Kolumnen

Paaradox: Putzig

Sie

Ein Frühling mit Anlaufschwierigkeiten. Erst so viel Wind, dann  eher kühl, schließlich ein Mann gegenüber, der trotz verdreckter Terrasse prokrastiniert, O-Ton: Was ich heute hab’ geputzt, ist morgen eh bald wieder verschmutzt. Daher lautet seine Devise: Lass mas lieber! Beziehungsweise: Heute nicht, eher morgen oder überübermorgen. Abgesehen davon, dass der Reim holpert, bin ich davon überzeugt, dass ein Reinigungsprozess Mitte August einen Hauch zu spät ist. Also gab ich den Lockvogel und lud ihn vergangenen Samstag zu Kipferl, Kaffee und Kärcher.

Wenn du schon da bist ...

Letzteres erfuhr er natürlich erst, als er sich das Zipferl vom Kipferl in den Mund schob und seine Nase in die Sonne reckte, um Frohsinn zu schnuppern. Der optimale Zeitpunkt für mein Anliegen:  „Äh, wenn du schon da bist, könntest du doch gleich die Terrasse säubern,  Schatzi.“ Sodann verwies ich auf den Hochdruckreiniger und reichte Gartenhandschuhe für die zarte Männerhand. Wer kann da schon widersprechen? Er nicht. Also erhob er sich seufzend, um als „Kerl mit fauchendem Arbeitsgerät“ zunehmend mehr Lust am Tun zu entwickeln. Ja, je länger er putzte, desto zufriedener schien er: Ich gebe es zu, schon schön zu sehen, wie sich Schirches in Schönes verwandelt. Ich sagte nichts, dachte jedoch über den therapeutischen Aspekt seines Tuns nach. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass Putzen im Buddhismus als spirituelle Übung gilt, mit der man sowohl seinen Geist als auch sein Leben säubern kann. Und so reichte ich ihm –  kaum war sein Kärchermeister-Werk vollendet – Rechen, Schaufel und Handbesen. Möge sein Geist  im Hier und Jetzt Klarheit erfahren! Den kleinen Zusatz „So kommst du wenigstens nicht auf blöde Gedanken“ behielt ich allerdings eher für mich, stattdessen murmelte ich das Mantra vom krachkalten Bier nach getaner Arbeit. Worauf ich meinen Putzteufel beim freudigen Fegen zuschauen konnte und sogar vernahm, dass er ein Liedchen pfiff.

gabriele.kuhn@kurier.at facebook.com/GabrieleKuhn60  

Er

Es beginnt  damit, dass meine Frau ein dramatisch prägendes Jetzt-oder-nie-Gen besitzt. Diese fast ungeduldige Entschlossenheit stellte mich im Laufe unserer Ehe vor zahllose Herausforderungen. Was vor allem daran liegt, dass bei mir an gleicher Stelle das Eh-aber-später-Gen eingebaut ist. Das führte einst dazu, dass wir in eine heftige Auseinandersetzung gerieten, weil sie eine lange ausgemachte Entrümpelung am Tag X unbedingt durchziehen wollte, obwohl es 35 Grad hatte und ich in meinem Schattendasein einen inneren Kampf führte, ob ich mich überhaupt zum Bierholen überwinden solle. Egal. In solchen Situationen will sie nicht hören: „Das Klumpert hat so lange gewartet, jetzt kommt’s auf ein paar Tage mehr auch nimmer an.“ So ein Verschieben verleitet sie zu einem speziellen Fatalismus: Ich seh’ schon, das wird nie was.

Akutfall

In diesem Sinne verhandelten wir auch die Notwendigkeit des Kärcherns. In ihrem Kopf hatte sich just dieser eine Tag als perfekter Zeitpunkt manifestiert, vermutlich stand gerade Sprüh-Saturn im günstigen Sextil zum Putz-Pluto. Sie offenbarte mir ihren Plan, der zu meinem Plan werden möge, listig in wohliger Frühstücksatmosphäre. Ich sagte: „Schatzi, es ist Mitte März!“ In einer strategischen Bestimmtheit, die ihr suggerieren sollte, den Hochdruckeinsatz als Akutfall zu überdenken. Sie dachte auch tatsächlich darüber nach. Und zwar gefühlt 1,7 Sekunden lang. Ehe sie antwortete: Naja, zu Mariä Himmelfahrt braucht man’s dann auch nicht mehr machen. Das „man“ als Synonym für das „du“ überhörte ich gelassen und sprach: „Äh, dazwischen gibt’s ja auch noch was, und zwar geschätzte 150 Tage.“ Ihre Reaktion? Der mir so vertraute Aber-erledigt-ist-erledigt-Blick! Also machte ich ihr die Freude. Und ehrlicherweise auch ein bisserl mir selbst. Weil als mächtiger Kärchermeister habe ich durchaus einen Lustgewinn – und gnä Kuhn wie so oft in liebevoller Süffisanz das letzte Wort: Na schau!

michael.hufnagl@kurier.at  facebook.com/michael.hufnagl9