Kultur

Seberg: „Der Mensch ist eine ganz normale Fehlleistung“

KURIER: Ihr neues Programm, Seberg „Off Music“ …

Gregor Seberg: Ah so, so heißt das? Ich sage es immer anders. Das entspricht meiner Hippieness. Früher bin ich aufgetreten und der Veranstalter begrüßte mich: „Endlich a Kabarettist ohne Gitar’!“ Der Widerspruchsgeist in mir hat gesagt: „Na woart!“ Ich glaube, der Wunschtraum eines jeden Schauspielers ist es zu singen.“

Können Sie singen?

Ich kann nicht singen. Die Musiker in der Band sagen, ich kann es, weil sie höflich und gut erzogen sind. Der Abend handelt ja vom Scheitern. Mein geheimer Untertitel ist: „Es gibt immer einen, der besser singt als Du.“ In meinem Fall ist der eine – alle. Es hat auch eine inhaltliche Folgerichtigkeit. Wenn Meine Außenministerin nicht sparsam heiraten kann, dann kann ich auch singen.

Haben Sie noch einen Vergleich parat?

Wenn mir mein Bundeskanzler erklären will, dass die Sozialpartnerschaft deshalb geschwächt wird, weil es für das Land gut ist, ich aber glaube, dass es für die, die ihn finanziell unterstützen, gut ist, damit er viel länger ganz fest im Sattel sitzen kann, dann kann ich sagen: „Wenn ich das glauben soll, dann kann er glauben, dass ich gut singen kann.“ Ich kann auch sagen: „Warum bauen Japaner dort Atomkraftwerke, wo es ein Erdbeben gibt?“ Der Mensch ist so. Wir sind zu deppert für die einfachsten Dinge.

Aber es sind doch nicht alle deppert?

Ich habe die Theorie – es hat schon vor Mozart begonnen – dass Menschen wie Mozart und andere Könner Erfindungen sind, damit die Menschen das Gefühl haben: „Scheiße, schon wieder einer, der es besser kann“. Und dadurch nicht größenwahnsinnig werden. Ich glaube, Menschen könnten mehr als sie von sich selbst glauben. Aber es wird ihnen immer jemand vorgesetzt, der es dann besser kann. Das ist wichtig, denn nur so kannst du eine Masse an Menschen zähmen. Der Mensch ist eine ganz normale Fehlleistung.

 

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Woran machen Sie das fest?

Die Menschen feilen ununterbrochen an sich. Deshalb gibt es so viele Feilangebote. Und am Abend denkst Du Dir dann vor dem Spiegel, nachdem Du vier von 16 Stunden an Dir gefeilt hast: „Meine Zahnbürste ist sexyer als ich.“

Wann kam diese Erkenntnis?

Bei mir sehr früh. Ich musste als Kind die Blusen meiner Schwester tragen. Die waren gelb und hellblau mit Rundkragen. Und der Weg von der Rundkragen-Bluse zum Bandenchef ist quasi unmöglich. Und: Ich durfte nicht nass nach Hause kommen. Deshalb habe ich so eine g’schissene Haubn und als Regenschutz einen Knirps bekommen. Wenn Du also mit Rundkragenbluse, Haube und Knirps als Achtjähriger im Kampf der Geschlechter mitmischen willst, dann weißt Du, wo Dein Platz ist. Ich bin wenigstens Vizebandenchef geworden. Wenn mich jetzt eine hübsche Frau anspricht, dann stehe ich heute noch in der Sekunde im Regen und habe einen Knirps in der Hand. Den seelischen Knirps strahlst Du ja aus.

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Ist das mangelndes Selbstbewusstsein?

Ich kann mich noch erinnern, die Kinderärztin hat zu meiner Erziehungsberechtigten gesagt, in der Annahme, dass ich es nicht höre: „Aus dem wird nix. Der wird immer krank sein.“ Heute leide ich nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein, aber es wurde mir nicht in die Wiege gelegt.

Stärkt Ihr Erfolg das Selbstwertgefühl

Vielen Dank für das Lob vom Erfolg, aber vielleicht verwechseln Sie mich.

Hören Sie auf mit dem Tiefstapeln!

Du musst nur einmal um die Ecke gehen und schauen: Es gibt keinen Grund abzuheben. Weil die vielen Schicksale, die ich nicht erleide, ziehen mich trotzdem gnadenlos runter. Die Schicksale sind Menschen, die vollkommen ungerecht zu kurz kommen, die unbegründet aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Mein inneres Unwort ist Asyl. Das hat schon was ganz Negatives, hatte aber einmal eine ganz positive Bedeutung. Solange es Menschen gibt, die bewusst an einen Rand gedrängt werden, damit es überhaupt einen Rand gibt, damit die, die nicht ganz hinauf wollen, auch merken, sie sind nicht ganz unten – also ruacheln, solange diese Menschen gezwungen werden, ein Scheiß-Leben zu leben, kann man gar nicht abheben. Es sei denn, man glaubt, man ist Gott und Gott lebt oben.

 

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Wirtschaft und Politik sagen, es geschehe sehr viel, um den Ungerechtigkeiten entgegenzuwirken. Falsch?

Wir reden immer von Fortschritt, in Wahrheit heißt das, dass es für eine ganz kleine Gruppe von Menschen gut wird. Die Wirtschaft ist für alle – wird aber von ein paar für alle gemacht. Eine Regierung, die auch für alle da ist, ist aber nur von ein paar wenigen besetzt. Die „alle“ sind beispielsweise nicht gefragt worden, ob sie 653.409 verschiedene Handymodelle wollen, damit man sich nicht mehr auskennt. Es gibt Menschen, die kaufen sich um 1000 Euro ein Handy, damit sie für 5 Minuten den Erfolg haben, um zu sagen: „Des hast aber net.“

Ist die Bühne Ihr Ventil, um so etwas sagen zu können?

