Ein Leben im Seil: Wie arbeitet eigentlich ein Baumpfleger?
Reparierte früher Windräder und klettert heute auf Bäume. Lukas Fraisl ist seit 17 Jahren als Baumpfleger tätig und liebt seinen Job.
Kein Baum steht kerzengerade da – ein jeder schaut anders aus. Verglichen mit dem beruflichen Werdegang von Lukas Fraisl ist das eine schöne Metapher, denn bei dem heute 39-Jährigen war der Weg zur (Baum)Spitze auch nicht mit dem Lineal vorgegeben. Wenn der Baumpfleger morgens zur Arbeit fährt, weiß er selten genau, was ihn erwartet. „Jeder Baum ist ein bissl anders“, erklärt der Fachmann.
„Bäume sind stille Wesen. Du musst genau hinschauen."
Baumpfleger
Seit 17 Jahren arbeitet er als Baumpfleger – ein Beruf, der irgendwo zwischen Handwerk, Naturkunde und Extremsport angesiedelt ist – einer, der viel Erfahrung verlangt und Respekt. Geboren in Aspang, lebt Fraisl heute im südburgenländischen Wiesfleck. „Ich war immer schon naturverbunden“, erzählt er. Schon als Kind kletterte Lukas überall hinauf – Dächer, Bäume, Felsen. Die Höhe hat ihn nie abgeschreckt. Im Gegenteil: „Mir taugt das, weil du komplett im Moment bist. Da oben zählt nur, dass die Hand und der Fuß halten.“
Lukas’ Weg zum Baumpfleger
Lukas’ Weg zum Baumpfleger war kein geradliniger. Ursprünglich lernte er Konditor, durch einen Freund kam er schließlich zur Baumpflege, hilft beim Schneiden und entdeckt seine Leidenschaft. Es folgt eine mehrmonatige Ausbildung, geprägt von Knotenkunde, Pflanzenwissen und viel Praxis. Heute ist Fraisl selbstständig und überzeugt, den richtigen Beruf gefunden zu haben. „Am liebsten bin ich draußen in der Natur und genieße die Ruhe. Ich mag Menschen, aber wenn ich bei der Arbeit nicht reden mag, dann muss ich das auch nicht.“
Lukas Fraisl über seinen Weg in die Höhe und die Arbeit zwischen Ästen.
Was ihm an seinem Beruf am meisten gefällt? „Der Fokus“, sagt er, ohne zu zögern. „Wenn ich unten stehe, denk ich mir oft: Wie soll sich das ausgehen? Aber oben am Baum, da schaut dann alles anders aus. Es gibt zwar Schnitttechniken, aber selten Standardlösungen. Jeder Baum verlangt eine eigene Strategie und oft viel Spontanität.“
Lukas’ Arbeitsalltag beginnt meist mit der Begutachtung des Baumes. Dann wirft er einen kleinen Sandsack über einen stabilen Ast, um einen sicheren Ankerpunkt zu schaffen. Erst dann geht es hinauf – manchmal schnell, manchmal dauert es eine halbe Stunde, bis alles sitzt. Besonders in engen Innenhöfen, etwa in Wien, ist seine Arbeit gefragt. „Dort kommt kein Hubsteiger hin.“
Erhalten statt Fällen
Die beruflichen Herausforderungen eines Baumpflegers sind vielfältig. Wind, Nässe, Höhe – all das kann gefährlich werden. „Nass ist rutschig und das ist nix“, sagt Fraisl. Und auch wenn Bäume stabil erscheinen: „Der Boden bewegt sich, der Baum bewegt sich.“ Besonders heikel sind, so Lukas, „hohe, dünne Bäume.“ Die Sicherheit steht immer an erster Stelle. „Du willst am Ende eines Arbeitstages schließlich wieder heimfahren können und nicht mit dem Rettungswagen ins Spital.“
Klettern ist Handarbeit, gearbeitet wird nur im Team.
Ob er auch schon gefährliche Situationen erlebt hat? „Klar, die bleiben nicht aus. Einmal wurde ich im Seil von einem Stamm gegen den Baum gezogen, da blieb mir die Luft weg. „Da merkst, wie schnell es gehen kann“, sagt der Fachmann. Ein Grund mehr, warum Lukas Fraisl nie allein arbeitet. Immer gesichert, immer im Team – so sein Credo. Auch, um Schäden zu vermeiden – ein falscher Schnitt kann schnell ein Dach oder ein Auto treffen.
Seine Werkzeuge sind einfach, aber effektiv: Seile, Karabiner, Handsäge. Auf Handschuhe verzichtet er meist – das Gefühl für das Material sei entscheidend. Die größte Gefahr sei ohnehin meist die eigene Unachtsamkeit: „Die Handsäge ist sauscharf.“
"Bäume sind stille Wesen"
Ein wichtiger Teil seiner Arbeit ist die Beurteilung von Bäumen. Ist ein Baum krank oder gefährdet? In der Stadt müsse man genau hinsehen, im Wald hingegen gelte oft die einfache Regel: „Am besten geht es dem Baum, wenn ihn keiner angreift.“ Fraisl versteht sich nicht als jemand, der Bäume fällt – sondern als jemand, der sie erhält. Kronensicherungen, gezielte Schnitte, Beobachtung und Umweltschutz spielen eine zentrale Rolle. Chemische Mittel lehnt er ab. Stattdessen setzt er auf Wissen und Erfahrung.
Baumpfleger Lukas Fraisl über Risiko, Ruhe und Verantwortung.
„Bäume sind stille Wesen“, sagt er. „Du musst genau hinschauen. Ein Spechtloch kann Hinweise geben, ebenso das Verhalten von Zapfen oder Knospen. Manchmal werden sogar Zugproben durchgeführt, um die Standfestigkeit eines Baumes zu testen.“
Trotz aller Routine bleibt die körperliche Belastung des Jobs spürbar. „In der Früh und am Abend merk ich es schon in den Lendenwirbeln“, sagt Fraisl. Seine Lieblingsbäume? „Platanen und Eichen – da kannst du dich beim Klettern richtig austoben.“ Für junge Menschen, die den Beruf ergreifen wollen, hat er einen klaren Rat: „Nicht gleich aufgeben. Und immer sichern – auch beim kleinsten Baum.“
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