Eine Farm auf dem Hochhausdach
Alles Gute kommt von oben – das scheint die Devise der deutschen Forschungseinrichtung Fraunhofer zu sein. Am Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (kurz: UMSICHT) geht man seit Längerem der Frage nach, wie neue Anbauflächen in der Stadt gewonnen und zur Versorgung mit Lebensmitteln genutzt werden können. Im Visier der Forscher: die Dächer der Stadt. Paradeiser, Radieschen, Salat und Erdbeeren sollen künftig über den Köpfen der Bewohner wachsen.
Neue Lösungen sind gefragt
Moderne
Landwirtschaft verschlingt Ressourcen in großen Mengen. Gesamt gesehen benötigt sie eine Fläche, die etwa der Größe Südamerikas entspricht, und sie verbraucht rund 70 Prozent des weltweit genutzten Trinkwassers. Sie verursacht einen großen Teil der Wasserverunreinigungen und mindestens 20 Prozent des weltweiten Treibstoffverbrauchs. Bis
Lebensmittel beim Verbraucher ankommen, sind sie oft um die halbe Welt gereist. Hinzu kommen Faktoren wie Bevölkerungswachstum, ein steigender Grad der Urbanisierung, Klimawandel und der Rückgang von Anbauflächen. Über eine Milliarde Menschen sind heute von Fisch als Proteinquelle abhängig, hingegen sind 85 Prozent der Weltmeere überfischt oder stehen kurz davor. Kein Wunder also, dass die Idee, Kräuter und Gemüse lokal herzustellen anstatt zu importieren, immer mehr Befürworter findet.
Damit das Konzept in bestehende Gebäude integriert werden kann, müssen neue Materialien und Technologien entwickelt werden. Weil Erde für viele Dächer zu schwer wäre, setzen die Forscher auf Hydrokulturen, also hydroponische Systeme. "Wir haben ein Rinnensystem entwickelt, durch das ein dünner Wasserfilm mit einer Nährlösung rinnt. Der reicht den Pflanzen aus, um mit ihren Wurzeln die Nährstoffe aufzusaugen. Der Vorteil: Der Ertrag ist zehn Mal höher und die Dachlast bleibt gering", schildert Keuter.
Fische helfen beim Gemüseanbau
Versuche mit Aquaponik stellt auch das Projekt Roof Water Farm in Berlin an. In einem Gewächshaus im Hinterhof eines Kreuzberger Wohnblocks wird getestet, ob Grauwasser (Abwasser aus Dusche, Badewanne und Waschmaschine) und Schwarzwasser (Toilettenwasser) so aufbereitet werden kann, dass es zur Aufzucht von Fischen und der Kultivierung von Gemüse verwendbar ist. Grit Bürgow, Initiatorin des Projekts: "Die ersten Ergebnisse zeigen, dass es technisch umsetzbar ist. Das aufbereitete Grauwasser hat Badewasserqualität und schneidet damit besser ab als die meisten natürlichen Flüsse und Seen, in denen geangelt wird. Ziel im nächsten Schritt ist es, diese blau-grüne Infrastruktur auf das Dach zu setzen."
Forschung am Karlsplatz
Lokale Produktion in der Stadt wird auch in
Wien forciert. Seit einem Jahr etwa wird der KarlsGarten betrieben – ein Gemeinschaftsgarten in der Wiener Innenstadt mitten am Karlsplatz. Die 2000 Quadratmeter große Grünfläche steht zur Hälfte den Besuchern als Aufenthaltsraum zur Verfügung. Die andere Hälfte wird bewirtschaftet: Wein und Getreide sprießen hier ebenso wie Mangold oder Kapuzinerkresse. Auch zwei Bienenvölker fanden am Karlsplatz ein neues Zuhause.
"Was die urbane Landwirtschaft betrifft, kann ich mir vorstellen, dass die Idee weiter verbreitet wird – ohne festzulegen, wie viel Prozent über lokale Produktion generiert werden. Würde eine Stadt wie Wien es schaffen, zehn Prozent des Gemüsebedarfs durch lokale Produktion zu stillen, dann wäre sie Vorreiter in Europa", sagt inFarming-Experte Keuter. Derzeit setzen vor allem Technologiekonzerne in Asien auf diesen Trend: Sie bauen ehemalige Chipfabriken zu Indoor-Farmen um und produzieren dort Lebensmittel. All diese Versuche zeigen, dass ein Umdenken stattfindet. Obwohl sich die Zukunft des Verbrauchers nicht vorhersagen lässt – jeder dieser Ansätze liefert einen wertvollen Beitrag für mehr Nachhaltigkeit in der Stadt.
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