Prozess in Wr. Neustadt

© Wammerl Patrick

Chronik Niederösterreich
02/19/2019

29-Jähriger ertrank in Badewanne im Behindertenheim

Betreuer ließ den Mann unbeaufsichtigt in der Wanne. Er wurde nicht rechtskräftig wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

von Patrick Wammerl

Durch eine frühe Hirnschädigung litt Raphael an spastischen Lähmungen, außerdem hatte er nur ein Bein. Dass der 29-Jährige ausgerechnet in einer Pflegeeinrichtung für schwer behinderte Menschen durch Unachtsamkeit sein Leben lassen musste, ist für die Eltern kaum zu verkraften.

Am Dienstag wurde am Landesgericht Wiener Neustadt ein 40 Jahre alter Behindertenbetreuer des Karl-Ryker-Dorfs der NÖ Lebenshilfe in Sollenau wegen fahrlässiger Tötung – nicht rechtskräftig – zu einer Geldstrafe verurteilt. Er hatte Raphael im vergangenen Juni im Pflegeheim gebadet. Nachdem der Behinderte in die Wanne gesetzt worden war, verließ der Angeklagte das Bad. Es sei ein einziger Betreuer für acht Schwerbehinderte zuständig gewesen. Die Mitarbeiter waren demnach am Limit. „Eine unserer Insassinnen lief nackt mit dem Kopf gegen die Wand und urinierte ins Zimmer. Ich musste ihr helfen“, verteidigt sich der Betreuer. In der Zwischenzeit rutschte das Bein von Raphael vom Fußraster, der in der Badewanne ein Abrutschen verhindern sollte. Der 29-Jährige ertrank im 35 Zentimeter tiefen Wasser, weil er sich durch seine körperliche Behinderung nicht mehr nach oben drücken oder festhalten konnte. Als der Betreuer nach knapp zehn Minuten ins Bad zurück kam, war es schon zu spät.

Obwohl in den Dienstbesprechungen klar kommuniziert wurde, dass die Klienten beim Duschen und Baden nicht alleine gelassen werden dürfen, dürfte die gängige Praxis anders ausgesehen haben. Dass Raphael überhaupt gebadet und nicht nur geduscht wurde, geschah auf Drängen seiner Mutter. „Sie war anfangs beim Baden dabei und wollte, dass wir es auch machen“, schilderte eine ehemalige Betreuerin im Zeugenstand.

Die Staatsanwaltschaft prüfte auch, ob übergeordneten Stellen der Lebenshilfe schuldhaftes Verhalten vorzuwerfen sei – etwa durch mangelnde Dienstanweisungen. Zur Anklage kam es nicht. „Wir haben 1200 Personen an 100 Standorten in Betreuung. Es gibt ganz genaue Konzepte, wie die Mitarbeiter bei der Körperpflege vorzugehen haben. Daran haben sie sich auch zu halten“, so Geschäftsführer Christian Albert.