"Ich weiß, der Oliver kommt wieder"

Seit einem Jahr kämpft Marion Weilharter um ihren Sohn: Er wurde vom Vater ins Ausland gebracht.
Eine Frau umarmt einen Jungen, dessen Gesicht unkenntlich gemacht wurde.

Ich war bei der Schuleinschreibung. Ohne Kind. Aber ich will, dass er einen guten Platz hat, wenn er wieder da ist“, erzählt Marion Weilharter.

Doch Oliver ist in Dänemark, ohne seine Mutter: Heute ist es ein Jahr her, dass Olivers Vater Thomas S. den damals Fünfjährigen nach Dänemark brachte. Seither kämpft Weilharter vor Gerichten und mit einer Petition an das EU-Parlament um die Rückkehr ihres Sohnes. Morgen muss sich S. erneut wegen des Verdachts der Kindesentziehung vor Gericht verantworten: Das erste Urteil (ein Jahr bedingte Haft) wurde wegen eines Formalfehlers aufgehoben.

KURIER: Wie geht es Ihnen?
Marion Weilharter: Das lässt sich mit Worten nicht beschreiben. Jeder Tag ist der gleiche Albtraum. Ich funktioniere, wenn ich funktionieren muss. Aber der Oliver hat nur mich. Wenn ich nicht stark bleibe, wer dann?

Oliver ist seit einem Jahr in Dänemark. Wie oft hatten Sie seither mit ihm Kontakt?
Drei Mal auf Skype. Zuletzt am 27. Dezember, seinem sechsten Geburtstag. Telefoniert haben wir am 7. Februar, aber seither hab’ ich null Kontakt. Ich rufe täglich drei, vier Mal an, aber Olivers Papa hebt nicht ab. Ich weiß nicht, wo der Oliver ist, ob er gesund ist.

Sie haben Oliver einmal in Dänemark gesehen. Warum besuchen Sie ihn nicht öfter?
Würde ich nach Dänemark reisen, wäre ich nicht sicher. Olivers Vater braucht nur mit den Fingern zu schnippen und mich anzeigen, dass ich das Kind entführen will.

Könnten Sie sich ein geteiltes Sorgerecht vorstellen?
Ich habe die internationale Obsorge, Olivers Vater hat nur die in Dänemark. Ich hab’ als Ausländerin aber in Dänemark überhaupt keine Rechte, nicht einmal Besuchsrecht. Deshalb ist das keine Möglichkeit. Ich hab’ auch nie das Obsorgerecht verletzt, die Obsorge lag immer bei mir. Außerdem ist Oliver österreichischer Staatsbürger. Jetzt ist er ein Gefangener des Königreichs Dänemark und des Herrn S.

Worauf begründen Sie die Hoffnung, Oliver wieder nach Graz zu bekommen?
Ich vertraue auf die internationalen Behörden und meine Stärke als Mutter. Ich werde nie aufgeben. Der Oliver kommt wieder. Ich weiß nicht den Tag, aber er kommt wieder.

17. Juli 2010 Marion W. verlässt Dänemark und zieht mit Oliver nach Graz.

22. Oktober 2010 S. bekommt in Dänemark das Obsorgerecht.

18. April 2011 Der österreichische Oberste Gerichtshof verweigert S. die Anerkennung seiner Obsorge. In Österreich hat W. das Sorgerecht.

3. April 2012 Marion W. bringt Oliver in den Kindergarten in Graz-Eggenberg. Dort wartet bereits Thomas S. mit einem Begleiter: Sie schnappen Oliver und flüchten.

4. April 2012 Gegen S. wird ein europaweiter Haftbefehl erlassen. Das Fluchtauto wird gefunden.

5. April 2012 S. stellt sich den dänischen Behörden.

8. April 2012 Oliver darf erstmals mit seiner Mutter telefonieren.

11. April 2012 W. beantragt die Rückführung ihres Sohnes bei Gericht.

18. Juni 2012 Der EU-Haftbefehl gegen S. wird aufgehoben.

4. Juli 2012 Die Staatsanwaltschaft Graz bringt den Strafantrag gegen den Dänen ein.

4. bis 6. September 2012 Das Bezirksgericht Helsingör in Dänemark weist den Antrag auf Rückführung des Kindes nach Österreich ab.

25. September 2012 Prozess gegen S. wegen schwerer Nötigung und Freiheitsentziehung in Graz. Olivers Vater wird erstinstanzlich zu einem Jahr bedingter Haft verurteilt. Das Urteil wird später aufgehoben.

22. Dezember 2012 Ein dänisches Gericht entscheidet in zweiter Instanz, dass der mittlerweile sechsjährige Oliver nicht nach Österreich zurückgebracht werden muss. Die Mutter kündigt an, sich an das dänische Höchstgericht wenden zu wollen.

17. Jänner 2013 Der Oberste Gerichtshof (OGH) weist einen außerordentilchen Revisionsrekurs von S. ab. Das alleinige Sorgerecht für den Buben bleibt daher weiter bei der Mutter.

4. April 2013 S. steht fast genau ein Jahr nach der Entführung in Graz erneut vor Gericht.

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