Das ist natürlich ein Antrieb. Sonst bist Du Lohnsklave und Diener anderer. Ich habe das Gefühl, diese Machtgeilheit, die vollkommene Undifferenziertheit und der Glaube von manchen, sie könnten auf dem Rücken von vielen nach oben schreiten, hört nicht auf. Dieser Baum wächst. Wenn wir Menschen nicht, wenn wir auch nicht Teil dieses Baumes sind, ihn von unten anpinkeln, dann stinkt es nicht mal nach oben. Es muss aber nach oben stinken.

Stinkt es derzeit?

Es gibt eine Szene in meinem Programm, die in einem Innenministerium spielt, damit man endlich weiß, warum Meldungen rausgehen, die man so nicht wollte. Es gibt einfach Menschen, die haben ein Pferd als Mitarbeiter. Und dann kann es schon sein, dass ein Pferd etwas auslässt als Mitarbeiter. Und Pferde können übrigens Mails schreiben. Wenn man den Geist von Waldheim in sich trägt, dann weiß man, dass Pferde für vieles gut sind.

 

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Früher war vieles besser oder schlechter?

Ich glaube, etwas aus den 50er-, 60er-Jahren rettet sich bis ins Heute hinüber: „Die dort oben – und wir.“ Das wird uns auch eingebläut. Wir müssen immer Respekt haben vor „denen da oben“. Politiker reden auch immer gerne von Links- und Rechtsterrorismus oder –radikalen. Von welchen Linksradikalen reden wir? Wenn Du mir die zwei, die es gibt, aufzählen kannst, dann rede ich mit Dir. Es gibt keine Linksradikalen.

Sondern?

Seit Jahrhunderten gibt es Menschen, die auf meine Kosten Buffets leer essen und seit Jahrhunderten dasselbe sagen. Wir haben vergessen: Ein Politiker ist vom Bürger entsandt, um meine Interessen zu vertreten. Und nicht, damit der Bürger kuscht und aufsteht, wenn der Politiker bei der Türe hereinkommt. Eigentlich ist es blöd, dass wir über Politiker reden, denn sie sind nur am anderen Ende der Leine von der Wirtschaft.

Was gibt Ihnen Zuversicht?

Man kann sich im Supermarkt ein Packl abgelaufene Wurst kaufen und der Wurst sagen: „Dich überlebe ich auch noch.“ Ich kann auch in tiefe Trauer verfallen. Es gibt kein probates Mittel, das mich aus dem Sumpf zieht. Teil des Glücksgefühls ist sicher das Unglücksgefühl.

Hilft Musik?

Ich höre ständig Musik im Kopf. Gott sei Dank höre ich nicht Stimmen sondern Instrumente. Das ist kein Heilsmittel. Man kann auch etwas lesen und sich denken: „Ein gescheiter Mensch.“

Was Gescheites haben Sie zuletzt gelesen?

Dass der GAK Tabellenführer in der Regionalliga Mitte ist. Das ist einfach gescheit für die Geschichte des Fußballes. Das ist allerdings nur eine kurze Zeit persönlicher Befriedigung.

Lassen Sie sich insbesondere von der Umwelt für Ihr Programm inspirieren?

Ein Freund hat einmal zu mir gesagt, er möchte ein Reisemagazin mit mir machen, weil alle Trotteln, nein, alle interessanten Menschen, versammeln sich um mich. Eigenartig, ich ziehe die magisch an. Die Vielfalt, die uns die Evolution zur Verfügung stellt, führt nicht dazu, dass wir etwas nachhaltig Gutes daraus machen.

Nennen Sie uns ein Beispiel!

Wenn man weiß, dass Bauern auf Feldern mit ein paar Grünstreifen mehr kein Insektenproblem hätten, aber sehenden Auges nichts getan wird, dann fragt man sich. Die Gletscher schmelzen jetzt wirklich. Wir verhalten uns so: Sagt einer: „Wenn Du den Schnaps jetzt noch trinkst, dann bekommst Du eine Leberzirrhose.“ Sagt der andere: „Auf den Schock hin, da muss ich einen Schnaps trinken.“ So ist der Mensch.

Steuern wir auf den Untergang zu?

Diesen Alarmismus habe ich nicht. Ich glaube, das Ende der Menschheit sieht so aus, dass lauter Irre herumlaufen. Jetzt dürfen die Irren, die man hegen und pflegen sollte, dort lassen sollte, die dürfen jetzt zum Teil regieren.

Wie wird es Ihrem Sohn in Ihrem Alter gehen?

Ich glaube, dass mein Sohn es nach meinen Maßstäben, beschissener haben wird im Alter. Ich glaube, dass es noch mehr Regularien geben wird, dass es noch ungerechter wird.

Zur Person:  Der Grazer (51) studierte Schauspiel am Konservatorium der Stadt Wien, moderierte „Talk Radio“ auf Ö3 und spielte von 2006-2017 in der TV-Serie „Soko Donau“.

Tour & TV: Mit seinen Kabarett-Programmen „Off Music. Protestsong, Schlager, Blues. Erlaubt ist, was Spaß macht!“, „Honigdachs“ und „Wonderboi“ steht Seberg auf den Kleinkunstbühnen Österreichs. www.gregorseberg. at. Am 9.11. ist der  Ex-„Soko Donau“-Star mit „Der kleine Staatsbesuch – Seberg bei den Spaniern“ um 20 Uhr 15  in Orf Eins zu sehen.