Thermalbad Vöslau zwischen gestern und heute

Arthur Schnitzler hat hier einst schwimmen gelernt. Jetzt macht eine gelungene Modernisierung das Thermalbad Vöslau wieder zu einem der schönsten Plätze der Welt.

Natürlich ist es am beeindruckendsten ganz in der Früh oder abends, nach Badeschluss. Wenn man im großen Becken fast allein über dem gut sichtbaren Kieselboden seine Runden schwimmt. Es herrscht Stille, nur im hinteren Bereich sprudelt unablässig das Quellwassser aus einer Seitenöffnung heraus. 

Im Bild: Der Eingang des Bades. Hier nahm alles seinen Anfang und das tut es bis jetzt: Das Vöslauer Mineralwasser zapft dieselbe Ursprungsquelle an, die im Bad rund alle eineinhalb Tage den gesamten Inhalt des Beckens erneuert. Deshalb kommt man den ganzen Sommer über auch ganz ohne Chlor aus, eine Wohltat für Augen und Haut. "Wir verfügen über eines der letzten Durchflussbecken Österreichs", erklärt Bettina Racz, Leiterin des Bades. 

Im Bild: Im Jahr 1822 erstmals eröffnet wurden 1873 die Badanlagen nach den Plänen des berühmten Architekten Theophil Hansen erweitert und neu gestaltet. Sie und ihr Team sind stolz, dass hier alles ein bisschen anders abläuft. Anders, weil man über keine Kinderrutschen oder sogenannte Event-Becken verfügt, sondern eigentlich nur über eine Kulisse wie anno dazumal. Man könnte hier jederzeit einen Film über Sommerfrische-Gäste um die Jahrhundertwende drehen. Anders, weil man hier in Kabanen übernachten kann – also wirklich auf Sommerfrische ist, bis zum heutigen Tag. Und außerdem anders, weil die Schwimmsaison zwar nur von April bis Ende September geht, man aber das ganze Jahr über den Sauna- und Wellnessbereich benutzen und in Appartements wohnen kann. "In unserer schnelllebigen Welt muss eigentlich ständig überall etwas passieren", erklärt Bettina Racz mit Blick auf Hängematten im oberen Waldteil der Anlage. "Bei uns nicht – hier kann man einfach nur daliegen und in die Bäume hinaufschauen." Graf Moritz Fries hatte das Areal im Maital 1816 gekauft, sumpfige Teiche befestigen und ein Badehaus mit kupfernen Wannen errichten lassen. 1822 wurde die Fries’sche Badeanstalt eröffnet und später nach Plänen des berühmten Architekten Theophil Hansen weiter ausgebaut. Allen voran schwor Johann Malfatti, Leibarzt Beethovens, auf die Wasserbäder. Den Thermalquellen sprach man stärkende und vielfältig heilende Wirkungen zu. Ein positiver Einfluss auf Herz- Kreislauferkrankungen zählte dabei noch zu den unspektakulärsten. In damaligen Reiseführern hieß es etwa: Impotenz – Insofern als diese Krankheit in Folge von Nervenschwäche entstanden ist, kann in Vöslau noch Heilung erfolgen. 

Im Bild: In den oberen Kabanen kann übernachtet werden. Man konnte hier aber auch einfach nur schwimmen lernen – damals noch ein relativ progressives Unterfangen. Neben Mitgliedern des Kaiserhauses wurde auch vielen anderen prominenten Schülern Unterricht erteilt. 

Im Bild: Baden ohne Chlor. Das große Becken enthält ausschließlich Wasser aus der Ursprungsquelle von Vöslauer. So wagte etwa der Schriftsteller Arthur Schnitzler hier seine ersten Versuche. In seinem Tagebuch notierte er: Der erste Ort, an dem wir uns während einiger Ferienwochen und später noch öfters aufhielten, war Vöslau, in dessen lauen Quellenbädern ich schwimmen lernte.
Mittlerweile ist das Bad im Besitz der Ottakringer Brauerei, zu dessen Konzern auch Vöslauer zählt. Dies war für die Anlage in doppeltem Sinne ein Glücksfall: Zum einen, weil das Unternehmen sich ernsthaft des Bades und seiner Instandhaltung annahm.

Im Bild: Die Duschen am Beckenrand stammen aus dem Jahr 1926 und werden ständig gewartet. Zum anderen, weil Birgit Aichinger, Leitung Marketing und PR der Vöslauer Mineralwasser AG, das Architektur-Juwel zu ihrer persönlichen Herzensangelegenheit erklärte. Gemeinsam mit Architekt Ernst Karl und der Wiener Innenarchitektin und Künstlerin Eva Beresin kümmerte sie sich um die behutsame Revitalisierung und neue architektonische Konzepte. So wurden nicht nur alle Kabinen und die alten Kabanen auf den neuesten Stand gebracht, ohne die einzigartige Architektur darunter leiden zu lassen. Ein Wellnessbereich musste neu dazugebaut werden und im oberen Teil ergänzte man das Gelände durch weitere Kabanen, in denen ihre Mieter den Sommer über (theoretisch auch das ganze Jahr) nächtigen können. "Wir haben schon zu Beginn besonders darauf geachtet, das Thermalbad an moderne Bedürfnisse anzupassen und dabei seinen besonderen Charme zu erhalten", so Aichinger. Warum es ihr das Bad so angetan hat? "In einer Zeit der Reizüberflutung, wächst der Wunsch nach Entspannung und Ruhe. Dieser Ort bietet seinen Gästen das Flair von einst, tut das aber in einer modernen Interpretation." Die Platanen im Waldgelände über dem Bad sind, wie Leiterin Bettina Racz betont, über hundert Jahre alt. "Für mich ist das ganz klar ein Kraftplatz." Jetzt ist man hier so lässig und hat für die Gäste Hängematten zwischen den Bäumen aufgespannt. Wer durstig ist kann sich in der im Wald gelegenen, frisch renovierten Milchbar um Getränke anstellen. Zu den schönsten Neuerungen zählen die von Eva Beresin ausgestatteten Kabanen gleich nebenan: Dezent und stilvoll erwarten einen in dem Holzhäuschen mit Terrasse Möbel und Accessoires aus den 1940er- bis 1960er-Jahren.

Im Bild: Die Milchbar im oberen Waldteil ist seit heuer renoviert. Die Welt von gestern, aber ohne historisierenden Kitsch. So wollte man schon immer Urlaub machen, so sollte ein Ferienhäuschen eingerichtet sein. Bis 25. September kann heuer noch gebadet werden. Im kommenden Jahr geht es ab 28. April wieder los.

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(KURIER) Erstellt am
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