hat man vor bereits vierzehn Jahren die Notbremse gezogen und für Motorräder generell Tempo 70 verhängt.

Als wäre der Sturzhelm eine Art Schutzschild ist das aber noch nicht in alle Biker-Köpfe vorgedrungen. Manche verwechseln die beschauliche Bergstrecke immer noch mit einem Moto-GP-Kurs. Die Kurven sind anscheinend zu verlockend.

Von April bis Ende Juli wurde bei Tempomessungen am Rohrer Berg sieben Bikern wegen massiver Geschwindigkeitsübertretungen der Schein abgenommen. Allein am Sonntag wurden gleich drei Biker aus Mödling mit 142 km/h angehalten. Das ist noch nichts gegen den schnellsten jemals gemessenen Motorradfahrer in diesem Abschnitt. Dieser schaffte in der 70er-Beschränkung sage und schreibe 229 km/h, wohlgemerkt mit seiner Frau am Sozius.

Geblitzt

Seit April wurden am Rohrer Berg 194 Schnellfahrer geblitzt. Was neben der zu hohen Geschwindigkeit den Anrainern entlang der Strecke den letzten Nerv zieht, sind vor allem die modifizierten Maschinen. „Je lauter, desto besser. Der Dezibel-Killer aus dem Auspuff wird einfach entfernt und andere illegale Umbauten vorgenommen“, sagt Krojer. Nur wegen fehlender Schalldämpfer setzte es heuer bereits 29 Anzeigen und Strafzettel, 14 Biker müssen wegen schwerwiegender technischer Mängel mit ihren Motorrädern zur Landesprüfanstalt.

„Der einzige Vorteil der Umbauten ist, dass man sie schon von weither hört.“ Gerald Lerchecker vernimmt ein Motorengeräusch und geht wieder mit der Laserpistole in Stellung. Das Display zeigt 94 km/h. Krojer tritt in die Mitte der Straße und winkt den Motorradfahrer in die Pannenbucht. Walter Kobald ist aus Schwaz in Tirol und weit gereist. Der 71-Jährige ist seit 17 Tagen unterwegs und war mit seiner Maschine in St. Petersburg und zuletzt in Hamburg.

Durch die Kalte Kuchl fährt er das erste Mal. Die 70-km/h-Tafeln habe er einfach übersehen. Weil er definitiv kein uneinsichtiger Raser oder Rowdy ist, belassen es Krojer und Lerchecker bei einer Belehrung. Der Pensionist honoriert es mit großem Lob: „Wirklich toll, was unsere Exekutive leistet. Das muss auch einmal gesagt werden.“

Zeit für einen längeren Tratsch bleibt nicht. Lerchecker hat bereits eine Gruppe slowakischer Biker mit der Laserpistole im Visier. Zumindest ans Tempolimit haben sie sich gehalten.