Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Schnitt für Schnitt zum Erfolg

Von der Lehre zur Chefin eines Großbetriebs: Karin Artner über Mut, Salonalltag und ein Leben, das sich um Menschen, Haare und Haltung dreht.
46-226517470

Von Vanessa Halla

„Wennst ma die Schere wegnimmst, bin ich nicht vollständig.“ Punkt. Karin Artner lacht und klimpert als Understatement mit der Schere in ihrer Hand. Diese Frau liebt ihren Beruf. Klare Sache. Seit mehr als drei Jahrzehnten steht die gebürtige Steirerin im Friseursalon, schneidet Haare, berät Kunden und führt eines der größten Friseurunternehmen des Landes.

Mit 22 eigenes Geschäft

Mit 15 Jahren begann Karin ihre Friseurlehre, absolvierte später zusätzlich die Ausbildung zur Kosmetikerin und macht schließlich die Meisterprüfung für Friseure. „Mit 22 habe ich mein eigenes Geschäft eröffnet.“ Rücklagen? Fehlanzeige. Erfahrung als Unternehmerin? Ebenfalls nicht. Viele hielten die Idee für gewagt. „Einige haben gesagt: Ein Friseurgeschäft in der kleinen Ortschaft Grafenschachen wird nicht funktionieren.“ Sie irrten.

Heute beschäftigt Karin Artner 18 Mitarbeiterinnen und einen Mitarbeiter. Begonnen hat alles auf gerade einmal 70 Quadratmetern mit drei Angestellten. Mittlerweile umfasst das Hairstudio Karin in der 1.200 Seelengemeinde Grafenschachen rund 170 Quadratmeter und zählt zu den größten Friseurbetrieben des Burgenlandes.

Job versus Zauber

Das Erfolgsgeheimnis ihres Unternehmens ist für Karin ihr Team. „Respekt, Ehrlichkeit und Offenheit sind mir im Studio enorm wichtig. Ohne meine Mitarbeiterinnen und meinen Barber wäre vieles nicht möglich. Ich schätze ihren Einsatz und das Miteinander sehr.“ An einem Samstagvormittag gleicht das Hairstudio Karin an der Hauptstraße von Grafenschachen einem Bienenstock. Es wurlt und wuselt. Die Kaffeemaschine läuft auf Hochtouren, jeder Platz ist besetzt, die Scheren klimpern, Haare fallen – es wird getratscht, gelacht und fesch gemacht. Viele Kunden begleiten Karin Artner seit Jahrzehnten.

„Manche Stammkunden kommen schon seit 32 Jahren zu mir.“ Die Nähe zu den Menschen ist es auch, die sie bis heute antreibt. „Wir Friseure haben den schönsten Job. Wir machen Menschen hübsch und glücklich. Wenn jemand lächelt oder sich bedankt, weil er zufrieden ist, ist das stets das größte Kompliment für meine Arbeit.“

46-226517471

Die Friseurmeisterin sagt, was sie denkt und tut, was sie liebt.

Mama geht arbeiten

Dass Karin Artner ihren Beruf mit solcher Leidenschaft ausübt, zeigt auch ihr Familienleben. Nach der Geburt ihrer zwei Kinder blieb sie jeweils nur wenige Wochen zuhause.

„Nach drei Wochen war ich wieder im Geschäft und bin zum Stillen heimgekommen“, erzählt sie offen. „Als selbstständige Unternehmerin, die für Mitarbeiter verantwortlich ist, kannst du es dir einfach nicht leisten, lange weg vom Geschäft zu sein. Meine Kinder sind dadurch auch rasch selbstständig geworden. Natürlich, ich war viel arbeiten, aber wenn ich zuhause war, war ich viel Mama.“ Möglich gewesen sei das nur durch die Unterstützung ihres Mannes und ihrer Eltern. „Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar.“

Dass sich die Branche im Laufe der letzten 30 Jahre verändert hat, weiß kaum jemand besser als Karin Artner. Trends kommen schneller, Erwartungen sind höher. Vor allem soziale Medien hätten vieles verändert. „Damals bist du nach Italien in den Urlaub gefahren und hast gewusst, was in zwei Jahren bei uns modern sein wird. Wir haben mit den Kunden gemeinsam Fachmagazine durchgeschaut und besprochen, welcher Haarschnitt und Farbe zum Typ passt. Heute kommen sie mit Pinterest- oder Instagram-Fotos und wollen genau so aussehen wie die Leute auf den Fotos. Mit laufenden Schulungen bleibe ich in meinem Beruf aber ständig am Ball“, so die Unternehmerin.

„Emotionale Momente“

Auch Corona habe vieles verändert. Manche Kunden hätten die Zeit genutzt, um ihre Naturhaarfarbe wiederzuentdecken. „Als Friseurin muss man auch einmal sagen können: Nein, wir färben jetzt nicht. Es ist alles hübsch, so wie es ist. Es geht nicht nur um den Umsatz.“ Für Karin Artner steht der Kunde stets im Mittelpunkt. Ganz gleich, ob bei Haarspenden, die sie regelmäßig schneidet, Termine für Patienten während einer Chemotherapie oder dem Styling für Bräute am Hochzeitstag . „Da entstehen oft besonders emotionale Momente.“

Ihren Job aufgeben? Daran habe sie nie gedacht. „Dafür liebe ich meinen Beruf viel zu sehr.“ Auch nach 32 Jahren steht Karin Artner noch immer dort, wo alles für sie Sinn ergibt: zwischen Spiegeln, Haaren und Gesprächen – mit der Schere fest in der Hand.

Kommentare