Wohnen
10.06.2018

Wohnen in Paris: Savoir vivre auf 16 m²

Wie wir von 100 auf 16 Quadratmeter gezogen sind und dabei wie Gott in Frankreich gelebt haben. Ein Erfahrungsbericht.

Der erste Anblick war schon etwas beklemmend. Es war nach Mitternacht und der Taxifahrer hatte uns gerade noch zur tollen Gegend gratuliert, eine kleine Gasse mitten im Marais, zweifelsohne eines der charmantesten Viertel von Paris: Zwischen kleinen Kunstgalerien und jüdischen Bäckereien, schicken Boutiquen – ja ok, es ist Paris – und dem Centre Pompidou.

Nachdem wir unser Gepäck die sechs Stockwerke durch das schmalste Stiegenhaus der Welt über schiefe Treppen hinauf gehievt hatten, standen wir vor einer blitzblauen Tür. Schon beim Aufsperren, und nur im schummrigen Schein des Ganglichts, hatte man das Gefühl direkt vor einer Wand zu stehen oder maximal in einem sehr engen Vorraum. Es sollte unser Wohnzimmer samt Küche und Dusche sein. Die Toilette war am Gang – darauf waren wir vorbereitet.

16 Quadratmeter auf zwei Etagen, zehn unten, sechs oben – in Wien waren es 100. „Aber immerhin Paris“, versuchten wir uns gegenseitig aufzubauen und trösteten uns noch in derselben Nacht mit einer Nutella-Crêpe vom Standl am Eck. Selbst die Eigentümerin hatte bei Unterzeichnung des Mietvertrages das Bedürfnis, uns zu warnen, waren wir doch Größeres gewohnt. „Nicht, dass ihr euch am Schluss noch trennt“, scherzte sie. Da fiel mir die Nummer ein, die mein Mann vor nicht allzu langer Zeit mit einer Sängerin aufgenommen hatte, mit dem Titel „Paris“. Und es ging nicht um eine romantische Amourette in der Stadt der Liebe, sondern es war ein Trennungssong. Aber bereits am nächsten Morgen – das erste Aufwachen in der neuen Wohnung – wurden wir vom morgendlichen Sonnenlicht, das durch die schrägen Dachfenster fiel und die Holzbalken unseres Kabäuschens zum Strahlen brachte, für alles entschädigt. Den Blick über die Dächer von Paris werde ich mit Sicherheit nie vergessen.

Freiheit und Lebensfreude auf 16 Quadratmeter. Und die feierten wir regelmäßig. Umgeben von einer Vielzahl an Wein-, Käse-, Obst- und Gemüsehändlern kochten wir regelmäßig auch für unsere Freunde auf. Und bald hatte sich herausgestellt, dass bereits mehrere Leute, die wir im Laufe der Zeit kennenlernten, bei unterschiedlichen Festen in unserer Wohnung zu Gast waren. Und auch wir feierten Partys – ja, auf 16 Quadratmeter, und keine schlechten. Relativ schnell wurde uns klar, wie intelligent hier alles eingerichtet war und wie wenig man in Wahrheit braucht. Wer keinen Geschirrspüler hat, dem reicht wenig Geschirr. Und ohne Waschmaschine türmen sich keine Wäscheberge. Man wird irgendwie disziplinierter. Was man sonst wochenlang liegen lässt, wird sofort erledigt, weil man sich sonst nicht mehr bewegen kann. Nach Heimkehr folgte eine große Ausmistaktion. Wir wollten uns nicht mehr mit so viel Zeug umgeben, selbst jetzt, wo wir genug Platz hatten.

Das mit dem Platz ist überhaupt so eine Sache in Paris. Das Phänomen, dass Restaurant-Tische so eng an einander gereiht sind, dass man sie vorziehen muss, um auf der Bankseite Platz nehmen zu können, ist keine Seltenheit. Auch in der Metro sind die Menschen irgendwie besser imstande, sich Tetris-mäßig im Inneren des Wagons hin und her zu schieben. Überhaupt wirken die Bewegungen der Pariser und Pariserinnen fast choreografiert. Und weil begrenzter Wohnraum in Paris einfach Standard ist, spielt sich ein Großteil des Lebens auf der Straße ab. Auch im Winter, denn man kann unter den umwelttechnisch äußerst bedenklichen Heizpilzen wunderbar lange Abende mit rauschigen Gesprächen über Philosophie, Musik und Kunst führen. Was wie ein schreckliches Klischee klingt, habe ich als beglückende Tatsache erlebt.

In Wien gibt es einen Ort, der sich ein wenig wie Paris anfühlt. Die Laternen haben hier ein anderes Licht und das Kopfsteinpflaster ist herrlich unregelmäßig. Alles ist etwas weniger reglementiert, aber herrlich charmant. „Sous les pavés, la plage!“ (Unter dem Pflaster, der Strand), skandierten die Studenten 1968 in Paris. Das ist jetzt genau 50 Jahre her. Und ich habe nun auch in Wien einen Platz zum Träumen gefunden.