Oberwarterin: Ihr Hobby wurde zum internationalen Business
Die Oberwarterin designt hauptberuflich Muster und Illustrationen.
Von Vanessa Halla
Wirtschaftsinformatikerin, Grafikdesignerin, Buchhalterin, Illustratorin, Online-Trainerin, zweifache Mutter, Technikfan und Kreativkopf. Während andere zwischen Zahlen und Farben wählen, verbindet die Oberwarterin Nicole „Nici“ Gabriel einfach beides. „Technik, Buchhaltung und kreativ sein? Warum nicht alles?“, lacht sie.
Meine ersten Versuche? Das waren Kritzeleien und Krakeleien.
Musterdesignerin
Heute entwirft Nici farbenfrohe Muster und Illustrationen, unterrichtet Menschen aus aller Welt am iPad und zeigt Kreativen, wie sie Künstliche Intelligenz sinnvoll einsetzen können – ohne ihre eigene Handschrift dabei zu verlieren.
Mama wars nicht!
„Ich habe meinen ersten Schal gestrickt, bevor ich überhaupt richtig lesen und schreiben konnte. Kreativ war ich immer, aber eben anders“, erinnert sich die heute 48-Jährige. Ihre Lehrer waren regelmäßig überzeugt, dass ihre aufwendigen Arbeiten nicht von ihr selbst stammen konnten.
Nicole „Nici“ Gabriel in ihrem kreativen Element: Das iPad ist heute ihr wichtigstes Werkzeug für Musterdesigns und Illustrationen.
„Die dachten oft: Das hat sicher die Mama gemacht.“ Trotz ihrer kreativen Ader führt sie ihr Weg zunächst in eine völlig andere Richtung. Nach der HAK-Matura arbeitet sie bei Banken, Versicherungen und in der Buchhaltung. „Ich habe dort immer gesucht. Mir hat einfach etwas gefehlt.“
Also studiert Nici Gabriel Wirtschaftsinformatik. Ein Fachgebiet, das ihre Liebe zur Technik mit ihrem analytischen Denken verbindet. Kreativität spielt damals beruflich allerdings noch keine Rolle. Das änderte sich erst mit der Geburt ihrer Kinder. Als junge Mutter zieht Nicole ins Burgenland. Passende Jobs für die Wirtschaftsinformatikerin gibt es damals in der Region aber kaum. „Ich habe dann Bürojobs im Home-Office gemacht. Ich wollte meine Kinder bei mir haben.“ Nebenher näht sie Kleidung, Vorhänge und Patchworkdecken und stellt irgendwann fest: Die Stoffe, die sie sucht, gibt es nicht. „Da dachte ich mir: Vielleicht zeichne ich sie einfach selbst.“
Farben, Formen und ein klarer „Held“: Jede Kollektion beginnt bei Nicole Gabriel mit einem durchdachten Konzept, lange bevor die ersten Linien entstehen.
Gedacht, gemacht. Die ersten Versuche beschreibt Nici Gabriel heute mit einem Lachen. „Das waren Kritzeleien und Krakeleien.“ Dann kam das iPad. „Meine Hände zittern ein wenig, aber mit dem iPad konnte ich plötzlich Linien zeichnen, die genau so aussahen, wie ich sie im Kopf hatte.“
Badenmode für Kolumbien
Die zweifache Mama übt, während der Rest der Familie schläft, veröffentlicht ihre Arbeiten auf Instagram und nimmt an Design-Challenges teil. Nach nur einem Jahr folgt die erste Anfrage. Eine Bademodenfirma aus Kolumbien kauft eines ihrer Muster.
„Als ich die fertige Badehose in der Hand gehalten habe, war das ein unglaublicher Moment.“ Noch heute zählt Nici Gabriel diesen Auftrag zu ihren größten Meilensteinen. Inzwischen entwirft sie Muster für Stoffe, Tapeten und unterschiedlichste Produkte. Eine Firma aus England brachte sogar eine ihrer Tapetenkollektionen auf den Markt.
Doch einfach hübsch aussehen reicht ihr nicht. „Ein gutes Muster beginnt mit der Frage: Wofür mache ich diese Kollektion? Dann werden Begriffe gesammelt, Motive definiert und ein „Held“ festgelegt. „Such dir einen Helden. Alle anderen Elemente müssen ihn unterstützen“, verrät die Expertin für Buntes.
Von Oberwart in die Welt: Nicole Gabriels entworfene Muster finden sich unter anderem auf Stoff- und Tapetenkollektionen wieder.
Während viele Kreative Künstliche Intelligenz skeptisch betrachten, entschied sich Nici für einen anderen Weg. „Die Informatikerin in mir sagte zu meinem kreativen Ich: Holen wir uns den Feind ins Boot.“ Bilder lässt sie sich bis heute nicht von KI erstellen. „Die Ergebnisse erfüllen meinen Anspruch als Illustratorin überhaupt nicht.“
Freiheit am Sofa
Doch in vielen anderen Bereichen nutzt sie die Technologie täglich. „Ich bin von Grund auf chaotisch. KI hilft mir beim Planen, Strukturieren und Formulieren.“ Gerade als Online-Trainerin sei das hilfreich. Ihre Kurse drehen sich vor allem um digitales Zeichnen mit Procreate. Besonders Weihnachtsthemen laufen erstaunlich gut. „Die Leute kaufen Weihnachtskurse das ganze Jahr über. Das ist verrückt.“ Mittlerweile bietet sie sogar eigene KI-Kurse für Kreative an. „Man muss verstehen, was KI kann – und was eben nicht.“
Seit fünf Jahren arbeitet Nicole vollständig selbstständig. „Es gab viele Momente, in denen ich aufhören wollte.“ Gerade die finanziellen Unsicherheiten seien belastend gewesen. Trotzdem bereut sie ihre Entscheidung keine Sekunde. Stattdessen sitzt sie am Sonntag mit einem Kaffee auf dem Sofa, während der Rest der Familie noch schläft. Dann entstehen neue Muster, neue Ideen und neue Projekte. „Ich arbeite eigentlich jeden Tag. Aber meistens fühlt es sich wie mein Hobby an.“
Genau das ist das Geheimnis ihres Erfolgs. Nicole Gabriel hat nie aufgehört, Neues auszuprobieren. Sie verbindet Technik mit Kreativität, Struktur mit Chaos und digitale Werkzeuge mit ganz viel Persönlichkeit. Oder wie sie selbst sagt: „Das Leben ist seltsam. Also machen wir es doch einfach schön.“
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