Politik/Inland

Die Grünen-Angst vor dem Umfrage-Hoch

Wen würde der Eisvogel wählen? Oder die Tanne?, fragen bunte, selbstgemalte Plakate. "Mein Schnizzi ist vegan", steht auf einem anderen. Gereimt wird auch: "Bleibt uns're Energie fossil, ist uns're Zukunft instabil."

Rund 100 Anhänger der Grünen haben sich am Freitagvormittag im Sigmund-Freud-Park in Wien zum "Endspurt zur Klimawahl" versammelt. Die Stimmung ist verhalten - trotz bunter Plakate und obwohl die Umfragen für die Ökos um Spitzenkandidat Werner Kogler zuletzt blendend aussahen.

Alle Inhalte anzeigen

Aber: Gute Umfragen, schlechtes Ergebnis - so die Faustregel, die speziell auf die Grünen zutrifft (eine Ausnahme war die EU-Wahl, da überraschte das Ergebnis von 14,1 Prozent viele). „Wir rennen bis zur letzten Minute“, ist deshalb das Credo der Wahlhelfer.

Und "rennen" bedeutet auch: mobilisieren. Für Aufmerksamkeit sorgen. So kam es, dass im Morgengrauen fünf Grüne einen Baukran vor dem Parlament erklommen haben, um dort ein Transparent zu hissen. "Comeback Klimaschutz" stand da drauf. Die Polizei kam, es wurden die Ausweise überprüft. Eine Strafe wird - wie bei einer ähnlichen Aktion vor der EU-Wahl - nicht erwartet.

Alle Inhalte anzeigen

Leonore Gewessler, Nummer 2 hinter Kogler, sei da oben nachgedenklich geworden, erzählte sie auf der Bühne. "Was wir brauchen, ist Klimaschutz, was wir kriegen, sind Mini-Aktionen. Das Verbot des Plastiksackerls wird uns nicht retten.“

Alle Inhalte anzeigen

Deshalb brauche es die Grünen im Parlament. Der Eisvogel, die Tanne, die Arktis würden sich freuen, scherzt ein Anhänger im Publikum.

"Mit der Spritzpistole vorm brennenden Haus"

Der Applaus, als dann Kogler vor die gute Hundertschaft an Anhängern trat, war - noch immer - verhalten. Der Bundessprecher und Spitzenkandidat dürfte jedenfalls etwas mehr Euphorie gewohnt sein, denn auch er bemühte sich dann, die Menge anzuheizen.

In der Hand hielt Kogler ein Schild: „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“, stand da drauf. Den alten Slogan der Grünen-Gründungszeit rief er dem Publikum dann auch zu, um es zu erinnern, worum es immer gegangen sei: Die Grünen seien gegründet worden für Klimaschutz, aber auch für Gerechtigkeit, für Solidarität. 

Alle Inhalte anzeigen

„Einen glaubwürdigen, engagierten, durchaus auch kompetenten Klimaschutz, den kriegst du in der Regel nur mit den Grünen“, sagte Kogler und betonte damit einmal mehr, dass die Konkurrenz im Wahlkampf, die sich zuletzt um das Thema angenommen hatte, nicht die richtigen, die radikalen Antworten habe. Die anderen Parteien seien schlicht "zu feig".

"Und die Bundespolitik erweckt den Eindruck, mit einer Spritzpistole vor einem brennenden Haus zu stehen“, sagte er, das Plakat mittlerweile auf den Boden gestellt, sich lässig darauf abstützend. 

Kogler: "Also, vorwärts"

Inhaltlich betonte Kogler außerdem seine Überzeugung, dass Umweltschutz, Gerechtigkeit und Wirtschaft unter einen Hut zu bringen seien. Diesen wolle man auch dem Parlament aufsetzen, „weil sonst ist es ein bissl nackert“.

Alle Inhalte anzeigen

Und auch gegen die „Neigungsgruppe Korruption und Rechtsextremismus“ stelle man sich. Kogler: „Wir sind nicht käuflich, wir sind nur wählbar.“

Damit lehnte er sich - bewusst oder unbewusst - an jenen Slogan an, den auch der Ex-Grüne Peter Pilz im Wahlkampf mit seiner Liste Jetzt trommelt. An dessen Wähler richtete Kogler dann auch einen Appell: Sie sollten nicht jemandem seine Stimme zu geben, der mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit gar nicht ins Parlament kommen werde.

Grüne im FPÖ-Revier

Aber auch die eigene Lage spitzte Kogler nochmals zu: Umfragen hätten ihnen schon immer geschadet. „Deshalb nicht herumspekulieren, nicht taktieren, sondern: wählen gehen!“

Bis Samstagnacht will man laufen. Vom Wiener Oktoberfest über die Wiener Märkte und auch im zehnten Bezirk will man vertreten sein. „Wir werden einmal dezent am Viktor-Adler-Markt vorbeischauen“, sagt er über den traditionell von Blauen besetzten Platz in Wien-Favoriten. Erst da lachten die ersten, der Applaus wird etwas lebendiger.

„Also, vorwärts!“, sagte Kogler zum Schluss. Und zog mit grünen Aktivisten weiter zur "Earth Strike"-Demo, die heute weltweit stattfindet.

Alle Inhalte anzeigen