Chronik/Niederösterreich

Amoklauf-Prozess: "Es sollen alle sterben"

Mario S. ist ein unauffälliger junger Mann. Er wirkt jünger als 18 Jahre. Auch wenn ihn die psychiatrische Sachverständige Gabriele Wörgötter noch deutlich jünger in Erinnerung hat. "Er ist gereift", sagt sie. Im vergangenen Mai stellte er sich mit einer Schrotflinte vor das Schulzentrum Mistelbach. Es sollte ein zweites Columbine-Massaker  (Amoklauf an einer US-Highschool mit 13 Toten, Anm.) werden. Doch nach dem ersten Schuss, mit dem er einen 19-Jährigen traf, verklemmte sich eine Patrone in der Waffe.

"Die Welt wäre so viel besser, wenn alle tot wären", schrieb er zuvor in sein Tagebuch. Und auch: "Ich hasse jeden, der die Welt bevölkert. Es sollen alle sterben. Ich kann es nicht erwarten, jeden Menschen, der mich verarscht hat, zu erschießen." "Ich bin heute schockiert, dass ich so gedacht habe", sagt er im Landesgericht Korneuburg. "Es tut mir alles extrem leid." Sein Opfer, das durch mehrere Schrotkugeln schwer verletzt wurde, wird das nicht hören. Die Anwältin des Opfers empfindet eine Entschuldigung als Zumutung.

Die Geschichte von Mario S. ist die eines klassischen Schul-Amokläufers, wie die psychiatrische Gutachterin Gabriele Wörgötter wenig später sagen wird. "Für seine Umgebung war er besonders unauffällig bis zum Tatgeschehen. Niemand hat bemerkt, was sich unter seiner Oberfläche abgespielt hat. Weder in der Schule, in der Familie noch beim Bundesheer, wo er psychologisch untersucht worden ist."

 

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S. fühlte sich ausgegrenzt, von seiner Umwelt nicht verstanden, minderwertig. Seine Mitschüler hänselten ihn, seine Bundesheer-Kameraden lachten ihn aus, als er ihnen anvertraute, Berufssoldat werden zu wollen. Ein halbes Jahr lang war S. selbst Schüler im Schulzentrum. Seine Erinnerungen daran sind schlecht. "Ich wurde nicht akzeptiert, so wie ich bin. Ich hatte schlechte Noten. In der Familie hat niemand meine Probleme ernst genommen." Auch zur Verhandlung sind etliche Schüler gekommen. Sie kennen den jungen Mann nicht, besuchen den Prozess im Rahmen ihres Rechtunterrichts. "Interessant", sei dieser Fall. "Gruselig", beschreiben sie.

Irgendwann blieb S. einfach daheim, versuchte eine Lehre. Doch auch hier scheiterte er. Beim Bundesheer, so schilderte seine Mutter, blühte er auf.  Doch nur äußerlich. Auch dort fühlte er sich nicht wohl und gemobbt.

Er wollte sich rächen. An allen. Er kaufte eine Waffe und 25 Schuss Munition. Dann setzte er sich in die Öffis und fuhr zur Schule. Als ein 19-Jähriger, den er noch nie zuvor gesehen hatte, das Gebäude verließ, drückte er ab. Aus der Hüfte. "Nach dem Schuss bin ich zur Besinnung gekommen. Ich wollte mich mit dem nächsten Schuss selbst töten. Aber dann hatte die Waffe eine Ladehemmung", erzählt er. Sein Opfer sah den Schützen nicht. "Ich wurde wie aus dem Nichts angeschossen. Ich habe geblutet, bin wieder in die Schule gelaufen und habe um Hilfe geschrien."

S. leidet an einer schweren kombinierten Persönlichkeitsstörung. "Das lässt sich nicht durch Medikamente behandeln", sagt Gutachterin Wörgötter. "Dafür braucht es eine intensive Psychotherapie." Für den 18-Jährigen sei die Tat eine Identitätsfindung gewesen. "Die Suche nach seiner Identität muss intensiv und verzweifelt gewesen sein." Er müsse bereit sein, sich seinen dunklen Seiten zu stellen. "Solange er selbst nicht versteht, warum er diese Tat begangen hat, ist er gefährlich." Die Sachverständige empfiehlt deshalb eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher.

Urteil: Sechs Jahre Haft plus Einweisung; nicht rechtskräftig.

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