Und sie kommen trotzdem ...
Es gibt Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis brennen. Die zu Ikonen werden. Weil sie buchstäblich Unbeschreibliches, Unmenschliches, Unfassbares zeigen. Die Fluchtbewegungen der vergangenen Monate haben eine ganze Reihe an solchen Bildern hervorgebracht.
71 Tote in einem Kühl-Lkw an einem Hitzetag Ende August auf der Ostautobahn. Namenlose.
Eine Woche später liegt ein Dreijähriger mit dem Kopf im nassen Sand am Strand von Bodrum. Alan Kurdi.
Derartige Bilder können gewaltige Wirkung entfalten.
Wenige Tage, nachdem die Bilder des leeren Kühllasters bei Parndorf um die Welt gingen, öffnete Österreich die Grenze zu Ungarn und begann, Flüchtlinge aktiv ins Land zu holen. Die Zeit der "Willkommenskultur" brach an.
Bilder wie jenes des toten Alan Kurdi erhöhten den Druck auf die EU-Staaten, im Mittelmeer nicht nur die Grenze zu sichern, sondern auch die Anstrengungen zu verstärken, in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten.
Kinderaugen erpressen
Aktuell ist – wieder – eine politische Debatte um die Macht der Bilder entbrannt. Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) sagt, Europa – Österreich – müsse die schrecklichen Bilder von den Flüchtlingen, die an der griechisch-mazedonischen Grenze bei Idomeni in provisorischen Zeltlagern ausharren müssen, ertragen. Ja, sie seien, sagt Kurz, sogar notwendig – als Abschreckungsmaßnahme. Als Signal an jene, die noch in Syrien, Afghanistan oder sonstwo sind, und überlegen, sich auf die Reise Richtung Westen zu machen.
"Diese Bilder sind furchtbar", sagte Kurz vergangene Woche in der ARD. "Wir sollten aber nicht den Fehler machen zu glauben, dass es ohne diese Bilder gehen wird."
Alexander Gauland, Vizechef der rechten "Alternative für Deutschland", drückt das, was Kurz sagt, noch deutlicher aus: "Wir müssen die Grenzen dichtmachen und dann die grausamen Bilder aushalten. Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen."
Haben sie Recht? Ist es so, wie Kurz sagt, dass sich Menschen von schlimmen Bildern von der Flucht abschrecken lassen? Würden ohne sie noch mehr Flüchtlinge nach Europa, nach Österreich gekommen?
Illusionen zerplatzen
Ibrahim Khater hatte Glück. Großes Glück. Dreieinhalb Monate war der Familienvater, der in seiner Heimat als Lehrer und Personalmanager arbeitete, von Syrien nach Österreich unterwegs. Er hat es überlebt, konnte mittlerweile seine Familie nachholen. Die Reise war hart, sagt er. Lebensgefährlich. "Aber ich hatte keine Wahl. Es war eine Frage von Leben und Tod. Ich konnte nicht zu Hause in Syrien bleiben." Hatte er vor seiner Abreise Bilder gesehen? Ja, sagt er, er hatte eine ungefähre Vorstellung von Fotos und Fernsehen. Es sei aber eine Illusion zu glauben, dass sich jemand davon abhalten lasse. Denn selbst die schrecklichsten Bilder aus Österreich, aus Ungarn, aus Griechenland oder sonstwo in Europa, "die können Sie doch nicht vergleichen damit, wie es in Syrien aussieht. Da gibt es doch nur noch Bomben und Tod." Ibrahim Khater sagt noch etwas zu Bildern von der Flucht: Sie verfolgen ihn. "Ich träume jeden Tag von der Überfahrt über das Mittelmeer."
Gerald Tatzgern beschäftigt sich seit Langem mit Menschen, die flüchten; mit den Mitteln ihrer Flucht; und auch mit den Gründen. Tatzgern ist im Bundeskriminalamt Leiter jener Abteilung, die die Schlepperkriminalität bekämpft. Fragt man ihn nach der abschreckenden Wirkung schlimmer Bilder, dreht er den Spieß um: "Bilder, die suggerieren, von einem Land eingeladen zu werden, zählen sicher zu den Pull-Faktoren", sagt Tatzgern.
Fotos animieren
Ahmad Abouchaar ist, weil er beide Arten von Bildern im Kopf hatte, die freundlichen und die furchtbaren gleichermaßen, ins Gefängnis gegangen. Abouchaar, ein syrischer Ziviltechniker Anfang dreißig, flüchtete im September mit seiner hochschwangeren Frau und seinem dreijährigen Sohn. Er hatte TV-Bilder davon gesehen, wie Flüchtlinge in Ungarn behandelt wurden. Er kannte die berühmten Bilder von jener ungarischen Kamerafrau, die Flüchtenden ein Bein stellte.
Abouchaar kannte aber auch die Bilder aus Wien, wo für die Flüchtlinge demonstriert wurde. Vom Westbahnhof, wo Flüchtlinge mit Nahrung, Wasser, Kleidung und Medizin versorgt wurden. Für ihn war klar: "Wir müssen nach Österreich, wir können auf keinen Fall in Ungarn bleiben." Und so weigerte sich Abouchaar, den ungarischen Behörden seine Fingerabdrücke zu geben. Fünf Tage lang blieben er und seine Frau – getrennt – im Gefängnis standhaft, ehe die Ungarn sie weiterziehen ließen.
Wer mit Flüchtlingen spricht und mit denen, die sie betreuen, kommt zu einem anderen Schluss als Kurz: Wer in einer Kriegsregion lebt; wer um sein Leben fürchtet; wer gewillt ist, es auf der Flucht zu riskieren – der wird sich nicht von unschönen Bildern abhalten lassen.
Gleichzeitig mögen Bilder von freundlicher Behandlung dazu beitragen, dass Flüchtlinge eher versuchen, nach Deutschland oder Österreich als nach Ungarn oder Griechenland zu kommen. Wobei sie das, sobald sie vor Ort sind, wohl ohnehin tun würden.
Eine Wirkung der Bilder ist unbestritten: Sie animieren zum Helfen. Caritas-Helferin Michaela Sieger, die soeben von der griechisch-mazedonischen Grenze zurückgekehrt ist, sagt: "Seit wir Bilder aus Idomeni veröffentlichen, nimmt das Interesse, freiwillig zu helfen, zu."
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