Unter einem Dach: Mehrfamilien­häu­ser

Ein Mehrfamilienhaus macht aus vielen Gründen Sinn. Zwei Beispiele zeigen, wie man Privatsphäre, gemeinsames Wohnen und gute Architektur verbindet.

Gibt es wirklich nur zwei Alternativen: Einfamilienhaus um jeden Preis oder gar nicht? In den letzten Jahren scheint sich eine Möglichkeit aufgetan zu haben, die auch aus ökologischer Sicht Sinn macht: Das Mehrfamilienhaus.

"Bei der Erschliessung, den Heiz- und Betriebskosten und natürlich auch im Bau kann man sich hier etwas sparen. Je mehr Familien sich beteiligen, desto günstiger wird der Quadratmeter ja im Endeffekt", zählt Patrick Fessler vom Büro Triendl und Fessler Architekten einige Vorteile gemeinschaftlicher Bauprojekte auf. 2008 errichteten die Wiener Planer ein Zweifamilienhaus im niederösterreichischen Hadersfeld, das genau auf die Bedürfnisse seiner Bewohner abgestimmt wurde. Im vergangen Jahr wurden sie dafür sogar mit dem Holzbaupreis ausgezeichnet. Genau an der Widmungsgrenze zwischen Bau- und Grünland wurde das dunkle Haus positioniert, so dass sich eine Zonierung in vorderen und hinteren Gartenbereich ergibt. Die beiden Wohneinheiten lassen sich am Baukörper klar ablesen, ohne dabei die gemeinsame Architektursprache aus den Augen zu verlieren. "Es geht uns nicht darum, zwei oder drei Häuser aneinanderzukleben. Wir haben den Anspruch ein Gesamtkonzept zu realisieren", sagt Karin Triendl. Im Inneren ähnelt sich die Organisation der beiden Häuser: Ein offener Wohn-Essbereich zieht sich über die gesamte Gebäudetiefe. Die Schlafräume im Obergeschoß zeigen sich dank raumhoher Verglasung lichtdurchflutet. Ein zwischen die beiden Wohneinheiten geschobener Gemeinschaftsraum fungiert sowohl als verbindendes Element, schafft aber zugleich eine Abstandsfläche zum Nachbarn. Gemeinschaftliches Wohnen beschränkt sich aber nicht auf die Anzahl von zwei Parteien. Ein gelungener Beweis dafür, ist ein revitalisierter Vierkanthof in St. Ulrich bei Steyr in Oberösterreich. Auf rund 700 Quadratmetern sind hier nach Sanierung und Umbau vier Wohneinheiten, Gemeinschaftsräume sowie Gästeapartments entstanden. "Das Thema einer sinnvollen Nach- und Neunutzung ist für uns generell sehr interessant. Es gibt ja auch andererorts solche riesigen Bauvolumen, die leer stehen und verfallen", erzählt Martin Junger, vom Architekturbüro junger_beer. Das Raumprogramm des alten Hofs wurde vollkommen neu auf den Kopf gestellt: Wo früher der Stall untergebracht war, ist heute ein gemeinsamer Aufenthaltsbereich entstanden. Auch Hof, Garten und Schwimmteich gehören zu den erklärten "Miteinander-Zonen". Die Wege, Wendeltreppen und Loggien sorgen nicht nur für den notwendigen Abstand zum Nachbarn, sondern lockern auch den hermetischen Charakter traditioneller Vierkant-Architektur auf. Der Erfolg des gemeinsamen Bauens und Wohnens ist eng an die Chemie zwischen den zukünftigen Nachbarn geknüpft, soweit sind sich Experten einig: Wer so etwas macht, der kennt sich meistens schon vorher oder lernt sich spätestens während der Bauphase erstaunlich gut kennen. "Für uns als Architekten ist es immer besser, wenn zu Beginn des Projektes bereits alle Bewohner feststehen. Gibt es einen, der als Sprachrohr für die Gruppe fungiert, erleichtert das auch das Vorankommen", erklärt Architekt Martin Junger. Junger_beer architektur
1999 gründeten Martin Junger und Stefan Beer (von rechts) das Büro junger_beer mit Sitz in Wien und Bregenz. Das erklärte Ziel: Qualitativ hochwertige Gebäude, die nicht nur in technisch-funktionaler, sondern auch in ästhetischer Hinsicht langlebig sind.
Neben Privat-, Wohn- und Bürobauten stammen auch
Sonderprojekt, wie das Krankenhaus in Kitzbühel aus der Feder der Architekten.

www.jungerbeer.at Die Architekten Karin Triendl und Patrick Fessler über den Trend zum Mehrfamilienhaus:
Welche Gründe sprechen neben der reinen Kostenfrage für gemeinschaftliche Wohnprojekte? 
Hier geht es auch um das Thema der Zersiedelung. Als Architekten wollen wir hier entgegenwirken. Wenn jeder ein Einfamilienhaus baut und dann in die Stadt pendelt, ist das ja aus ökologischer Sicht ein Wahnsinn. Ein Mehrfamilienhaus, wie in Hadersfeld, macht da auch aus nachhaltiger Sicht Sinn. Hier ist es so, dass beide Familien Kinder haben, aber auch arbeiten. Da kann man sich abwechseln, Fahrgemeinschaften bilden und sich gegenseitig helfen. Hier fließt auch ein sozialer Aspekt mit ein. Wir glauben, dass wir damit genau den Nerv der Zeit getroffen haben. Mehrfamilienhäuser reagieren auch auf das veränderte Familienbild der heutigen Zeit.

Stellt ein Projekt für mehrere Familien andere Ansprüche an einen Architekten als ein Einfamilienhaus? 
Es ist schon eine größere Herausforderung, weil man mit viel mehr Faktoren zu tun hat. Man ist mit mehr Parteien konfrontiert, es gibt mehr Wünsche (und Beschwerden), auf die man eingehen muss. Da ist der Aufwand für den Architekten natürlich größer. Aber das macht auch das Besondere aus, dass man auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner eingehen kann. 

www.triendlundfessler.at
(ce) Erstellt am
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