Montag beginnt die Suche

Ein britischer Forscher denkt, dass hinter der Grabkammer Tutanchamuns die Grabstätte der Nofretete liegen könnte. Anfang kommender Woche beginnen erste Sondierungen.
Besucher betrachten die Büste der Nofretete in einem Museum.

Noch ist Nicolas Reeves recht entspannt: "Das, was am Montag passiert, ist eine Begehung des Grabes von Tutachamun, gefolgt von einer Pressekonferenz, in der umrissen wird, wie es weiter gehen soll. Vorläufig also kein Grund, die Luft vor Aufregung anzuhalten", lässt er auf Anfrage des KURIER wissen. Trotzdem: Die archäologische Welt ist in Aufregung, will sich am 28. September doch eine Expedition von Wissenschaftlern um den britischen Ägyptologen im Tal der Könige nahe der ägyptischen Stadt Luxor auf die Suche nach der Grabkammer der Nofretete machen.
In neuen, hochpräzisen Oberflächenaufnahmen zweier Wände der Kammer mit dem Kürzel KV62 fand Reeves Linienstrukturen, in denen er zugemauerte Durchgänge erkannt haben will. Doch damit nicht genug: Reeves vermutet hinter der bemalten Nordwand einen Korridor, der genug Platz für einen großen Sarkophag böte. Dem der „Nofretete selbst, der gefeierten Gattin, Mitregentin und späteren Nachfolgerin von Pharao Echnaton“, wie Reeves schreibt (der KURIER berichtete).

Reeves begründet seine Theorie gut. So sei der vermutete Gang die exakte Fortführung des Korridors in der Grabkammer Tutanchamuns. Auch scheint die Nordwand später bemalt worden zu sein als die übrige Raumdekoration. Reeves zufolge deshalb, weil sie durch das Zumauern erst nachträglich entstand.

Lob und Kritik

Experten schätzen Reeves als seriösen Wissenschafter. „Er ist ein wirklich guter Ägyptologe, der zu den größten Kennern des Tals der Könige gehört“, sagt sein belgischer Kollege Harco Willems. Seiner Ansicht nach hat Reeves handfeste Hinweise für seine Theorie gefunden. „Was er auf den Bildern sieht, sehe ich auch. Es scheint mir außer Frage zu stehen, dass da zwei Türen sind.“
Zwei zugemauerte Durchgänge also. Eine zu einer kleineren Kammer. Die andere - womöglich - zu einer Legende der Amarnazeit. Aber warum soll es gerade Nofretete sein, die seit Tausenden von Jahren hinter der berühmten Wandbemalung ruht?
Der Theorie zufolge verbirgt sich hinter dem Namen von Tutanchamuns Vorgänger, Semenchkare, niemand anderes als die nach dem Tod ihres Gemahls Echnaton zur Herrscherin aufgestiegenen Nofrete. Ihre Grabkammer sei nach dem plötzlichen Tod Tutanchamuns hastig für diesen umgebaut und der Raum mit ihrem Sarkophag eingemauert worden. Nofretete als direkte Vorgängerin ihres Stiefsohns Tutanchamun: Eine unter Ägyptologen umstrittene These.
So spektakulär sich Reeves Theorie zum Inhalt der vermuteten Kammern auch anhört: „Dazu gibt es erstmal null Hinweise“, erklärt Willems. Seiner Ansicht nach könnte es sich bei den Räumen eher um weitere Kammern mit Grabbeigaben für Tutanchamuns Reise ins Jenseits handeln.
Andere Ägyptologen zweifeln an der gesamten Theorie. Frank Müller-Römer von der Universität München fragt in einer Gegenschrift: „Warum sollten auch nur die [von Reeves beschriebenen] Umrisse einer Vermauerung und nicht auch Strukturen einzelner Steine erkennbar sein?“ Schließlich stelle sich ebenso die Frage, warum vor der Veröffentlichung des Aufsatzes keine Messungen, zum Beispiel mit Hilfe von Radar, in KV62 durchgeführt wurden.
Diese Untersuchungen sollen am Montag nachgeholt werden und erste Erkenntnisse darüber bringen, was sich hinter der Nordwand des Pharaonengrabes befindet. Nofretete wäre allerdings erst dann zweifelsfrei gefunden, wenn im Gestein des Tals der Könige ein Raum mit einem Sarkophag gefunden würde, der ihren Namen trägt - nichts, was eine Radarmessung leisten könnte.
Doch selbst wenn die Ergebnisse der Messungen die Theorie um das Grab der Nofretete widerlegen sollten, auch der Fund von kleineren Kammern wäre noch immer eine archäologische Sensation. Enttäuschend wird es erst, wenn die Risse in der Wand einfach nur Risse in der Wand sind.

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