Ein Sittenbild der 60er als Graphic Novel

In "Stuck Rubber Baby" richtete der Zeichner Howard Cruse seinen scharfen Blick auf eine von Rassenhass geprägte Gesellschaft. Nun wird das Buch neu aufgelegt.

Auf der Frankfurter Buchmesse war ihnen bereits eine eigene, große Sektion gewidmet, und auch auf der kommenden "Buch Wien" werden sie ein Thema sein: die Graphic Novels, gezeichnete Geschichten. Howard Cruse begann in den 70er Jahren, solche Storys zu zeichnen. Der Zeichner verband seine offen gelebte Homosexualität mit seiner Kunst und scheute nicht davor zurück, zivilgesellschaftliche Probleme wie Rassismus anzusprechen. Seine bekannteste Comic-Erzählung ist das teils autobiographische Buch "Stuck Rubber Baby", das Anfang der 90er Jahre erschien und sich nun einer Neuauflage erfreut.

Zum Durchklicken ... "Stuck Rubber Baby" gilt als Hauptwerk des US-amerikanischen Comic-Künstlers und machte ihn unter den Liebhabern der Graphic-Novels bekannt. Es wurde mit zahlreichen Auszeichnungen überhäuft, und lieferte einen wichtigen Beitrag im afroamerikanischen, studentischen und besonders homosexuellen Literaturdiskurs der USA. Die Geschichte spielt Anfang der 60er Jahre, in der Zeit des Marsches auf Washington von Martin Luther King... ...und der Ermordung von John F. Kennedy. Der junge Südstaatler Toland Polk lernt eine Künstlergruppe kennen, die gegen Hass und Rassentrennung im Amerika der 60er Jahre kämpft. So wird er Teil einer progressiv denkenden Bürgerrechtsbewegung. Dabei kämpft Toland nicht nur gegen die Gesellschaft, sondern vor allem mit sich selbst und seiner sexuellen Identität. Denn: Homosexualität ist in den 60er Jahren ein heißes Thema im reaktionären Süden Amerikas. Cruse erzählt die Entwicklung eines Mannes, der am Anfang des Buches noch der nette Junge ist, der niemandem absichtlich etwas zu Leide tun würde, allerdings auch alles hinnimmt, was um ihn herum passiert, seine Stimme nie erhebt und die üblichen rassistischen Vorurteile toleriert. Im Laufe der Geschichte erlebt der Leser, wie Toland langsam erwachsen wird. Eine Wandlung voller Konflikte, gefangen zwischen Selbstzweifel und dem Hang zum Eigennutz. Die fiktionale Stadt Clayfield ist Schauplatz der Geschehnisse: Ein nur wenig verschleiertes Abbild des vom Rassismus zerrissenen Birmingham (die Heimatstadt Cruses) der frühen 60er. Die im Buch zentral dargestellte Gewalt und der Protest basieren auf tatsächlichen Ereignissen. Cruse hat "Stuck Rubber Baby" sehr detailverliebt und sauber getuscht, so dass es sich für ihn zu einem Projekt entwickelte, das sich über Jahre hinzog. "Als ich `Stuck Rubber Baby` begann, glaubte ich, die Arbeit in zwei Jahren bewältigen zu können. Ich brauchte vier", schreibt der Autor in seiner Danksagung. Im Making-Of erfährt man mehr über den Entstehungsprozess des Buches: "Nachdem ich einige Jahre damit verbracht hatte, ihn zu zeichnen und kennenzulernen, erkannte ich, dass die große Zeichnung des heutigen Toland auf Seite 1 überarbeitet werden musste. Als das Buch zum größten Teil fertig gezeichnet war, nahm ich die Gelegenheit wahr, viele Veränderungen an den ersten Seiten vorzunehmen, darunter auch, dass Toland weniger wie ein irrer Cro-Magnon-Mensch aussieht." Dort verrät der Zeichner auch, dass er als Inspiration für Kleider und Requisiten einen Versandhauskatalog der frühen 60er Jahre verwendet hatte. So entstand eine Graphic Novel mit exaktem, scharfem Blick auf die Geschichte mit autobiographischem Hintergrund. Geboren 1944, wuchs Howard Cruse als Sohn eines Geistlichen und einer Hausfrau im konservativen Alabama auf. Hier endet das amerikanische Südstaatenklischee aber recht schnell: Schon früh machte er erste Anläufe als Künstler. 

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Selbstportrait von Howard Cruse Während seiner High-School-Zeit begann Howard Cruse für lokale Zeitschriften kleine Cartoons zu zeichnen. Seine Comics wurden rasch auch in überregionalen Zeitschriften und Hochglanzmagazinen publiziert. 
Cruses Cartoons waren nicht nur wegen seines erzählerischen Talents gefragt, sondern auch wegen ihrer brennenden Thematik. Denn der Zeichner verband seine offen gelebte Homosexualität auch mit seiner Kunst und scheute nicht davor zurück, andere unangenehme zivilgesellschaftliche Probleme wie Rassismus anzusprechen. Howard Cruse ging sogar so weit in den 80er Jahren sein eigenes Untergrundblatt  "Gay Comix" herauszubringen und versuchte damit auch andere junge Künstler zu beeinflussen und zu ermutigen. Ein Unterfangen, das ihm scheinbar auch gelang: "Ich könnte viel darüber erzählen, was ich Howard Cruse alles zu verdanken habe – wie er mich als junge Zeichnerin, die gerade entdeckt hatte, dass sie lesbisch ist, beflügelt hat" beginnt Comic-Kollegin Alison Bechdel ihr Vorwort zu "Stuck Rubber Baby". Die Neuauflage von Howard Cruses "Stuck Rubber Baby" erschien im Cross Cult Verlag und hat auch 16 Jahre nach der Erstveröffentlichung kaum an Dringlichkeit und Relevanz eingebüßt.
(KURIER.at) Erstellt am
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